Interview mit STIKO-Mitglied Eva Hummers

Vermischen sich im Herbst Corona- und Grippewelle?

Der perfekte Sturm? Manche Wissenschaftler warnen bereits vor einer möglichen Kollision zweier Pandemien im Herbst: Corona und Influenza. STIKO-Mitglied Professor Eva Hummers gibt Tipps, wie sich Deutschland vorbereiten kann.

Von Denis Nößler Veröffentlicht: 02.09.2020, 11:33 Uhr
Blick in die Glaskugel: Eine Kollision von Corona-Pandemie und Grippewelle im Herbst würde denselben Personenkreis besonders gefährden und zu einem hohen Arbeitsanfall für Krankenhäuser und Ärzte führen.

Blick in die Glaskugel: Eine Kollision von Corona-Pandemie und Grippewelle im Herbst würde denselben Personenkreis besonders gefährden und zu einem hohen Arbeitsanfall für Krankenhäuser und Ärzte führen.

© Андрей Журавлев / stock.adobe.com

Ärzte Zeitung: Frau Professor Hummers, für wie realistisch halten Sie die Gefahr einer Kollision von Coronapandemie und Grippewelle?

Professor Eva Hummers: Die Gefahr einer Kollision und eines daraus resultierenden Sturms – ja, unwahrscheinlich ist das nicht. Grippewellen sind ja mal mehr und mal weniger ausgeprägt. Und wenn wir jetzt nach einer ruhigen mal wieder eine stärker ausgeprägte Grippewelle bekommen, dann kann das durchaus ein sehr relevantes Problem werden. Denn einerseits würde eine Kollision klassischerweise denselben Personenkreis besonders gefährden, andererseits würde es einen hohen Arbeitsanfall für Krankenhäuser und Ärzte bedeuten – und eine hohe Krankenrate für alle anderen.

Der Winter steht uns erst bevor, auf der Südhalbkugel hat er begonnen. Und da gibt es in Australien ein irritierendes Bild: Die Kurve der Influenza-like illness hat im Februar/März einen Peak – das war Corona. Und jetzt, wo der Winter beginnt, ist die Kurve von dieser Saison sehr viel niedriger als im Vergleich der letzten fünf Jahre. Woran könnte das liegen?

Ich halte Folgendes für recht wahrscheinlich: Dass in Australien jetzt das passiert, was wir hier im Frühjahr auch hatten. Dass sozusagen in der Woche, nachdem die Lockdown-Maßnahmen umgesetzt wurden, die Grippe auch vorbei war. Das heißt, man sieht, wie effektiv Distanzierungsmaßnahmen auch gegen Influenza wirken.

Also könnte das wirklich eine Folge der Pandemie-Maßnahmen sein und gar nicht so sehr die Vermutung, die jetzt im Raum schwebt: dass der eine Erreger den anderen verdrängt?

Ich halte es nicht für völlig unmöglich, dass der eine Erreger den anderen verdrängt – sage ich jetzt mal etwas vorsichtig. Aber ich bin sehr sicher, dass das andere Phänomen die Erklärung ist. Es ist bekannt, dass Influenza den Menschenansammlungen folgt und sich entlang der Hauptverkehrswege ausbreitet. Wenn die unbesetzt sind, also Menschen sich nicht mehr so häufig begegnen und wir auf Hygiene achten, hat die Grippe auch einen schweren Stand.

Professor Eva Hummers ist STIKO-Mitglied und Vizepräsidentin der DEGAM.

Professor Eva Hummers ist STIKO-Mitglied und Vizepräsidentin der DEGAM.

© Christoph Mischke

Gesundheitsminister Jens Spahn will fast fünf Millionen Impfdosen bundesweit beschaffen. Außerdem wurde im zweiten Bevölkerungsschutzgesetz die Regressgefahr für niedergelassene Ärzte abgesenkt. Jetzt dürfen Niedergelassene bis zu 30 Prozent mehr Impfstoff bestellen. Gehen diese Pläne in die richtige Richtung?

Bei der Influenza-Impfung weiß man ja vorher nicht, wie gut der Schutz ist. Grundsätzlich ist die Impfung neben den allgemeinen Hygiene- und Distanzierungsmaßnahmen aber der beste Schutz, den wir haben. Von daher geht das schon in die richtige Richtung. Wenn Herr Spahn jetzt sagt, er möchte fünf Millionen zusätzliche Impfdosen einlagern, dann sage ich jetzt etwas flapsig: Naja, wenn er sie bekommt, gerne.

Dass da grundsätzlich Ärzten die Angst vor Regressen genommen wird und damit ein etwas freizügigeres Wirtschaften ermöglicht wird, das geht ganz klar in die richtige Richtung. Es kann nicht sein, dass Ärzte einerseits impfen sollen und andererseits dann hinterher regressiert werden, weil sie sich in der Abnahmequote verschätzt haben. Und es ist immer unglücklich, wenn Patienten kommen und geimpft werden möchten und man dann sagen muss: Tut mir leid, haben wir nicht mehr.

