Bewegungsmessungen

Wer viel herumsitzt, hat ein erhöhtes Risiko, an Krebs zu sterben

Couch-Potatoes aufgepasst: Wer sein Leben überwiegend im Sitzen verbringt, nimmt nicht nur ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte, Diabetes und Schlaganfälle in Kauf. Auch die Gefahr, an Krebs zu sterben, ist dann erhöht – und zwar um bis zu 50 Prozent.

Von Thomas Müller Veröffentlicht: 30.06.2020, 14:15 Uhr
Wer viel herumsitzt, hat ein erhöhtes Risiko, an Krebs zu sterben

Couchpotato: Zu den mit einem inaktiven Lebensstil assoziierten Krankheiten kommt nun auch noch Krebs hinzu. Sitzen ist also das neue Rauchen. (Symbolbild mit Fotomodell)

© Robert Kneschke / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

  • Frage: Ist ein sesshafter Lebensstil mit einer erhöhten Krebssterblichkeit verbunden?
  • Antwort: Wer die meiste Zeit im Sitzen verbringt, trägt ein um über 50 Prozent erhöhtes Risiko, an Krebs zu sterben – unabhängig von anderen Faktoren. Sport kann dem entgegenwirken. Dies lassen Studienresultate basierend auf Bewegungsmessungen folgern.
  • Bedeutung: Ein sesshafter Lebensstil ist ein unabhängiger Risikofaktor für den Tod durch Krebs.
  • Einschränkung: Die Bewegungsdaten wurden nur über sieben Tage hinweg erhoben.

Houston. Epidemiologen gehen davon aus, dass sich jede zweite Krebserkrankung durch einen gesunden Lebensstil vermeiden lässt. Solche Schätzungen stehen meist auf sehr wackligen Beinen, verzerrt durch Begleitfaktoren und subjektive Angaben. Wenig rütteln lässt sich jedoch an Beobachtungen, wonach Raucher, Adipöse oder Freunde eines exzessiven Alkoholgenusses gehäuft an Tumoren erkranken und sterben. Diskutiert wird zudem seit langem der Einfluss von Ernährung und Bewegung. Auch hier besteht das Problem, dass viele der Untersuchungen auf Selbstauskünften beruhen und damit oft einer falschen Wahrnehmung unterliegen.

Präventionsmediziner um Dr. Susan Gilchrist vom Anderson Cancer Center in Houston haben nun objektive erfasste Bewegungsdaten mit der Krebssterblichkeit korreliert (JAMA Oncol 2020; online 18. Juni). Danach sterben besonders bewegungsfaule Menschen zu rund 50 Prozent häufiger an Tumoren als aktive Zeitgenossen. Allerdings wurden die Daten nur über eine Woche hinweg gesammelt. Die Forscher gehen also davon aus, dass die erfassten Bewegungsmuster repräsentativ für das restliche Leben der jeweiligen Patienten sind.

Bewegungsmessung bei 8000 Studienteilnehmern

Die Angaben stammten aus der großen Kohortenstudie REGARDS, in der es primär um geografische und ethnische Unterschiede bei der Schlaganfallinzidenz ging. An der Untersuchung, die im Jahr 2003 begann, nahmen über 30.000 US-Bürger im Alter von mindestens 45 Jahren teil. Zwischen 2009 und 2012 wurde den Beteiligten eine Untersuchung mit einem Beschleunigungsmesser angeboten. Sie sollten diesen über einen Hüftgurt eine Woche lang tagsüber tragen. Das Gerät registrierte sowohl die Zeiten als auch das Ausmaß der körperlichen Aktivität, zudem konnte es feststellen, ob es überhaupt getragen wurde.

Die Forscher um Gilchrist berücksichtigten schließlich nur rund 8000 Patienten, die das Gerät mindestens vier Tage lang zehn oder mehr Stunden getragen hatten. Diese verfügten über einen höheren sozialen Status, waren seltener adipös, dafür häufiger männlich und weiß als die übrigen Studienteilnehmer.

Zum Zeitpunkt der Messung waren die Patienten im Schnitt 70 Jahre alt, hatten einen BMI von 28, rund zehn Prozent rauchten und knapp fünf Prozent gaben einen exzessiven Alkoholkonsum zu.

Die Teilnehmer wurden nach der Messung im Schnitt noch 5,3 Jahre nachbeobachtet, in dieser Zeit starben 268 von ihnen (3,3 Prozent) an einem Krebsleiden. Wie zu erwarten, befanden sich ältere Teilnehmer, Raucher und Alkoholiker signifikant häufiger unter den Krebstoten, aber auch Männer allgemein und Teilnehmer mit einer bestehenden KHK. Mit dem BMI gab es keinen Zusammenhang, dieser war allerdings sowohl bei den Krebstoten als auch den übrigen Teilnehmern mit einem Wert von 28 recht hoch, ebenfalls deutete sich keine Verbindung zwischen Krebssterblichkeit, Wohnort, Bildung oder moderatem Alkoholkonsum an.

Hochsignifikant hing die Krebsmortalität allerdings von den Aktivitätsdaten ab: Die Krebstoten waren bei der Messung signifikant länger sesshaft (13,0 versus 12,3 Stunden täglich), hatten deutlich längere Phasen ohne Aktivität und machten weniger Bewegungspausen in ihren inaktiven Phasen als die übrigen Teilnehmer. Umgekehrt verbrachten die späteren Krebstoten bei der Messung deutlich weniger Zeit mit leichter (189 versus 155 Minuten täglich) sowie moderater bis intensiver körperlicher Aktivität (13 versus acht Minuten). Beides muss nicht unbedingt miteinander zusammenhängen: Es gibt schließlich auch Büromenschen, die neun Stunden sitzen, abends dann aber noch eine Stunde joggen.

Sitzen schadet weitgehend unabhängig von der körperlichen Aktivität

Wesentlich deutlicher werden die Unterschiede, teilt man Personen entsprechend ihrer täglichen Inaktivität in Terzile: In demjenigen mit der geringsten täglichen Inaktivität war die Krebsmortalität nach sechs Jahren im Schnitt dreifach höher als in dem mit der höchsten Aktivität (sechs Prozent versus zwei Prozent). Einen ähnlichen Zusammenhang fanden die Forscher zwischen der durchschnittlichen Länge der sessilen Phasen und der Krebssterblichkeit.

Berücksichtigten die Forscher nun bekannte Begleitfaktoren wie Alter, Rauchen und Alkoholkonsum, so ergab sich immer noch eine um 61 Prozent erhöhte Krebssterblichkeit im Terzil mit der höchsten Sesshaftigkeit. Adjustierte das Team um Gilchrist zudem für die moderate bis intensive körperliche Aktivität, so war die Krebssterblichkeit bei den Teilnehmer, die täglich am längsten sesshaft waren, um 52 Prozent erhöht. Ein kurzer Spaziergang am Abend kann die neunstündige körperliche Inaktivität im Büro also nicht ganz, aber immerhin etwas kompensieren.

Und wie sieht es mit dem einstündigen Joggen nach der Arbeit aus? Wer 30 Minuten Inaktivität durch 30 Minuten moderate bis intensive Bewegung ersetzt, senkt sein Risiko an Krebs zu sterben rechnerisch um 31 Prozent – einen kausalen Zusammenhang vorausgesetzt. Nur acht statt neun Stunden im Büro sitzen und stattdessen eine Stunde Joggen, Walken oder Radfahren – damit lässt sich das erhöhte Krebsrisiko wohl wieder ziemlich ausbügeln.

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