Direkt zum Inhaltsbereich

Schlaganfall-Prophylaxe bei Vorhofflimmern: Ansturm von neuen Antikoagulanzien

Am "Tag gegen den Schlaganfall" am 10. Mai steht auch die Suche nach besseren Präventionsmöglichkeiten im Fokus. Dazu gehören Wirkstoffe zur Schlaganfall-Prophylaxe bei Vorhofflimmern als Ursache der Komplikation.

Peter OverbeckVon Peter Overbeck Veröffentlicht:
Hirninfarktareal im MRT-Bild und 3-D-Rekonstruktion des Gehirns eines Patienten mit Schlaganfall. © dpa

Hirninfarktareal im MRT-Bild und 3-D-Rekonstruktion des Gehirns eines Patienten mit Schlaganfall. © dpa

© dpa

Nach aktuellen Hochrechnungen sind in Deutschland rund 1 Million Menschen von Vorhofflimmern betroffen. Die am meisten gefürchtete Komplikation dieser häufigsten Rhythmusstörung in der Praxis ist der Schlaganfall. Bis zu 15 Prozent aller Schlaganfälle und rund ein Drittel aller Hirninsulte in der Altersgruppe der über 80-Jährigen sind auf Vorhofflimmern zurückzuführen.

Besteht in Abhängigkeit von weiteren Erkrankungen wie Hypertonie, Diabetes oder Herzinsuffizienz ein erhöhtes Schlaganfallrisiko, empfehlen die Leitlinien bei Vorhofflimmern heute die orale Antikoagulation mit Vitamin-K-Antagonisten (VKA) wie Phenprocoumon. Trotz ihrer guten präventiven Wirksamkeit wird der Bedarf an besseren Alternativen allerdings bei kaum einer Indikation als so dringlich angesehen wie beim Vorhofflimmern. Das liegt an den bekannten Tücken der Langzeitprophylaxe mit VKA.

Heutige Antikoagulation bereitet häufig Probleme

Aufgrund möglicher Interaktionen mit Medikamenten oder Nahrungsbestandteilen ist ihre Wirkung oft schwer voraussehbar. Regelmäßige Gerinnungskontrollen machen die Behandlung aufwändig und unbequem. Oft liegen die Gerinnungswerte unter- oder oberhalb des therapeutischen Bereichs (INR 2,0-3,0), was das Risiko von Thromboembolien einerseits und von Blutungen andererseits erhöht. Schon seit einiger Zeit arbeiten forschende Pharmaunternehmen mit Hochdruck an der Entwicklung neuer Antikoagulanzien, die frei von Limitierungen klassischer Gerinnungshemmer sind. Die Zielvorgabe ist klar: Es sollte ein oral und in fixer Dosierung applizierbares Antikoagulans sein, das eine berechenbare Wirkung sowie ein breites therapeutisches Fenster besitzt und keine regelmäßige Überwachung der Gerinnungswerte erfordert.

Bei ihrer Suche kann die Forschung bereits einen ersten Erfolg verzeichnen. Mit dem oralen Thrombinhemmer Dabigatran (Pradaxa®) hat in der RELY-Studie erstmals ein neues Antikoagulans den entscheidenden Vergleichstest klar bestanden. In dieser Studie sind 18 113 Patienten mit Vorhofflimmern und erhöhtem Schlaganfallrisiko im Schnitt zwei Jahre lang mit Dabigatran (110 mg oder 150 mg, jeweils zweimal täglich) oder mit dem VKA Warfarin behandelt worden.

Dabigatran war in beiden Dosierungen dem bisherigen Standard in puncto Wirksamkeit - primärer Endpunkt waren Schlaganfälle und systemische Embolien - mindestens ebenbürtig. In der 110-mg-Dosis führte der Thrombinhemmer bei gleicher Wirksamkeit signifikant seltener zu schweren Blutungskomplikationen. In der 150-mg-Dosierung erwies sich Dabigatran als signifikant stärker wirksam: Die Schlaganfallrate wurde im Vergleich zu Warfarin um 34 Prozent reduziert - bei gleichem Blutungsrisiko.

Mindestens vier weitere neue Gerinnungshemmer werden derzeit in Mega-Studien mit dem Ziel untersucht, den klassischen Antikoagulanzien den Rang streitig zu machen.

