EPIC-Studie

Vegetarier haben weniger Infarkte, jedoch mehr Insulte

Vegetarier und Veganer essen aus kardiologischer Sicht durchaus gesünder. Der neurologische Blick ins Gehirn zeigt jedoch auch mögliche Nachteile. Die kann man aber durch eine Maßnahme umgehen.

Von Robert Bublak Veröffentlicht:
Vegetarische Kost: Schadet die erniedrigte Zufuhr bestimmter Nährstoffe den Hirngefäßen?

Vegetarische Kost: Schadet die erniedrigte Zufuhr bestimmter Nährstoffe den Hirngefäßen?

© Barbara Pheby/stock.adobe.com

Neue Daten aus der EPIC-Studie

  • Vegetarier, nicht aber Fischesser, haben ein um 20 Prozent höheres Risiko für Schlaganfälle als Fleischesser.
  • Das erhöhte Insultrisiko ist wesentlich bedingt durch die um 43 Prozent erhöhte Rate hämorrhagischer Insulte.

Oxford. Eine vegetarische Ernährung, die vegane Variante eingeschlossen, senkt das Risiko, eine ischämische Herzerkrankung zu entwickeln. Auch wer auf Fleisch verzichtet, aber Fisch verzehrt, hat diesbezüglich Vorteile. Insgesamt betrachtet schneiden Braten- und Wurstabstinenzler in puncto kardiovaskulärer Gesundheit besser ab. Doch es lohnt sich, den Blick aufs Detail zu heften.

Denn laut neuen Ergebnissen der European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC)-Studie, die auf den 18-Jahres-Nachbeobachtungsdaten von mehr als 48 000 Probanden beruhen, hat eine fleischlose Kost – die rund die Hälfte der Studienteilnehmer bevorzugten – womöglich auch gesundheitliche Nachteile.

Neue Daten der EPIC-Studie

Wie die EPIC-Forscher um Dr. Tammy Tong von der Universität Oxford nach Abgleich sozioökonomischer und lebensstilbedingter Einflussfaktoren ausgerechnet haben, weisen Fischesser ein um 13 Prozent und Vegetarier ein um 22 Prozent niedrigeres Risiko als Fleischesser auf, eine ischämische Herzkrankheit zu entwickeln (BMJ 2019; 366: l4897).

Je 1000 Personen wirkt sich das für Vegetarier in einem Minus von zehn Fällen in zehn Jahren aus. Bezieht man Angaben zu Hypercholesterinämie, Bluthochdruck, Diabetes und BMI in die Kalkulationen ein, schwächt sich die Assoziation ab. Das ist allerdings auch zu erwarten, weil ein allfälliger kardioprotektiver Effekt fleischloser Ernährung vermutlich genau dadurch zustande kommt, dass diese sich günstig auf Lipidprofil, Blutdruck, Blutglukose und BMI auswirkt.

Andererseits haben Vegetarier, nicht aber Fischesser, ein um 20 Prozent höheres Risiko für Schlaganfälle. Dies ist wesentlich bedingt durch die um 43 Prozent erhöhte Rate hämorrhagischer Insulte. Für den ischämischen Hirninfarkt, wie übrigens auch für den akuten Myokardinfarkt, waren keine signifikanten Unterschiede zwischen den Ernährungsgruppen festzustellen. Im Gegensatz zur Situation bei der ischämischen Herzkrankheit gab es nach Einbezug von Einflussgrößen nur geringe Veränderungen in den Assoziationen – eine Rolle spielte am ehesten der Blutdruck, und zwar eine verstärkende. Auf 1000 Personen und zehn Jahre hochgerechnet, ereigneten sich unter den Studienteilnehmern mit vegetarischer Ernährung drei zusätzliche Schlaganfälle.

Mehr hämorrhagische Insulte

Das Resultat der EPIC-Studie mit Blick auf Insulte geht konform mit Erkenntnissen aus anderen Studien, wonach das Risiko für hämorrhagische Schlaganfälle je Reduktion des LDL-Cholesterins um 1 mmol/l (39 mg/dl) um 21 Prozent steigt. Tong und Kollegen verweisen außerdem darauf, dass die Konzentrationen von Vitamin B12, Vitamin D, essenziellen Aminosäuren und langkettigen, mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren im Blut der Vegetarier geringer waren als bei den Fleischessern.