Bei der Grippeimpfung heißt es grob, jeder Zweite ist eventuell geschützt – mit einem großen Schwankungsbereich, nicht wahr?

Jüngere sind meist etwas besser geschützt als Ältere. Jüngere sind aber nicht so gefährdet. Wenn es gut klappt, schützt man 70 Prozent, wenn es weniger gut klappt, schützt man die Hälfte – jeweils der Menschen, die sich dann auch wirklich haben impfen lassen. Das ist weit entfernt von den 100 Prozent, die man sich wünschen würde.

Würden Sie Ihren Kollegen dennoch empfehlen, mehr Impfstoff-Vorrat zu haben als in der letzten Saison?

Mein persönlicher Tipp wäre, das zu tun. Aber es gibt ein sehr relevantes Problem: Wenn die Menschen Angst haben in die Praxen zu kommen, dann werden wir Ärzte den Impfstoff nicht gut los. Wenn COVID-19 allerdings weiter gut unter Kontrolle bleibt in Deutschland, dann kommen die Menschen auch wieder in die Praxen. Und dann könnte ich mir vorstellen, dass mit mehr Nachfrage zu rechnen ist.

Auch das Thema Corona-Impfstoff ist sehr präsent in den Medien. Zudem ist mein persönlicher Eindruck, dass die Nachfrage zum Beispiel nach Pneumokokken-Impfstoffen gestiegen ist. Da muss man den Menschen erklären, dass der nicht vor Corona schützt. Aber die allgemeine Impfbereitschaft ist vermutlich eher höher als in den vergangenen Jahren.

Bezüglich der Pneumokokken-Impfstoff gab es ja vom Bundesgesundheitsminister diesen sehr öffentlichkeitswirksamen Hinweis, dass man sich vor Pneumokokken schützen sollte. Und dann kam die große Nachfrage, und auf einmal war der Impfstoff ausverkauft. Das hat es ja Jahre vorher nie gegeben.

Die Empfehlung war etwas ausgeweitet worden, aber schon einige Zeit vorher. Auch im Hinblick auf Wiederholungsimpfungen. Dann kam die große Nachfrage – und jetzt ist der Impfstoff nicht oder nur sehr eingeschränkt verfügbar und wir haben in Praxen Probleme, die Nachfrage zu bedienen. Die STIKO musste die Empfehlung etwas anpassen, um dafür zu sorgen, dass die vorhandenen Impfstoffdosen an die Menschen gehen, die sie am dringendsten brauchen.

An die Risikopersonen.

An Risikopersonen und an ältere Menschen. Da ist ja die Altersgrenze jetzt hochgesetzt worden auf 70 Jahre. Einfach weil das Risiko doch mit dem Alter deutlich steigt. Während man vorher sagte, wir nehmen den Schutz für die relativ große Kohorte der 60- bis 70-Jährigen auch mit.

Es gibt wohl auch Signale von den entsprechenden Herstellern, dass diese sehr viel mehr Impfdosen produzieren wollen.

Da muss man dann sehen, wie viel mehr es wirklich ist. Das ist kein unkomplizierter Herstellungsprozess. Ich habe mir mal sagen lassen, dass der ganz kritische Punkt die Abfüllkapazitäten sind, die auf lange Zeit vorher ausgebucht sind bei den Firmen, die das machen können. Und wo dann die Abfüller auch nicht so ganz ohne Weiteres aus bestehenden Verträgen rauskommen. Von daher ist es erfreulich, wenn die Hersteller sagen, sie können die Kapazität hochfahren.

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Ein Thema ist auch die Influenza-Impfung, hier hat sich die STIKO kürzlich gegen die Ausweitung der Impfempfehlung ausgesprochen. Gerade für Mitarbeiter im Gesundheitswesen gilt damit aber weiter eine ganz klare Indikationsempfehlung. Wir wissen allerdings, dass die Impfrate gerade bei diesem Personal mithin die schlechteste ist. Bräuchte es da nicht einen Appell an Ärzte in Praxis und Klinik, in der nächsten Saison an die Grippeimpfung zu denken?

Den Appell würde ich sofort unterschreiben. Finde ich sinnvoll. Denn in der Tat ist es so, dass man als möglicherweise grippekranker oder grippeinfektiöser Mensch mit dem eigenen Risiko umgehen kann. Aber wenn ich mit alten oder kranken Menschen arbeite, dann besteht immer die Gefahr, dass ich meine Patienten oder meine Klienten anstecke.

Also Impfung vor allem zum Schutz der Herde – im weitesten Sinne zum Schutz der Patientenherde.

Ja, das ist jetzt etwas anderes als der epidemiologische Begriff des Herdenschutzes, das möchte ich nicht verwechseln. Aber zum Schutz derer, um die ich mich in einem beruflichen oder eben auch privaten Kontext kümmere. In der Apotheke hier um die Ecke hängt im Moment ein Schild: „Trag Corona nicht zur Oma“. Und wir alle haben die Warnungen im Ohr: Passen Sie auf mit dem Besuch bei älteren Menschen oder passen Sie auf mit dem Besuch in Pflegeheimen. Was ja auch weitgehend unterbunden wurde, um da nichts hineinzutragen. Das gilt auch für Influenza.