Mehrere Faktor-Xa-Hemmer in Mega-Studien geprüft

In der laufenden ROCKET-AF-Studie soll der direkte Faktor-Xa-Hemmer Rivaroxaban (Xarelto®, 20 mg einmal täglich) seine "Nicht-Unterlegenheit" in der Prävention von Schlaganfällen und systemischen Thromboembolien im Vergleich mit Warfarin unter Beweis stellen. Bis zum Juni 2009 sind für diese Studie insgesamt 14 269 Patienten mit Vorhofflimmern und erhöhtem Schlaganfallrisiko rekrutiert worden. ROCKET-AF ist eine "ereignisgesteuerte" Studie, die mit dem Erreichen einer festgelegten Zahl von primären klinischen Endpunkten beendet sein wird.

Wie Rivaroxaban ist auch Apixaban ein oral applizierbarer direkter Faktor-Xa-Hemmer. Apixaban wird derzeit in der ARISTOTLE-Studie in seiner präventiven Wirkung auf Schlaganfälle und systemische Embolien an Warfarin gemessen. Die Studie ist so angelegt, dass sowohl die "Nicht-Unterlegenheit" als auch die Überlegenheit des Faktor-Xa-Hemmers nachgewiesen werden kann. Weltweit sind insgesamt 18 208 Patienten in die Studie aufgenommen worden. Die Laufzeit der Studie bemisst sich an der statistischen Vorgabe, dass mindestens 448 primäre Endpunktereignisse aufgetreten sind.

Mit Edoxaban befindet sich in der Studie ENGAGE AF-TIMI 48 ein weiterer Faktor-Xa-Inhibitor in der klinischen Prüfung. In dieser Studie werden zwei unterschiedliche Edoxaban-Dosierungen bei Patienten mit Vorhofflimmern in ihrer Wirksamkeit mit Warfarin verglichen. Weltweit sollen rund 16 500 Patienten für die Teilnahme rekrutiert werden.

Ein weiterer Kandidat ist der indirekte Faktor-Xa-Hemmer Idraparinux. In der Studie BOREALIS-AF, an der knapp 10 000 Patienten beteiligt sind, wird dieses Antikoagulans derzeit in chemisch modifizierter Form - nämlich als biotinyliertes Idraparinux - geprüft. Der Wirkstoff ist an Biotin gekoppelt, an das bei Bedarf ein Antidot andocken kann, was die Therapie sicherer machen soll.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Akuter ischämischer Insult oder TIA

Schützt GLP-1-Rezeptoragonist vor frühen Schlaganfall-Rezidiven?

Strategie nach Ende der DAPT

Nach perkutaner Koronarintervention bevorzugt Clopidogrel einsetzen

Das könnte Sie auch interessieren
50 Jahre Jung-Preis

© Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung

50 Jahre Jung-Preis

Freiheit als Voraussetzung für medizinischen Fortschritt

Anzeige | Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Studien CLIMB THAL-111 und -131: Veränderung des Gesamt-Hb-Werts und des HbF-Werts nach Exa-cel-Infusion bei TDT-Patientinnen und -Patienten (Quelle: Locatelli F et al., European Society for Blood and Marrow Transplantation (EBMT) 2026, Madrid, Spanien, Abstract GS2-5)

© Springer Medizin Verlag

Neue Perspektiven bei Hämoglobinopathien

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Vertex Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München
Abb. 1: Folgen einer Fehldiagnose bei Menschen mit einer Seltenen Erkrankung (SE), die angaben, dass ihre SE oder die SE einer von ihnen betreuten Person mindestens einmal falsch diagnostiziert wurde (n=4.756)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Neuromyelitis-Optica-Spektrum-Erkrankungen

Weshalb das rechtzeitige Erkennen und Behandeln wichtig ist

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alexion Pharma Germany GmbH, München
Ofatumumab zeigt günstiges 8-Jahres-Sicherheitsprofil

© William / Generated with AI / Stock.adobe.com

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Ofatumumab zeigt günstiges 8-Jahres-Sicherheitsprofil

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Beispiele zum Durchklicken

Auffälliges EKG: Was steckt hinter diesen 13 Fällen?

Früherkennung von Geschlechtskrankheiten

Kein Screen & Treat bei mukosalen STI!

Schädel-Hirn-Traumata

Was Kopfbälle für das Demenzrisiko bedeuten

Lesetipps
Ein Blick in die aktuelle Isolationsstudie SOLIS100, die in Zusammenarbeit mit der ESA durchgeführt wird. Sechs Personen sind für 100 Tage in einem Raum isoliert ohne Kontakt nach außen bis auf terminierte Mission-Controll-Telefonate und 30 Minuten Kontakt zu Freunden und Familie pro Woche über Telefon/Videoanruf.

© DLR

Raumfahrtmediziner im Porträt

Jens Jordan – ein Arzt für Weltall und Erde

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer