Direkt zum Inhaltsbereich

Herzkrankheiten

Schlechte Adhärenz steigert Schlaganfall-Risiko

Unzureichende Einnahme von Medikamenten ist riskant. Autoren einer neuen Metaanalyse schätzen, dass in Europa rund 9 Prozent aller kardiovaskulären Ereignisse mangelnder Therapietreue anzulasten sind.

Peter OverbeckVon Peter Overbeck Veröffentlicht:

CAMBRIDGE. Im Falle "evidenzbasierter" Therapien, deren Wirksamkeit in kontrollierten Studien dokumentiert wurde, ist zu erwarten, dass eine unzureichende Therapietreue die klinische Effektivität dieser Therapien mindert.

In welchem Maß erhöht "Nicht-Adhärenz", also die mangelnde Einhaltung als erforderlich angesehener Therapiemaßnahmen, das kardiovaskuläre Risiko der Patienten?

Zur Klärung dieser Frage hat eine Forschergruppe an der Universität Cambridge eine riesige Datenmenge systematisch ausgewertet. Ihre im "European Heart Journal" aktuell publizierte Metaanalyse basiert auf Daten aus 44 prospektiven Kohortenstudien, an denen knapp 2 Millionen erwachsene Personen beteiligt waren (Eur Heart J 2013; 34: 2940).

Im Beobachtungszeitraum waren mehr als 135.000 kardiovaskuläre Ereignisse und rund 94.000 aufgetretene Todesfälle erfasst worden.

Auf dieser Datengrundlage verglichen die Forscher die kardiovaskulären Risiken von Patienten, deren Therapieadhärenz bezüglich der Einnahme von Statinen oder Blutdrucksenkern als gut oder als schlecht beurteilt wurde.

Als gut galt die Therapieadhärenz, wenn mehr als 80 Prozent der in einem bestimmten Zeitraum vorgesehenen Medikamente auch tatsächlich eingenommen worden waren.

Nur bei 60 Prozent aller Studienteilnehmer stellten die Untersucher nach diesem Kriterium eine zufriedenstellende Therapietreue fest.

In dieser Gruppe betrug das relative Risiko für das Auftreten kardiovaskulärer Ereignisse 0,8 im Vergleich zur Gruppe mit schlechter Adhärenz, was einer Risikoreduktion um 20 Prozent entspricht.

Dabei zeigten sich Unterschiede in Abhängigkeit von der Art der Medikation. Im Fall der Statine war bei guter Compliance das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse relativ um 15 Prozent niedriger; im Fall der Antihypertensiva war eine gute Adhärenz mit einem um 19 Prozent niedrigeren Risiko assoziiert.

Korrelation mit Mortalität

Die Unterschiede in der Therapieadhärenz spiegeln sich auch in der Mortalität wider: Eine gute Compliance bezüglich der Statintherapie war mit einem um 45 Prozent niedrigeren Sterberisiko assoziiert, bezüglich der antihypertensiven Therapie betrug die entsprechende Risikoreduktion bei guter Adhärenz 29 Prozent.

Absolut betrachtet gehen nach Berechnungen der Autoren jährlich 13 kardiovaskuläre Ereignisse pro 100.000 Personen auf das Konto mangelnder Therapietreue.

Auf der Basis der ermittelten relativen und absoluten Risiken gelangen sie zu der Schätzung, dass in Europa rund 9 Prozent aller kardiovaskulären Ereignisse in Zusammenhang mit einer ungenügenden Therapieadhärenz stehen.

In derselben Ausgabe des "European Heart Journal" präsentiert eine finnische Arbeitsgruppe eine Analyse zum Zusammenhang zwischen Therapieadhärenz und Schlaganfallrisiko bei Patienten mit Bluthochdruck (Eur Heart J 2013; 34: 2933).

Basierend auf Registerdaten von mehr als 73.500 Hypertonikern haben die Forscher die Einnahmetreue bezüglich Antihypertensiva erstmals langfristig Jahr für Jahr über mehr als ein Jahrzehnt untersucht und in Beziehung zur Inzidenz von tödlichen und nicht tödlichen Schlaganfällen gesetzt.

In dieser Zeit kam es zu 2144 tödlichen Hirninsulten und mehr als 24.500 Klinikeinweisungen infolge Schlaganfall. Anhand von Rezepteinlösungen festgestellte Nicht-Adhärenz war schon nach zwei Jahren mit einem rund vierfach höheren Risiko für einen tödlichen Schlaganfall assoziiert; nach zehn Jahren bestand noch ein um den Faktor 3 höheres Risiko.

Nicht-Adhärenz ging auch mit einer entsprechenden Erhöhung der Rate an schlaganfallbedingten Klinikaufnahmen einher.

Auch die Art der Medikation schien von Bedeutung zu sein. So war Non-Adhärenz von Patienten, die eine Kombination aus Hemmern des Renin-Angiotensin-Systems und Diuretika oder Betablocker erhielten, mit einer besonders ausgeprägten Risikoerhöhung assoziiert.

Die Forscher beobachteten auch so etwas wie eine Dosis/Wirkungs-Beziehung zwischen Adhärenz und Risiko - was ein starkes Signal für Kausalität ist.

Nach einer Graduierung der Therapietreue in "gut", "intermediär" und "schlecht" stellten sie fest, dass das Schlaganfallrisiko mit zunehmender Verschlechterung der Therapietreue kontinuierlich anstieg.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Empfehlungen für die Therapie

So holen Sie Ihre Patienten aus der Post-Stroke-Depression

Das könnte Sie auch interessieren
An der Frankfurt School of Finance & Management im Norden der Mainmetropole wird auch in diesem Jahr der Tag der Privatmedizin 2026 ausgerichtet. Die Veranstaltung ist für den 21. November angesetzt. (Archivbild)

© Frankfurt School of Finance & Management

Update

Praxiswissen und Innovation

Privatmedizin: Anregungen für die Praxis in Frankfurt am 21. November

Logo Medibiom

© Medibiom

MEDICE

MEDIBIOM – Darmgesundheit neu gedacht!

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema

Vom Warnsignal zur RNAi-Therapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

© Rasi / stock.adobe.com

Chronische Herzinsuffizienz

HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
ATTR-CM-Therapien im Wandel: Die Rolle von Acoramidis

© CLIPAREA.com / stock.adobe.com

Transthyretin-Amyloidose mit Kardiomyopathie

ATTR-CM-Therapien im Wandel: Die Rolle von Acoramidis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Sie fragen – Experten antworten

Wann zählt die FSME-Impfung bei der Vorhaltepauschale mit?

Lesetipps
Ehrenamtliches Engagement beeindrucke sie nicht nur, „es berührt mich“, erklärte die einstige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt.

© David Vogt

Springer Medizin Gala

Preisträger des Springer Medizin Charity Awards feierlich gekürt

Bei der Springer Medizin Gala wurden die Preisträger des Galenus-von-Pergamon-Preises und des Charity Awards gekürt.

© Marc-Steffen Unger

Preisträger gekürt

Das sind die Gewinner des Galenus-von-Pergamon-Preises 2026