Nach harten Jahren

München Klinik wieder auf Kurs

Anhaltender Betriebsverlust in zweistelliger Millionenhöhe, ein Investitionsstau von mindestens 300 Millionen Euro und kein tragfähiges Medizinkonzept: Erst mit einschneidenden Sanierungsmaßnahmen konnte sich der kommunale Verbund München Klinik wieder eine Perspektive erarbeiten.

Von Helmut Laschet Veröffentlicht: 17.01.2020, 13:54 Uhr
München Klinik wieder auf Kurs

Das Klinikum Bogenhausen, einer der fünf Standorte der kommunalen München Klinik.

© München Klinik gGmbH

Berlin. 2013 stand einer der größten kommunalen Klinikbetriebe Deutschlands kurz vor der Insolvenz: Drei Jahre in Folge schlossen die fünf Häuser der München Klinik mit Verlusten in zweistelliger Millionenhöhe, Tendenz steigend – auf bis zu 80 Millionen Euro. Über Jahre waren Modernisierungen in die ohnehin unter der Altbaustruktur leidenden Häuser unterblieben.

Dr. Axel Fischer, Vorstandsvorsitzender der Gruppe, zeichnete bei den 24. Orber Gesprächen in Berlin ein ungeschminktes Bild eines Betriebes, der inzwischen eine harte Sanierung hinter sich hat.

Die frühere prekäre Lage des Vollversorgers hatte viele Ursachen: Drei der fünf Kliniken sind Altbauten und nur bedingt modernisierungsfähig. Weder Träger noch Land stellten Investitionsmittel bereit, an eine Eigenfinanzierung war nicht zu denken.

Es gab kein tragfähiges medizinisches Konzept, die Standorte arbeiteten eigenständig und nebeneinander, Kapazitäten wurden mehrfach vorgehalten, Abteilungen waren nicht ausgelastet, es wurde nie eine Verbundorganisation geschaffen. Negativberichterstattung in den Medien schadete dem Image.

Opportunistische Berater

2013 holte man sich externe Berater. Die empfahlen eine Wachstumsstrategie, um die vorhandenen Kapazitäten besser auszulasten und Mehrerlöse zu erzielen. Aber das war ein politisch erwünschter Rat, weil die Entscheidungsträger im Rathaus zunächst vor einer unpopulären Konzentration und Restrukturierung zurückschreckten.

2014/15 wurde eine strategische Wende vollzogen, Träger und Management stellten sich den Tatsachen. Konkret hieß das: Zentren- und Schwerpunktbildung sowie Abbau „unterkritischer“ Abteilungen, Infrastrukturinvestitionen nur in gesunde Kerne, Abbau von 700 Betten, Verkauf des Blutspendedienstes, Zentralisierung des Labors, Senkung der Verwaltungskosten um 16 Prozent.

Auch das Personal war von der Sanierung betroffen, Stellen im nicht-weißen Bereich wurden abgebaut. Besonders hart traf es die Führungskräfte.

Nach dem Beschluss über ein Sanierungskonzept im Juli 2015 wurde erstmals seit langem wieder investiert. Das war alles andere als einfach, weil die Modernisierung von Altbaustrukturen stets aufwändig ist. Allein für Brandschutz und Sicherheit mussten mehr als 50 Millionen Euro investiert werden. Und: In der boomenden Isar-Metropole steigen die Baupreise.

140 von 180 Sanierungsmaßnahmen sind abgeschlossen

Ingesamt soll in den nächsten fünf Jahren eine Milliarde Euro investiert werden, finanziert vom Freistaat Bayern und der Stadt München: in einen Neubau für Harlaching, für eine neue Kinder- und Jugendklinik sowie ein neues Zentrum für Innere Medizin, Chirurgie und Nothilfe für Erwachsene am Standort Schwabing, in die Erweiterung von Bogenhausen und in ein neues Zentrallabor an der Klinik Neuperlach. Ein derartiges Volumen könne nur eine reiche Stadt wie München stemmen, meint Fischer.

Inzwischen sind 140 von 180 Sanierungsmaßnahmen abgeschlossen: Abteilungen wurden zusammengeführt, neue medizinische Einrichtungen etabliert und über eine Partnerschaft mit Philips die bildgebende Medizintechnik modernisiert. 2018 wurde die Marke „München Klinik“ etabliert.

Die schmerzvolle Sanierung zeigt erste Erfolge: 2016 wies der Jahresabschluss mit zwei Millionen Euro erstmals seit langem ein positives Ergebnis aus. 2017 waren es schon 23 Millionen Euro. Doch das sind fragile Ergebnisse. Die Effizienzgewinne durch die Neubauinvestitionen werden erst in Zukunft realisiert. Und ob sie die steigenden Personalkosten kompensieren können, ist ungewiss.

Personalmangel in München ist nicht auf fehlendes Pflegepersonal beschränkt, auch im Medizincontrolling und bei IT-Fachleuten herrscht Knappheit – und das treibt die Kosten. Die Anzahl der Leiharbeitskräfte, so berichtet Fischer, ist 2019 auf rund 120 gestiegen, die Kosten dafür beliefen sich auf 12 bis 15 Millionen Euro – mehr als 100 000 Euro pro Mitarbeiter.

Teure Werbung um Mitarbeiter

Für hochsensible Bereiche, die extrem pflegeintensiv sind wie die Neonatologie, wurden Betten stillgelegt, um den Pflegepersonalschlüssel erfüllen zu können. Bessere Arbeitsorganisation – etwa die Reduzierung pflegefremder Tätigkeiten durch ein neues Servicekonzept – und massive Anreize sollen die Personalsituation stabilisieren: 4000 Euro erhält ein Mitarbeiter, der einen neuen Kollegen wirbt; und der Neue erhält ebenfalls 4000 Euro. Die Kinderbetreuung wird ausgebaut, für Mitarbeiter werden neue Wohnformen entwickelt.

Und wie beurteilt die Belegschaft die Sanierung? Zunächst sehr skeptisch, wie eine Mitarbeiterbefragung von 2017 zeigt: Weniger als 20 Prozent sahen damals schon erste Erfolge, etwas mehr als 20 Prozent (Oberärzte unter zehn Prozent) hatten Vertrauen in die Geschäftsführung, und weniger als 50 Prozent glaubten, dass ihr Arbeitsplatz noch sicher sei. Nur ein Drittel der Mitarbeiter hielt München Klinik für einen attraktiven Arbeitgeber.

Für Vorstandschef Fischer ernüchternd: „Wir haben teilweise sehr erfolgreich saniert, die Organisation restrukturiert und unsere Bauprojekte nehmen Kontur an, aber die Herzen der Mitarbeiter haben wir damit nicht erreicht. Dazu werden wir künftig noch deutlich mehr tun müssen“.

Das Unternehmen

  • München Klinik ist ein systemrelevanter Gesundheitsversorger mit 3200 Betten an fünf Standorten.
  • Vier dieser Häuser sind Maximalversorger, 40 Prozent aller Notfälle der Millionenstadt werden hier behandelt.
  • 5900 Mitarbeiter (Vollzeitäquivalente) sind in dem kommunalen Unternehmen beschäftigt. 2018 erwirtschafteten sie einen Umsatz von 680 Millionen Euro.
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