Moderna statt BioNTech

KVNo/KVWL: Spahns Ankündigung ist wie Sand im Getriebe der Praxen

Ein Treppenwitz, Beispiel für die Unzuverlässigkeit der Politik – auch in den beiden KV-Regionen in NRW ist der Unmut groß, die Corona-Vakzine von BioNTech zu kontingentieren.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (M) mit Dr. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, (l) und Dr. Dirk Spelmeyer, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, (r) am 29.10.2021

Vertragsärzte und Politik: KVNo-Chef Dr. Frank Bergmann (links) und KVWL-Chef Dr. Dirk Spelmeyer (rechts) Ende Oktober mit NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann.

© Fabian Strauch / dpa

Düsseldorf/Dortmund. Die Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNo) Dr. Frank Bergmann und der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) Dr. Dirk Spelmeyer haben die Pläne des Bundesgesundheitsministeriums scharf kritisiert, die Liefermengen für den Corona-Impfstoff Comirnaty® von BioNTech/Pfizer zu kontingentieren. Die KVWL-Vertreterversammlung hat eine Resolution verabschiedet, in der sie das Ministerium auffordert, die Kontingentierung zurückzunehmen.

„Nur 30 Impfdosen BioNTech sind ein Treppenwitz“, sagte Bergmann auf der hybriden KVNo-Vertreterversammlung am Freitag in Düsseldorf. Die KVNo hatte während der Sitzung die Nachricht erreicht, dass die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte ab Ende November vor allem den Impfstoff von Moderna verwenden sollen, da die Bestände sonst bald zu verfallen drohen. Von Comirnaty sollen die Praxen nur noch bis zu 30 Dosen erhalten, die Impfzentren bis zu 1020.

„Das ist wieder ein Beispiel für die Unzuverlässigkeit der Politik, die uns in den Praxen bereits häufig Probleme bereitet hat“, betonte Bergmann. Die Ankündigung wirke wie Sand im Getriebe der Praxen. Das könne man wirklich nicht gebrauchen, gerade nicht in einer Zeit, in der die Politik mehr Impfeinsatz von den Ärzten erwarte.

KV-Chef zweifelt an Spahns Begründung

Das bestätigte die Pädiaterin Christiane Thiele. In ihrer Praxis könne sie nur den Impfstoff von BioNTech verimpfen, sagte sie. Sie fühle sich allein gelassen, wenn sie jetzt Eltern und Kinder, die einen Impftermin haben, wieder abbestellen müsse. „Die KV soll sich dafür einsetzen, dass wir weiter beliebig viel Impfstoff bekommen, egal welchen wir bestellen“, forderte Thiele.

Für Unmut haben die Pläne auch bei der KVWL-Vertreterversammlung am Samstag gesorgt. Mit der Ankündigung des Ministeriums werde wie bereits zu Anfang des Jahres die Diskussion über die Impfungen wieder in die Praxis verlagert, sagte der KVWL-Vorsitzende Spelmeyer. „Das wird dem Fortschritt der Impfkampagne schaden.“

Der KVWL-Chef ist skeptisch, was die Gründe für die Kontingentierung von Comirnaty® betrifft. Er könne nur hoffen, dass die Aussage stimme, dass der Impfstoff Spikevax® von Moderna sonst verfällt. „Oder sollten neue Lieferengpässe drohen, weil das Ministerium die Leistungsbereitschaft des ambulanten Systems unterschätzt hat?“ Das wäre dann der eigentliche Skandal. „Wenn das so ist, hoffe ich, dass die Journalisten in diesem Land das aufdecken werden“, betonte Spelmeyer.

„Mangelverwaltung“ in den Praxen

Die Verunsicherung bei den Hausärzten sei groß, berichtete Dr. Martin Mansfeld vom Hausärzteverband Westfalen-Lippe. Es gebe bereits eine große Zahl von Anfragen zu der Begrenzung des Impfstoffs. „Das ist ein respektloser Umgang mit uns und unserer ärztlichen Tätigkeit“, sagte er.

„Es wird unsäglich werden“, befürchtet Frauenärztin Ute Krahé. Die Gynäkologen könnten Schwangere nur mit dem Impfstoff von BioNTech impfen. Es gebe fast stündlich einen erhöhten Bedarf an Impfstoff, sagte sie. „Wir werden eine Mangelverwaltung haben“, warnte Krahé.

