Bakterielle Infektion
WHO Europa: Jeder fünfte Tuberkulose-Fall bleibt unerkannt
Unentdeckte Tuberkulose-Fälle, Ausbreitung resistenter Erreger: Beides hängt zusammen und gefährdet den Kampf gegen die Krankheit. Warum es künftig zu mehr Todesfällen kommen könnte.
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Infektion mit Tuberkulose: Über 4.000 Medungen neu diagnostizierter Tuberkulose-Erkrankungen gab es in 2025 in Deutschland.
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Jede fünfte Tuberkulose-Erkrankung in Europa bleibt nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unerkannt oder wird nicht gemeldet. 2024 seien knapp 162.000 Fälle gemeldet worden, heißt es in einem aktuellen Bericht. Tatsächlich sei von etwa 204.000 Erkrankungen auszugehen.
Zudem träten Rifampicin-resistente Tuberkulose-Bakterien in Europa in 23 Prozent der Fälle und damit rund siebenmal häufiger auf als im weltweiten Durchschnitt (3,2 Prozent). Das Antibiotikum Rifampicin gehört zu den Standard-Wirkstoffen gegen Tuberkulose.
Stärkere Übertragung, mehr Resistenzen
Beides hänge zusammen, teilt die WHO mit: „Menschen, bei denen die Diagnose erst spät gestellt wird, haben ein höheres Risiko, Tuberkulose auf andere zu übertragen, und sind schwerer zu behandeln.“ Eine stärkere Übertragung wiederum könne zu einer höheren Zahl an Menschen führen, bei denen die Behandlung nicht anschlage, „was ein Hauptgrund für die Entstehung von Resistenzen ist“.
Zwar sind die Fallzahlen seit 2015 deutlich gesunken. Doch Europa verfehle weiterhin wichtige Ziele in Bezug auf Früherkennung, Behandlung und Nachverfolgung – und damit die Eindämmung der Krankheit. Zur Europäischen Region zählt die WHO 53 Länder, darunter neben den Staaten der EU und des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) auch Großbritannien, die Ukraine, Russland und mehrere zentralasiatische Länder.
Mehr als 4.000 erfasste Fälle in Deutschland
In Deutschland gab es laut Robert Koch-Institut (RKI) im vergangenen Jahr 4.072 Meldungen neu diagnostizierter Tuberkulose-Erkrankungen (siehe nachfolgende Grafik).
In 237 Fällen waren Kinder unter 15 Jahren betroffen. Drei von vier Menschen, bei denen in Deutschland eine Tuberkulose diagnostiziert wird, sind in einem anderen Land geboren, wie es im Bericht des RKI zum Welt-Tuberkulose-Tag 2026 heißt (Epidemiologisches Bulletin 12/2026).
Tuberkulose ist nach WHO‑Daten die weltweit tödlichste Infektionskrankheit in Bezug auf die Zahl jährlicher Todesfälle. Weltweit erkrankten 2024 etwa 11 Millionen Menschen. Mehr als 1,2 Millionen Menschen starben, vor allem in Ressourcen-schwachen Ländern. Besonders betroffen sind Länder wie Indien, Indonesien, China, Pakistan und die Philippinen.
Künftig mehr Todesfälle?
Die Deutsche Lepra‑ und Tuberkulosehilfe (DAHW) befürchtet, dass die Zahl der Todesfälle künftig steigen könnte. Im vergangenen Jahr sei mit den USA ein zentraler Geldgeber weggebrochen, seither könnten sich viele Länder Labortests, Röntgenuntersuchungen und spezielle Therapien nur noch eingeschränkt leisten. Laut WHO machten die US-Gelder die Hälfte der internationalen Finanzmittel in diesem Bereich aus. Studien prognostizieren, dass ihr Fehlen in den kommenden fünf Jahren bis zu elf Millionen mehr Neuerkrankungen und bis zu zwei Millionen mehr Todesfällen bedeuten könnten.
„Tuberkulose wird oft als Krankheit der Vergangenheit wahrgenommen – das Gegenteil ist richtig“, sagte DAHW-Vorstand Patrick Georga. „Wenn TB-Programme ausreichend finanziert werden, sinken die Infektionszahlen. Wenn Mittel fehlen, sterben Menschen. Es liegt am politischen Willen.“
Weit hinter WHO-Zielen zurück
Tendenziell befindet sich die Tuberkulosebekämpfung auf gutem Weg: Die Neuerkrankungen sind laut WHO seit 2015 um 12 Prozent zurückgegangen, die Todesfälle um 29 Prozent. Angestrebt waren allerdings 50 Prozent weniger Neuerkrankungen und 75 Prozent weniger Todesfällen bis 2025. (dpa)
Der Tuberkulose-Gedenktag fällt auf den 24. März, weil das Bakterium am 24. März 1882 entdeckt wurde, vom Mikrobiologen Robert Koch.