Deswegen heißt es auch beruflich exponiert.

Beruflich exponiert bedeutet ja einerseits, man kann sich selber anstecken. Gerade bei Influenza umfasst diese Empfehlung aber auch: Man kann selber jemanden gefährden. Da appelliere ich auch dringend an das Verantwortungsbewusstsein der Kolleginnen und Kollegen.

Professor Eva Hummers

  • seit 2016 Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)
  • seit 2012 Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Göttingen
  • seit 2011 Mitglied der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut

Für Niedergelassenen stellt sich nun die Frage: Wie organisiere ich die Influenza-Impfung? Sollte ich vielleicht schon im Sommer mit meinem Praxisteam überlegen, eine Art Recall zu machen und Risikopatienten anzuschreiben? Was würden Sie Ihren Kollegen empfehlen, wie können sie sich in ihrer Praxis vorbereiten?

Da bin ich jetzt tatsächlich ein schlechtes Orakel. Und ich glaube, eine der Stärken des deutschen Gesundheitssystems – was Einiges an Schwächen hat, aber es hat eben auch Stärken – ist, dass doch viel einfach vor Ort geregelt werden kann.

Ich würde an meine Kolleginnen und Kollegen appellieren, jetzt schon darüber nachzudenken. Und dann die für sie am besten geeignete Lösung zu organisieren. Ich habe gestern mit meiner Kollegin überlegt, wie wir in unserer Praxis eine Infekt-Sprechstunde organisiert bekommen, wenn jetzt das Testzentrum hier vor Ort wegfällt und wir das selber machen müssen. In dem Sinne kann man natürlich auch überlegen, eine spezielle Impfsprechstunde anzubieten, die sicherlich im räumlichen und zeitlichen Abstand zu Infektpatienten stattfinden sollte, damit man sich nicht diesen oder jenen Virus in der Praxis erst abholt.

Aber ich halte es für völlig unmöglich und unsinnig, da jetzt für alle eine allgemeingültige Lösung parat zu haben. Ich glaube, dass da die Kolleginnen und Kollegen sich das selbst überlegen und selber auf die Situation vor Ort reagieren müssen – und das auch können. Das haben sie ja jetzt gerade im Frühjahr dieses Jahres bewiesen, da gab es sehr viel Fantasie und Flexibilität und Organisationstalent. Das wird nun nicht anders sein.

Beim Recall muss man überlegen, ob die Patienten dafür ihr Einverständnis gegeben haben oder in einem entsprechenden Versorgungsvertrag sind. Ansonsten muss man überlegen, wie man sie sonst erreichen kann, ohne jetzt einen ganz persönlichen Recall zu machen, der dann vielleicht rechtlich bedenklich ist.

Wenn alle ihren Terminkalender so pflegen wie ich, halte ich es auch nicht für sinnvoll, jetzt schon einen Termin für Oktober zu machen. Dann steht der da und ist bis dahin dreimal wieder überlagert. Da macht es wahrscheinlich mehr Sinn, das zeitnah zu tun.

Dass man möglicherweise jetzt schon sensibilisiert ist über ein Plakat in der Praxis oder eine entsprechende Ankündigung auf der Homepage – das kann durchaus sinnvoll sein. Aber wie wir gerade schon diskutiert haben, ist das Bewusstsein für die Problematik wahrscheinlich in der Bevölkerung auch noch nie höher gewesen.

Es könnte also im „besten“ Fall sein, dass die Patienten von sich aus impfbereiter sind als früher und von sich aus in die Praxis kommen. Und Sie haben ja nun einige Tipps gegeben. Allein schon dieses Nachdenken, und am Ende das vor Ort organisieren – das haben wir in der Corona-Zeit gesehen – das läuft. Ein one-sizefits-all gibt es nicht. Und die Menschen sind kreativ.

Ja. Und wie ich auch gesagt habe, man kann jetzt schon mal die Leute dafür sensibilisieren. Da sollte man sich wirklich über eine Struktur Gedanken machen, wie man das organisiert, dass die Menschen eben vielleicht dann wirklich nicht so kleckerweise hereinschneien und vor allen Dingen nicht zwischen Infektpatienten geraten.

Da haben Ihre Kollegen in diesem Frühjahr eine Menge Erfahrung gemacht, wie sie in ihrer Praxis idealerweise mit den ganz unterschiedlichen baulichen Bedingungen vorgehen und wie sie so eine Infektsituation auch abbilden können. Da gibt es also wahrscheinlich viele Erfahrung vor Ort?

Genau.

Frau Hummers, das war der Ausblick mit der Glaskugel in den Corona-Herbst. Ob er kommt oder nicht, können wir heute nicht sagen. Und wie die Influenza-Saison aussehen wird, können wir auch nicht sagen. Aber wir haben mit einigen Konjunktiven doch ein paar Möglichkeiten abgedeckt.

Dieses Interview ist ein bearbeitetes Transkript des „Ärztetag“-Podcasts vom16. Juli 2020.

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