Zehn Jahre Brustscreening

Weniger Teilnehmerinnen als erhofft

Seit 2005 werden in Deutschland Frauen zwischen 50 und 69 Jahren zum Mammografie-Screening eingeladen. Die Teilnehmerzahl bleibt bislang hinter den Erwartungen zurück. Auch an Daten mangelt es noch.

Von Dr. Elke Oberhofer Veröffentlicht:

MÜNCHEN. Lässt sich durch das Mammografie-Screening die Brustkrebssterblichkeit senken? Auf dem 60. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) in München kritisierten Experten, mit welcher Polemik die Diskussion derzeit geführt wird. Dabei können sich weder Gegner noch Befürworter der Maßnahme auf qualitativ hochwertige Daten berufen. Was sich derzeit für Deutschland sagen lässt, ist hauptsächlich, dass die Zahl der neu entdeckten "günstigen" Tumoren gestiegen ist.

Seit 2005 werden in Deutschland Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren aufgefordert, am Brustkrebs-Screening teilzunehmen. Der Einladung folgten bislang acht Millionen Frauen (erstmalige Teilnehmerinnen). Damit liegt die Teilnahmerate bei 54 Prozent.

Das ist deutlich weniger als die erhofften 70 bis 75 Prozent. Auf der Basis der vorliegenden Daten lassen sich kaum gesicherte Aussagen zum Einfluss des Screenings auf die Mortalität treffen, weder in die eine noch in die andere Richtung.

Mehr Frühstadien entdeckt

"Die internationale Diskussion ist eine Sackgasse, sie führt zu nichts", sagte Professor Alexander Katalinic, Epidemiologe an der Universität zu Lübeck, auf dem Kongress der DGGG. Um Prognosen für Deutschland zu treffen, müsse man sich auf die nationalen Daten stützen. Und aus epidemiologischer Sicht seien diese vielversprechend.

Katalinic stellte eine Hochrechnung vor, nach der durch das Screening zwischen 2005 und 2014 knapp 160.000 von 300.000 erwarteten Mammakarzinomen entdeckt wurden. Mindestens 4000 bis 5000 Brustkrebs-Todesfälle konnten seiner Schätzung nach in Deutschland verhindert werden. Exakte Zahlen liegen bislang nicht vor, die Statistiken reichen nur bis zum Jahr 2010.

Dr. Karin Bock, Leiterin des Referenzzentrums Mammographie Südwest in Marburg, zitierte aus dem letzten Evaluationsbericht der Kooperationsgemeinschaft Mammografie, in dem die Zeit der Vorscreening-Ära (2000 bis 2005) den nachfolgenden Jahren bis 2010 gegenübergestellt ist.

Demnach habe insbesondere die Zahl der neu diagnostizierten Frühstadien mit günstiger Prognose deutlich zugenommen, von 7 Prozent auf 19 Prozent die In-situ-Karzinome und von 14 Prozent auf 35 Prozent die sehr kleinen Tumoren (≤ 10 mm).

Auch die Zahl der neu entdeckten Brustkrebsfälle ohne Lymphknotenbefall konnte man seit Einführung des Screenings deutlich steigern: von durchschnittlich 57 Prozent auf 78 Prozent. Bei den fortgeschrittenen Tumorstadien dagegen geht zumindest der Trend in die andere Richtung: Die Stadien UICC II+ wurden im Beobachtungszeitraum auf ein Viertel der Gesamtdiagnosen reduziert, von 55 Prozent auf 26 Prozent. Definitive Ergebnisse könne man jedoch erst nach fünf bis zehn Jahren Laufzeit erwarten.

Qualität des Screenings verbessert

Wie Stephan Schopphoven, Leiter der "Technischen Qualitätssicherung" im Referenzzentrum Mammographie Südwest in Marburg, beim Kongress in München berichtete, hat sich die Qualität des Screenings in Deutschland in den letzten Jahren deutlich verbessert. So hätten sich die digitalen Mammografiegeräte mittlerweile sehr stark durchgesetzt.

Mit der Einführung der neuen Abnahmeprüfungsnorm seien zudem die Standards der physikalisch-technischen Qualitätssicherung deutlich gestiegen. Für Ende 2014 wird auch eine neue Konstanzprüfungsnorm erwartet. Die Übergangsfrist für die neuen Normen wird 2015 ablaufen.

Zu diesem Zeitpunkt müssen alle Geräte die physikalisch-technische Prüfung durchlaufen haben, und die Beteiligten müssen entsprechende Kurse absolviert haben. Inwieweit sich all das letztlich auf die Screening-Bilanz auswirkt, muss sich zeigen.

Aktuelle Daten fehlen

Das Fehlen aktueller Daten sieht Katalinic als derzeit größtes Problem in der Debatte um das Brustkrebs-Screening. Gegenwärtig ist der G-BA beauftragt, Informationen über Nutzen und Schaden zusammenzutragen. Beispielsweise die Intervallkarzinome würden aber immer noch nicht regelhaft erhoben - dies sei "ein kleiner Skandal".

"Was wir brauchen, ist eine Endpunktevaluation, wie uns das die Kanadier jetzt vorgemacht haben", forderte Katalinic. Solange man nicht wisse, wie sich die Mortalität entwickle, werde das Mammografie-Screening in Deutschland "lange Zeit ein Spielball der Beliebigkeit bleiben".

Einen Rückgang der Brustkrebssterblichkeit um durchschnittlich 40 Prozent durch nationale Screeningprogramme propagieren die Autoren einer kanadischen Studie. Daran beteiligt waren 2.796.472 Frauen, die zwischen 1990 und 2009 der Einladung zum Mammografie-Screening gefolgt waren. Wie die Autoren um Andrew Coleman aus Vancouver betonen, spielte das Eintrittsalter der Frauen für das Ergebnis keine allzu große Rolle.

Die 10-Jahres-Brustkrebs-Mortalität in der Gruppe der 50- bis 59-Jährigen lag bei 1,98, die der 60- bis 69-Jährigen bei 2,50 pro 1000 Teilnehmerinnen. Um einen Brustkrebs-Todesfall zu verhindern, mussten in diesen beiden Gruppen 757 bzw. 552 Frauen gescreent werden. Inwieweit das Design der Beobachtungsstudie geeignet war, den Rückgang der Mortalität zu belegen, sei dahingestellt.

Bei der erwarteten Mortalität handelt es sich um eine indirekte Schätzung, die auch auf Daten von Nichtteilnehmerinnen beruht (J Natl Cancer Inst 2014; 106: dju261).

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