Prävention neu gedacht

Wie ein Großstadt-Kiez sein Diabetesproblem lösen will

Der Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf kämpft mit einer hohen Diabetesprävalenz. Mit 30-Minuten-Spaziergängen, Kiezrallye und Angeboten für gesunde Ernährung wollen die Bezirksvorderen gegensteuern.

Von Thomas HommelThomas Hommel Veröffentlicht:
Zahlreiche Hochhäuser, viele Menschen und eine hohe Diabetesrate: der Bezirk Marzahn-Hellersdorf im Nordosten Berlins.

Zahlreiche Hochhäuser, viele Menschen und eine hohe Diabetesrate: der Bezirk Marzahn-Hellersdorf im Nordosten Berlins.

© Schoening / Bildagentur-online

Berlin. Wer in Berlin die teils sechsspurig ausgebauten Straßen Frankfurter Allee oder Landsberger Allee in Richtung Nordosten fährt, kommt unweigerlich an dichten, bunten Hochhaus-Siedlungen vorbei. Sie sind quasi ein Erkennungszeichen des Bezirks Marzahn-Hellersdorf.

Gut 270.000 Menschen leben hier. Zusammen mit den fünf „Dörfern“ Biesdorf, Hellersdorf, Kaulsdorf, Marzahn und Mahlsdorf misst der Bezirk an die 6200 Hektar Fläche. Viele Bewohner, die zu DDR-Zeiten in Marzahn-Hellersdorf ihre Bleibe fanden, sind inzwischen Senioren. Dennoch trifft man auch junge Familien in Berlins nordöstlichstem Kiez – Familien, die sich die höheren Mieten in den Innenstadtbezirken nicht leisten können.

Ansonsten sieht sich Marzahn-Hellersdorf vor dieselben Herausforderungen gestellt, wie viele andere Stadtteile dieser Art auch: Soziale und kulturelle Faktoren wie etwa Einsamkeit, Armut, Arbeitslosigkeit, fehlender Zugang zu ausreichend Bewegungs- und Sportmöglichkeiten oder die mangelnde Verfügbarkeit gesunder Ernährungsangebote prägen das Leben – und damit die Gesundheit der Menschen.

Diabetesprävalenz bei elf Prozent

Eine Folge ist, dass die Diabetesprävalenz in Marzahn-Hellersdorf über der in anderen Bezirken der Hauptstadt liegt: So beträgt etwa die durchschnittliche Diabetesprävalenz im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg sieben Prozent. Marzahn-Hellersdorf ist mit elf Prozent eher im oberen Bereich angesiedelt.

Die Bezirksvorderen wollen sich dem Trend aber nicht ergeben – sondern gegensteuern. So sind sie im Herbst 2020 eine Partnerschaft mit dem Programm Cities Changing Diabetes (siehe Kasten) eingegangenen – als erste deutsche Stadt überhaupt. Die Initiative geht auf das dänische Unternehmen „Novo Nordisk“ zurück. Weltweit machen mehr als 30 Metropolen mit – darunter Rom, Warschau, Mexiko-Stadt und Kopenhagen.

Die Gründe für die hohe Diabetesrate in Marzahn-Hellersdorf seien vielschichtig, sagt Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke). „Zum einen spielt natürlich die Altersstruktur eine große Rolle.“ Je nachdem, auf welchen Teil im Bezirk man schaue, finde man weitere Erklärungen: prekäre Einkommensverhältnisse, Familienarmut, schlechte Essgewohnheiten, wenig Bewegung. All das beeinflusse das individuelle Diabetesrisiko, erklärt Pohle, die vor ihrer Politiker-Laufbahn als Arzthelferin einer chirurgischen Praxis arbeitete.

Elf Prozent der Kinder übergewichtig

Pohle verweist auch auf Ergebnisse von Einschulungsuntersuchungen im Bezirk: Demnach sind elf Prozent der Kinder übergewichtig oder adipös. Erschwerend hinzu kommt die sinkende Zahl von Hausärzten, die entweder in Ruhestand gehen oder in andere Stadtteile wechseln.

Im Rahmen des Programms Cities Changing Diabetes hat Marzahn-Hellersdorf in einem ersten Schritt bewegungsfördernde Angebote für die Einwohner geschaffen. Eine App, die zu mehr Bewegung animieren soll, wurde jetzt ergänzt um eine „Spaziergangkarte“. Darin enthalten sind Routen für 30-minütige Spaziergänge durch den Bezirk. Außerdem gibt es eine Kiezrallye, die sich speziell an Familien und Kinder richtet.

