Verwechslungsgefahr

Warum Ärzte zu oft einen Reizdarm diagnostizieren

Aufgrund ihrer Häufigkeit müssen einige Darmkrankheiten bei Reizdarm-Symptomen gezielt ausgeschlossen werden. Mediziner müssen dabei wissen, auf welche Merkmale sie achten sollten.

Dr. Marlinde LehmannVon Dr. Marlinde Lehmann Veröffentlicht:
Patienten mit Reizdarmsymptomen haben öfters andere Leiden.

Patienten mit Reizdarmsymptomen haben öfters andere Leiden.

© Piotr Marcinski / Fotolia

WIESBADEN. Neue Studien untermauern, wie wichtig eine aktive diagnostische Abklärung bei vermutetem Reizdarmsyndrom sind. "Es ist nicht hinnehmbar, dass auf die Diagnosestellung von relevanten, teilweise ernsthaften und kausal zu therapierenden Krankheiten leichtfertig verzichtet wird", appelliert Professor Peter Layer vom Israelitischen Krankenhaus Hamburg.

Dies gelte etwa für die mikroskopische Colitis und besonders für chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED), speziell den Morbus Crohn, die oft erst nach jahrelanger Verzögerung und Fehltherapie aufgedeckt würden.

Beim Internisten Update hat der Gastroenterologe Layer Studien vorgestellt, auf deren Ergebnisse sein Appell gründet.

Metaanalyse miteinbezogen

Eine Metaanalyse (Clin Gastroenterol Hepatol 2016; 14:659-668.e1), in die zehn Studien mit jeweils mindestens 50 Teilnehmern einbezogen wurden, hat ergeben, dass ein Drittel der Patienten mit mikroskopischer Colitis "das Symptombild des Reizdarmsyndroms perfekt imitiert".

Die korrekte Diagnosestellung gelinge nur mit Koloskopie und Stufenbiopsien, erinnerte Layer.

Eine mikroskopische Colitis liege bei etwa 7 Prozent der Patienten mit schwerer chronischer Diarrhoe vor, so Layer. Dabei seien besonders ältere Menschen sowie Frauen betroffen. In Leitlinien werde Budesonid als Erstlinientherapie favorisiert.

Fall-Kontroll-Studie liefert Daten von 20.000 Patienten

Nach den Resultaten einer Fall-Kontroll-Studie, in der die Daten von über 20.000 Patienten mit CED und der zehnfachen Zahl gematchter Kontrollpersonen analysiert wurden, gab es bei CED-Kranken dreifach häufiger in der Anamnese ein "Reizdarmsyndrom" (United European Gastroenterol J 2014; 2:505-12).

Dies betraf 15 Prozent der CED-Patienten (Kontrolle: 5 Prozent). Bei 11 Prozent (Kontrolle: 5 Prozent) lag der Hinweis "Reizdarmsyndrom" schon mehr als ein Jahr vor Diagnose der CED zurück, bei 6 Prozent (Kontrolle: 3 Prozent) über 5 Jahre.

Ähnlich viele Patienten hatten wegen ihrer Beschwerden langfristig eine Therapie mit Spasmolytika verschrieben bekommen, ohne dass explizit ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert worden war.

Zusammenhang zwischen Reizdarm und kolorektalen Adenomen

Bemerkenswert ist für Layer auch eine Studie, in der erstmals der Zusammenhang zwischen Symptomen eines Reizdarmsyndroms und kolorektalen Adenomen und Karzinomen aufgezeigt worden sei.

Die Autoren dieser Studie haben die langfristig erhobenen Daten von Personen analysiert, die an einem Darmkrebs-Screening-Programm teilgenommen, aber kein kolorektales Karzinom hatten (Br J Cancer 2015; 112:171-6).

Sie stellten fest, dass Studienteilnehmer mit Vollbild eines Reizdarmsyndroms (23 Prozent) signifikant mehr kolorektale Karzinome entwickelten als beschwerdefreien Kontrollpersonen. Auch für invasive kolorektale Karzinome habe sich eine 20-prozentig erhöhte Prävalenz ergeben, so Layer.

Das Programm der Update- Seminare 2017 ist da! Infos gibt's im Web:www.med-update.com

Mehr zum Thema
Kommentare
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentare lesen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden »Kostenlos registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Handschlag mit sich selbst: Im MVZ können sich die Gesellschafter-Geschäftsführer selbst anstellen, so das BSG.

© Lagunov / stock.adobe.com

Bundessozialgericht

Selbsteinstellung im MVZ? Unter bestimmten Voraussetzungen möglich

Die meisten Behandlungsfehler passieren im stationären Bereich. Das lässt eine nicht repräsentative Analyse des Medizinischer Dienst Bundes vermuten. 

© Blue Planet Studio / stock.adobe.com

Behandlungsfehler-Statistik

MD-Bund: „Never Events“ endlich verpflichtend melden!

Schlafstörung? Da greifen viele Patienten eigenständig zu Melatonin. (Symbolbild mit Fotomodellen)

© Yakobchuk Olena / stock.adobe.com

Gastbeitrag

Schlafstörungen: Vorsicht vor unkritischem Melatonin-Einsatz