Zwei Indizien sprechen dafür, dass das höhere Insultrisiko von Vegetariern mit einer erniedrigten Zufuhr bestimmter Nährstoffe zusammenhängen könnte. Zum einen fiel die Erhöhung des Insultrisikos (wie auch die Erniedrigung des Risikos für ischämische Herzkrankheit) bei Veganern deutlicher aus als bei Vegetariern. Zum andern verstärkte der Abgleich nach einer bestehenden Hypertonie den Zusammenhang sogar. Wäre der Blutdruck der allein verantwortliche Faktor – und als Hauptrisikofaktor für zerebrale Insulte ist die Hypertonie etabliert –, hätte sich die Assoziation eigentlich abschwächen müssen.

In der Summe zahlt sich eine fleischlose Ernährung in kardiovaskulärer Hinsicht aus, das erhöhte Insultrisiko ist aber zu beachten. Einschränkend ist festzustellen: Die Angaben zur Ernährung beruhten auf Selbstauskünften der Probanden, und die Gründe für die Wahl der Ernährungsweise waren unbekannt. Außerdem: Ein im Follow-up unbemerkter Wechsel der Ernährungsgruppe war nicht ausgeschlossen.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Treat-to-Target-Strategie

Gicht: Mit der Harnsäure sinkt auch das kardiovaskuläre Risiko

Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Welche Rolle spielt Zink?

© Tondone | AdobeStock

Immunsystem unterstützen:

Welche Rolle spielt Zink?

Anzeige | Wörwag Pharma GmbH & Co. KG
Impf- und Zinkstatus im Blick

© Wörwag Pharma | KI-generiert

Bei Risikogruppen:

Impf- und Zinkstatus im Blick

Anzeige | Wörwag Pharma GmbH & Co. KG
Wann die Zinkversorgung knapp werden könnte

© artemidovna | AdobeStock

Ernährungsfallen:

Wann die Zinkversorgung knapp werden könnte

Anzeige | Wörwag Pharma GmbH & Co. KG
Kommentare
Dr. Stefan Graf 17.10.201906:50 Uhr

"Die Fleischesser" gibt es nicht

"Die Fleischesser" als scheinbar homogene Kohorte Vegetariener und Veganern gegenüberzustellen, kann keine aussgagekräftigen Studienergebnisse liefern. Der täglich große Fleisch- und Wurstmengen vertilgende "Fleisch-ist-mein-Gemüse-Typ" hat mit einem sich vernünftig ernährnden Allesesser, der eine pflanzlich dominierte omnivore Ernährung ohne Fleischverzihct praktiziert (mediterran, flexitarisch), viel weniger gemein als letzterer mit einem Ovo-Lakto-Vegetarier bzw. Pescetarier. Auch der Unterschied zwischen Vegetarisch und vegan ist ein gewaltiger. Die gängige Praxis, vegan+vegetarisch "dem Fleischverzehrer" gegenüberzustellen, täuscht in beiden Gruppen EInheitlichkeit vor, die völlig an den breiten Spektren der realen Ernährungsweisen vorbei geht und daher rein stsatistische Werte ohne Aussagekraft liefern muss.

* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Wirksamkeit in der klinischen Praxis von Brivaracetam über 12 Monate (alle Formen fokaler Anfälle)d

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Zusatzbehandlung fokaler Epilepsien

Effektivere Anfallskontrolle in der Kombinationstherapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: UCB Pharma GmbH, Monheim
Abb. 1-- Zeit bis zum ersten Ereignis (Tod durch jegliche Ursache oder kardiovaskuläres Ereignisb) in der Gesamtpopulation (a) bzw. in der Monotherapie-Population (b).

© Springer Medizin Verlag

Mit Vutrisiran früh kausal behandeln

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Halitosis

Was hinter Mundgeruch stecken kann

Lesetipps
Beratung Ärztin und Patientin

© Krakenimages.com / stock.adobe.com

Praktische Tipps

Beratungsfall Patientenverfügung – worauf es ankommt