HINTERGRUND

Seltener Komasaufen - Erfolg bei Modellprojekt

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Trinken, bis der Arzt kommt? Manche Jugendliche kennen keine Grenzen.

Trinken, bis der Arzt kommt? Manche Jugendliche kennen keine Grenzen.

© Foto: Imago

Komasaufen wird bei Jugendlichen offenbar immer beliebter. Nach Angaben der Techniker Krankenkasse hat sich die Zahl der Klinikeinweisungen von Jugendlichen wegen exzessiven Trinkens in den vergangenen fünf Jahren praktisch verdoppelt (wir berichteten). Diesem Trend kann man jedoch entgegenwirken, hat jetzt ein Präventionsprojekt in Rostock gezeigt: Durch eine gezielte Betreuung in Kliniken und durch Gespräche in Supermärkten und Diskotheken müssen dort deutlich weniger Kinder und Jugendliche wegen einer Alkoholvergiftung in eine Klinik als zuvor. Die Rate der Klinikaufnahmen ließ sich in Rostock um 20 Prozent reduzieren. In den übrigen Regionen in Mecklenburg-Vorpommern, die nicht an dem Projekt teilnahmen, stieg sie dagegen um 33 Prozent.

Daten zu dem Präventionsprogramm mit der Bezeichnung "HaLt - Hart am Limit" hat jetzt Dr. Olaf Reis von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Rostock vorgestellt. Bei dem Bundesmodellprojekt hat eine kinder- und jugendpsychiatrisch ausgebildete Ärztin in Rostock und dem Landkreis Güstrow Minderjährige nach der Klinikeinweisung besucht - und zwar sobald diese ansprechbar waren, sagte Reis auf dem ersten deutschen Suchtkongress in Mannheim. Die Ärztin führte ein Gespräch mit den jungen Patienten, um zu eruieren, wie es zu der Alkoholvergiftung kam. Die Ärztin sollte auch klären, ob es sich dabei eher um Spaßtrinker handelt, bei denen von einer einmaligen Entgleisung auszugehen ist, oder um Problemtrinker, bei denen Stresssituationen und schwierige Lebensumstände vorliegen, so dass eine hohe Wiederholungsgefahr besteht. Solche Patienten wurden dann zur Verhaltensprävention in spezielle Beratungsgruppen vermittelt.

Auch gegen Supermärkte und Diskos wurde vorgegangen

Mit dem Gespräch versuchte die Ärztin auch zu klären, wie die Jugendlichen an den Alkohol kamen. Und diese Erkenntnisse wurden wiederum in Präventionsmaßnahmen umgesetzt, sagte Reis. So wurden Angaben zu "Hotspots" der Alkoholbeschaffung an die Landeskoordinierungsstelle gegen Suchtgefahren geleitet. Bekamen etwa Jugendliche in einem bestimmten Supermarkt unerlaubterweise Alkoholika, wurde mit dem Leiter der Filiale gesprochen. Dabei stellte sich heraus, dass die Stammbelegschaft die Jugendschutzvorschriften gut kannte und meist auch einhielt, als Problem erwiesen sich jedoch häufig Aushilfskräfte, die - selbst kaum älter als die Jugendlichen - bereitwillig Alkohol verkauften. Aber auch mit Besitzern von Diskotheken und Gaststätten, in denen es zu Alkoholexzessen kam, wurden gesprochen.

Die Forscher verglichen nun die Rate der Jugendlichen mit Alkoholintoxikationen vor und nach dem Projektbeginn im Jahr 2004, zudem verglichen sie diese Raten mit den Raten im übrigen Mecklenburg-Vorpommern. In den zwei Projektjahren wurden Daten von insgesamt 2260 Kindern und Jugendlichen mit Alkoholvergiftung ausgewertet. Die Ergebnisse: Bis zum Jahr 2004 war die Zahl der Klinikeinweisungen in Rostock und Güstrow stetig gestiegen. 2004 wurden etwa 100 Jugendlichen mit Intoxikationen im Projektgebiet aufgenommen, das entspricht etwa drei Promille aller Kinder und Jugendlichen im Alter von 10 bis 18 Jahren. Nach den zwei Projektjahren war die Rate um 20 Prozent gesunken. In den übrigen 15 Verwaltungskreisen des Bundeslandes war die Rate in der selben Zeit dagegen um 33 Prozent gestiegen. Der Unterschied zwischen beiden Regionen war statistisch signifikant.

Auch die Rückfallrate ließ sich im Projektgebiet deutlich reduzieren. Wurden 2004 noch 7,8 Prozent aller Minderjährigen mit Alkoholvergiftung erneut eingewiesen, so waren es im Jahr 2006 nur noch 4,4 Prozent- eine Reduktion um 40 Prozent. In den Gebieten außerhalb des Projektes war die Rückfallrate zwar auch gefallen, aber nur um 11 Prozent. Der Unterschied zwischen Projekt- und Vergleichsregion war jedoch nicht signifikant - die Fallzahlen waren dafür zu klein, sagte Reis.

Zahl der Intoxikationen ist in der Projektregion rückläufig.

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