COVID-19 in Italien

„An diesem Punkt wurden wir beim Coronavirus nervös“

Der Blick in die Lombardei gibt einen Vorgeschmack darauf, was uns in Deutschland in den nächsten Wochen blühen könnte, wenn die Ausbreitung des SARS-CoV-2 nicht eingedämmt werden kann. Ein Intensivmediziner aus Mailand berichtet.

Von Elke Oberhofer Veröffentlicht: 16.03.2020, 18:22 Uhr
„An diesem Punkt wurden wir beim Coronavirus nervös“

Ein COVID-19-Patient wird stationär aufgenommen: In Italien bringt die Epidemie Kliniken an die Belastungsgrenze.

© Laporta/Kontrolab/IPA/ABACAPRESS.COM/pa

Mailand. Am 20. Februar wurde ein 38-Jähriger mit atypischer Pneumonie in die Intensivstation einer Klinik in der Lombardei eingewiesen. Auf die Standardtherapie habe er nicht angesprochen. Obwohl der Patient keine Risikofaktoren für eine SARS-CoV-2-Infektion erfüllte, war ein Test positiv.

Noch am selben Tag tauchten in den Intensivstationen der Region weitere solcher Fälle auf: schwer kranke Patienten, die in den letzten 14 Tagen weder in Risikogebieten gewesen waren, noch nachweislichen Kontakt zu erkrankten Personen hatten.

„Dies war der Punkt, an dem wir nervös wurden“, berichtet der Intensivmediziner Dr. Maurizio Cecconi aus Mailand im Interview mit JAMA-Chefredakteur Howard Bauchner (JAMA 2020; online 13. März). Es sei ihm klar geworden, dass es sich hier um ein Cluster von Fällen mit sekundärer Transmission handeln musste.

200 neue Betten in zehn Tagen

Die Zahlen stiegen rasch an, in den folgenden 24 Stunden wurden der regionalen Gesundheitsbehörde 36 Infektionsfälle gemeldet, die in keiner Verbindung zu dem „Patienten Nr. 1“ standen. Bereits am nächsten Tag trat eine Task Force aus Mitgliedern von Regierung und Gesundheitsbehörde zusammen. Das „COVID-19 Lombardy ICU Network“ unter der Leitung von Cecconi erhielt den Auftrag, die Intensivversorgung zu koordinieren.

Vor dem Ausbruch hatte sich die intensivmedizinische Kapazität in der Lombardei auf 720 Betten beschränkt. In den folgenden zehn Tagen gelang es, diese Kapazität um weitere 200 Betten aufzustocken. Nach 18 Tagen standen 482 zusätzliche Intensivbetten für Corona-Patienten bereit. Dies war, wie sich herausstellte, dringend notwendig: Innerhalb von zwei Wochen wurden in der Region 3420 Personen positiv auf SARS-CoV-2 getestet, davon benötigten 556 eine intensivmedizinische Behandlung.

Schwerkranke Kinder sehr selten

„Wenn wir in diesem Zusammenhang über Intensivpatienten sprechen, dann meine ich Patienten, die maschinell invasiv beatmet werden müssen“, so Cecconi in dem US-Fachblatt. Die Patienten auf der Intensivstation des Humanitas-Universitätsklinikums in Mailand seien im Schnitt 65 Jahre alt, „aber wir sehen auch einige jüngere Fälle“. Ermutigend sei, dass sich selbst viele der schwer kranken Patienten, die teilweise über längere Zeit beatmet wurden, wieder erholten. Das gelte auch für den „Patienten Nr. 1“, von dem aktuell berichtet wird, dass er sich besser fühle.

Auch bei diesem Cluster könne man jedoch beobachten, dass die Chancen umso schlechter stünden, je älter und gebrechlicher die Patienten seien und je mehr Begleiterkrankungen sie aufwiesen. Schwer kranke Kinder dagegen seien auch in der Lombardei die absolute Ausnahme, wobei man immer noch nicht genau wisse, was sie schützt.

„Situation nicht unterschätzen!“

„Im Grunde unterscheidet sich die Erkrankung nicht so sehr von anderen Pneumonien“, berichtete Cecconi. Das vorherrschende klinische Bild sei die schwere respiratorische Insuffizienz als Folge der Viruspneumonie. Oft kämen die Patienten bereits schwer hypoxisch in die Klinik, wobei die Compliance allerdings oft noch sehr gut sei.

In Mailand werden innovative Therapien wie ECMO (Extrakorporale Membranoxygenierung) bei den COVID-19-Patienten derzeit sehr zurückhaltend eingesetzt: „Angesichts der Vielzahl an Fällen sollten wir uns auf die einfachen Dinge konzentrieren, die ausreichende Evidenz haben und von denen wir wissen, dass sie unseren Patienten nicht schaden“, betonte Cecconi.

Höchste Priorität hat für den Experten der Schutz der eigenen Mitarbeiter. Dabei gehe es nicht nur darum, Schutzausrüstung anzuschaffen und zu lagern, man müsse auch rechtzeitig üben, sie an- und abzulegen und damit zu arbeiten, und zwar unter schwierigsten Umständen: „Während der Sechs-Stunden-Schicht können wir nicht essen oder trinken, wir können uns nicht ausruhen und auch nicht auf die Toilette gehen.“

Cecconi und sein Team haben sich daher angewöhnt, ein bisschen Wasser zu trinken, bevor sie in den Schutzanzug schlüpfen. All das sei notwendig, „weil wir es uns nicht leisten können, Mitarbeiter in Quarantäne zu haben“.

Mithilfe der Bevölkerung nötig

Schmerzliche Entscheidungen über Triagemaßnahmen habe es in seiner Klinik noch nicht gegeben. „Unser höchstes Ziel ist es, jedem Patienten, der dies benötigt, ein Bett auf der Intensivstation zur Verfügung zu stellen.“ Im Moment gelinge das noch. Damit dies so bleibe, sei man vor allem auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen. Cecconis dringender Appell: Es liege in der persönlichen Verantwortung jedes Einzelnen, Isolierungsmaßnahmen und andere Vorgaben vonseiten der Regierungen einzuhalten. „Wir dürfen die Situation nicht unterschätzen. Das ist keine normale Grippe. Das hier ist ernst!“

Kliniken in Regionen, die noch nicht oder nur in geringem Maße betroffen seien, seien gut beraten, ihre Notfallkapazitäten bereits jetzt deutlich hochzufahren. „Wenn es zu einem Ausbruch kommt, sollten Sie nicht erst Zeit damit verbringen, Ihre Protokolle einsatzbereit zu machen!“

Den Kampf gegen das Virus könne man jedenfalls nicht nur mit dem Aufstocken von Kapazitäten gewinnen. Maßnahmen, die die Ausbreitung verhindern, seien ebenso wichtig, wenn nicht noch wichtiger. „Wenn wir die Übertragung nicht in den Griff bekommen, wird unser Gesundheitssystem überrollt!“

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