Rheuma

Rheuma bei Kindern spät erkannt

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HAMBURG (dpa). "Kinder können doch kein Rheuma haben!", hört der Kinderrheumatologe Dr. Nikolay Tzaribachev immer wieder. Doch auch wenn diese Erkrankung vergleichsweise selten in jungen Jahren auftritt: Geschätzt wird die Zahl der an Rheuma erkrankten Kinder und Jugendlichen in Deutschland auf etwa 20 000. "Häufig wird die Krankheit spät erkannt, weil zu selten daran gedacht wird, wenn ein Kind Schmerzen in den Gelenken hat. Je länger die Zeit bis zum Beginn der Therapie dauert, desto wahrscheinlicher werden chronische Gelenkschäden", sagt Tzaribachev, Kinderrheumatologie am Klinikum Bad Bramstedt. Hinweise auf Rheuma bei Kindern sind etwa Gelenkschwellungen oder wenn Kinder humpeln oder getragen werden wollen. Von heute (Mittwoch) an treffen sich die Kinderrheumatologen zur Jahrestagung der Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie (15. bis 18. September) in Hamburg. Die Tagung fällt mit dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie zusammen. Etwa 100 Krankheiten sammeln sich unter dem Begriff Rheuma. Am häufigsten bei Kindern ist die Juvenile Idiopathische Arthritis (JIA). Dabei können ein oder mehrere Gelenke von einer Entzündung der Gelenkinnenhäute befallen sein. Gefürchtete Komplikationen sind die Zerstörung der Kiefergelenke und eine Augenentzündung, die unter Umständen sehr schwer verlaufen kann. "Im schlimmsten Fall kann das Kind blind werden", warnt Tzaribachev. "Wir sind auf der Suche nach geeigneten Markern oder auch bildgebenden Verfahren, mit denen sich voraussagen lässt, wie das Rheuma verläuft und wann man die Therapie wieder beenden kann", berichtet Professor Dirk Föll vom Universitätsklinikum Münster. Denn die üblichen Medikamente haben oft beträchtliche Nebenwirkungen, wie etwa Methotrexat, das in mehr als 100-fach höherer Dosierung auch bei Krebs eingesetzt wird. "Außerdem müssen wir den Überblick über neue Medikamente für Erwachsene behalten, und unabhängig von der Pharmaindustrie prüfen, ob sie auch für Kinder geeignet sind." Hoffnungen setzen die Experten in Erkenntnisse, die aus der Forschung an extrem seltenen und lebensbedrohlichen Erbkrankheiten gewonnen wurden. "Bei diesen Syndromen haben die Kinder beispielsweise häufig wiederkehrende Fieberattacken", sagt Pädiater Föll. Man kenne nun einige genetische Faktoren und untersuche, ob die damit verbundenen Krankheitsmechanismen bei kindlichem Rheuma, aber auch der Gicht bei Erwachsenen eine Rolle spielen. Daraus ergeben sich laut Föll neue Therapiemöglichkeiten mit sogenannten Biologika, biotechnologisch herstellten Substanzen, die gezielt in Vorgänge im Körper eingreifen können. Häufig beginnen die Experten die Behandlung bei Rheuma-Kindern mit hoch dosierten Fiebermedikamenten, die auch Entzündungen hemmen. Reicht dies nicht aus, kommt Kortison oder Methotrexat zum Einsatz. Danach stehen die Biologika auf dem Plan, die teilweise bereits für Kinder zugelassen sind. Werden sie trotz fehlender Zulassung für Kinder verschrieben, nennt man dies Off-Label-Gebrauch, die Eltern müssen schriftlich zustimmen. "Das kommt bei mindestens 10 bis 20 Prozent unserer Patienten vor", sagt Tzaribachev. Eine große Frage ist auch, wie es Rheuma-Kindern geht, wenn sie älter werden. Eine neue Studie soll den Langzeitverlauf bei 800 neu an Arthritis erkrankten Kindern über mindestens sechs Jahre dokumentieren, elf Zentren sollen sich daran beteiligen. Früher sei man davon ausgegangen, dass die rheumatische Erkrankung bei etwa 50 Prozent der Kinder wieder verschwindet, sagt Föll. Diese Zahl sei wohl zu hoch gewesen. Tzaribachev hat beobachtet, dass die Gelenke teils weiter zerstört werden, wenn die Kinder keine Beschwerden haben und die Laborwerte in Ordnung sind. "Da sind noch viele Fragen offen."

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