Moderna-Vakzine nicht diskreditieren

„Wir werden hier im Regen stehen gelassen“, monierte der Präsident der Bundesärztekammer Dr. Klaus Reinhardt. Bei allem Ärger über das Vorgehen der Politik müssten die Ärzte aber aufpassen, dass sie in der Öffentlichkeit den Impfstoff von Moderna nicht diskreditieren, betonte er. „Es wird ein echter Drahtseilakt, die Menschen nicht zu verunsichern“, bestätigte Spelmeyer.

In einer einstimmig verabschiedeten Resolution kritisiert die KVWL-Vertreterversammlung die Kontingentierung und fordert eine „vollständige Lieferung der gewünschten Impfstoffe ohne Substitution“. Sonst sei die Versorgung der Bevölkerung mit Impfstoff gefährdet.

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Anne C. Leber

Teil 2 der Leserzuschrift Dr. Martin Junker
Man hätte ja frühzeitig vom Verfall bedrohte Impfungen an Drittländer „spenden“ können, statt jetzt alle Impfstellen mit drohenden, verkürzten Verfallsdaten und unnötigen Patienten-Diskussionen zu belasten. Eine solche dumme Nacht- und Nebel-Aktion wird nicht nur Impfgegner beflügeln, sondern es steht auch zu befürchten, dass sich auch viele impfbereite Ärztinnen und Ärzte aus der dringend benötigten Impfbereitschaft verabschieden werden, .
Benötigten wir für die Unfähigkeit unserer Politik und Ministerialbürokratie denn noch weitere Beweise als die vermeidbare 4. Welle der Pandemie mit allen schon jetzt absehbaren Folgen für die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes?!

Ich bin entsetzt!
Dr. M. Junker (seit > 44 J. Land- u. Hausarzt)

Anne C. Leber

Leserzuschrift von Dr. Martin Junker
Die Meldung der KBV (Kassenärztliche Bundesvereinigung) am Freitag schlägt dem Fass den Boden aus! Wir Ärzte werden von Minister Laumann und dem Bundeskanzleramts-Minister Braun als „Golfspieler“ und „Bremser“ verunglimpft, um eigene Versäumnisse zu kaschieren, und nun verkürzt das BMG die Auslieferung von BioNTech-Impfstoff, weil sie Moderna-Impfstoff-Ladenhüter "vor dem Verfall" retten wollen.
Es ist zwar bekannt, dass die halbe Moderna-Dosis für eine Booster-Impfung über 30 Jahre eine gute Impfung ist, aber die Willkür des BMG und Minister Spahn verschärft die hochgefährliche Durchimpfungs-Mangelsituation durch diese willkürliche und unüberlegte Maßnahme! Für eine Impf-Pflicht für z.B. alle Gesundheitsberufe und andere Berufe mit vielfachem Menschen-Kontakt aber fehlt der Mumm!
Offenbar ist diesen Menschen, die diese Entscheidungen treffen, auch nicht bekannt, dass in vielen Ländern nur mindestens 2 gleichnamige Impfungen als „geimpft“ anerkannt werden. Auch haben wir bereits viele Geimpfte, die schon 2 verschiedene Impfungen bekommen haben und nun eine dritte, wieder andere Impfung erhalten. Für unter 30-Jährige soll nur BioNTech verimpft werden, ebenso bevorzugt auch für Kinder ab 12 J. (und als Boosterung), die noch lange nicht alle geimpft werden konnten. Nach Johnson&Johnson-Impfung soll ebenfalls eine BioNTech-Auffrischung erfolgen, sowie bei allen Schwangeren. Dafür wird es aber dann nicht mehr reichen!
Der Aufklärungsbedarf in den Praxen und den Impfzentren wird immens sein, die Verweigerer werden massivst zunehmen! Wir benötigen beide Impfstoffe in unbegrenzter Menge !

Eine weitere grandiose Fehlleistung der Verantwortlichen! Man sollte sie aus ihrem Amt unverzüglich entfernen (auch die verantwortlichen Ministerialen!)!

Teil 2.....


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