Zudem will der Bezirk mehr Angebote für gesunde Ernährung schaffen. Geplant sind unter anderem Kooperationen mit lokalen Supermärkten und die Aufklärung zum Nutri-Score auf Lebensmitteln.

„Müssen im Kindesalter beginnen“

Dass sich all das lohnt, davon zeigt sich Dr. Christian Toussaint überzeugt. „Wir brauchen zielgerichtete Konzepte zur Diabetesprävention“, sagt Toussaint, der als niedergelassener Internist und Diabetologe in Marzahn-Hellersdorf praktiziert.

Die Konzepte müssten bereits im Kindesalter – in Kitas und Schulen – greifen. „Es muss uns gelingen, die Familien schon frühzeitig zu erreichen – insbesondere die, in denen Elternteile an Diabetes erkrankt sind“, betont der Facharzt. Nur so lasse sich das Diabetesrisiko in Familien langfristig verringern.

Dazu gehöre, auch die Adipositas in den Blick zu nehmen, sagt Toussaint. „Da haben wir über die Jahrzehnte gelernt, geschickt wegzugucken.“ Es habe lange gedauert, bis sich Deutschland zu einer Klassifikation der Adipositas als eigenständige Diagnose habe durchringen können. „Es ist eben nicht nur mehr Polster unter der Haut, es ist eben auch die Verbindung zu Herzkreislauf-Erkrankungen und zu malignen Erkrankungen.“

Programme als „Datenfriedhöfe“

Dass zu Adipositas ein Chronikerprogramm (DMP) aufgelegt werden solle, sei folgerichtig, findet Toussaint. Der „Hauptgewinn“ für die Patienten sei, dass sie in den Programmen lernten, wie sie ihre Erkrankung eigenständig beeinflussen können. Problematisch an den Programmen sei, dass die darüber gewonnenen Informationen ungenutzt auf einem „Datenfriedhof“ liegen blieben. „Daraus werden nicht die Schlüsse gezogen, die man daraus ziehen könnte.“ Da sei mehr drin.

Tobias Gemmel, Senior Director External Affairs bei „Novo Nordisk“ Deutschland, betont, Ziel müsse sein, über zielgerichtete Prävention die Diabeteskurve in Marzahn-Hellersdorf abzuflachen. Der Bezirk sei ein „Vorreiter und ein gutes Beispiel für andere deutsche Städte“. Aktuell sei das Unternehmen mit weiteren Städten im Gespräch, so auch mit Mainz, wo „Novo Nordisk“ seit 1958 seinen deutschen Firmensitz hat.

Programm hat Diabetes in Metropolen zum Inhalt

Cities Changing Diabetes (CCD) ist ein globales Partnerschaftsprogramm, das 2014 vom dänischen Pharmahersteller „Novo Nordisk“ zusammen mit dem University College London und dem Steno Diabetes Center in Kopenhagen gegründet wurde.

„Das Programm“, heißt es auf dessen Internetseite, „zielt darauf ab, die sozialen und kulturellen Faktoren anzugehen, die die Anfälligkeit für Typ-2-Diabetes bei bestimmten Menschen, die in städtischen Umgebungen leben, erhöhen können.“ Lebensgewohnheiten in Städten spielten mit Blick auf Diabetes eine besondere Rolle. In urbanen Umgebungen mangele es etwa an Grünflächen. Städtische Bevölkerungen seien auch stärker Luftschadstoffen wie Feinstaub und Stickoxiden ausgesetzt.

CCD geht es daher um neue Ansätze bei der Stadtplanung oder Maßnahmen zur Stärkung der städtischen Gesundheitsversorgung. Mittlerweile machen beim Programm mehr als 30 Städte weltweit mit – darunter Rom, Kopenhagen, Madrid, Mexiko-City – oder Houston.

Die US-Metropole ist mit rund 2,3 Millionen Einwohnern eine der am schnellsten wachsenden Städte in den Vereinigten Staaten. Laut CCD gelangt nur ein Bruchteil von 1,5 Prozent der Bewohner zu Fuß oder mit dem Rad zur Arbeit. Bewegungsmangel gepaart mit ungesunder Ernährung habe zu einer der höchsten Fettleibigkeitsraten in den USA geführt.

Laut CCD stellen der Diabetes und seine Begleit- und Folgekrankheiten wie Adipositas und Herzkreislauf- Erkrankungen eine „enorme globale Herausforderung“ dar. Aktuell seien weltweit mehr als 460 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt. Ohne vorbeugende Maßnahmen würden bis 2045 rund 700 Millionen der Erwachsenen mit Diabetes leben – 51 Prozent mehr als heute. Auch in Deutschland sprächen die Zahlen eine „deutliche Sprache“.

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