Mamma-Karzinom

Versorgung bei Brustkrebs wird besser - aber es gibt Schwachstellen

Die Voraussetzungen für eine qualitätsgesicherte Versorgung von Brustkrebspatientinnen sind in Deutschland geschaffen. Bei vielen Frauen ist die Versorgung aber dennoch nicht optimal.

Von Uwe Groenewold Veröffentlicht:
Koloriertes Mammogramm: Krebs grün dargestellt.

Koloriertes Mammogramm: Krebs grün dargestellt.

© Zephyr / Science Photo Library

Zertifizierung von Brustzentren, Einführung des Mammografie-Screenings, Implementierung von S3-Leitlinien und Anwendung zielgerichteter Krebsmedikamente - die Fortschritte der vergangenen zehn Jahre kommen vielen Brustkrebspatientinnen zu Gute. Dennoch ist die tatsächliche Versorgung alles andere als optimal, wie Betroffene und Experten bei einer Diskussionsrunde während der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie in Hamburg deutlich machten.

Der Titel "falsche" Versorgung war bewusst mit Anführungszeichen versehen worden. Denn dass ein großer Teil der etwa 57 000 Frauen, die jährlich in Deutschland neu an Brustkrebs erkranken, gut versorgt werden und heute viel bessere Heilungschancen mit Aussicht auf gute Lebensqualität haben als noch vor wenigen Jahren, darüber herrschte Einigkeit. "Falsche Versorgung - was bedeutet das eigentlich?", fragte sich der Leiter des Krebsregisters Schleswig-Holstein, Professor Alexander Katalinic aus Lübeck. Eindeutig falsch sei eine Behandlung zum Beispiel bei einer Patientin, die ohne Begründung für die Abweichung eine nicht-leitliniengerechte Therapie erhalte. Bei einer größeren Gruppe von Frauen helfen Leitlinien jedoch nicht immer weiter, so Katalinic. Sind 70 oder 80 Prozent brusterhaltende Therapie richtig? Warum sind 50 oder 100 Prozent falsch? Für die Zukunft hofft der Experte auf noch konkreter formulierte Leitlinien, die den Ärzten die Umsetzung erleichtern.

"Der Korridor der Optimierung ist nicht so groß, wie es vielleicht scheint", meinte dagegen Professor Jutta Engel vom Tumorregister München. Verbesserungsmöglichkeiten gebe es bei den Prognosefaktoren sowie bei der Früherkennung. Abweichungen von Behandlungsergebnissen innerhalb von Klinikvergleichen sollten ebenfalls kritisch hinterfragt werden, um Verbesserungsmöglichkeiten auszuschöpfen. Eine tatsächliche Steigerung der Ergebnisqualität sei jedoch nur mit sehr großen Patientenzahlen nachweisbar.

Professor Thomas Beck, Gynäkologe am Klinikum Rosenheim, sieht Verbesserungspotenziale angesichts zunehmender Zeit- und Ressourcenprobleme. In den Brustzentren steigen die Fallzahlen bei verkürzter stationärer Verweildauer; für Aufklärungsgespräche mit der Patientin steht immer weniger Zeit zur Verfügung. Auch die Ausbildung und Qualifikation der Operateure ist sehr aufwendig und bedarf mehr Zeit als dafür zur Verfügung steht.

Hilde Schulte von der Frauenselbsthilfe nach Krebs sieht die mangelnde Information und Aufklärung der Patientinnen als "ein Grundübel in allen Phasen der Erkrankung". Sie berief sich auf aktuelle Ergebnisse der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS), die von Januar bis März 2010 Patientinnen in 47 Kliniken befragt hatte. Nur 15 Prozent der Frauen würden vor einer Op darauf aufmerksam gemacht, dass aufgrund der Diagnose Brustkrebs keine Eile geboten ist und sie sich Zeit für eine Entscheidung nehmen können, so Schulte. Und die Hälfte der Patientinnen erfahre nicht, dass die Möglichkeit bestehe, sich mit einer Psychologin, Sozialarbeiterin, anderen Betroffenen oder Mitgliedern einer Selbsthilfegruppe zu besprechen. Für besonders problematisch hält Schulte die mangelhafte Aufklärung bei einer bevorstehenden Mastektomie: 69 Prozent der Frauen wurden nicht über die zur Verfügung stehenden Methoden einer Brustrekonstruktion aufgeklärt; über die Vor- und Nachteile einer Implantatversorgung oder einer Nutzung von Eigengewebe hat mehr als die Hälfte der Frauen niemals etwas gehört. Da sei es kein Wunder, dass anschließend nur 20 Prozent der Frauen mit dem Ergebnis des Brustaufbaus zufrieden waren. Schulte kritisierte auch die schlechte Abstimmung zwischen stationärer und ambulanter Versorgung.

Hier hapert es bei der Brustkrebs-Therapie

  • Prognosefaktoren zur Optimierung der Behandlung sind bisher noch unzureichend.
  • Es gibt Abweichungen in den Behandlungsergebnissen beim Vergleich verschiedener Kliniken.
  • Die Leitlinien sind an manchen Stellen nicht konkret genug formuliert; das erschwert den Ärzten die Umsetzung.
  • In Brustzentren steigen die Fallzahlen bei verkürzter stationärer Verweildauer.
  • Patientinnen sind oft nicht ausreichend informiert über die Versorgungsmöglichkeiten.
  • Die Abstimmung zwischen stationärer und ambulanter Versorgung lässt bei vielen Patientinnen noch zu wünschen übrig.
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