Von Hamburg bis Köln

Gesundheitskiosk: Impfung braucht Vertrauen

Wie erreicht man Menschen in sozial schwachen Vierteln mit Impfangeboten? Ein Besuch im Hamburger Gesundheitskiosk zeigt: Gespräche zum Impfen brauchen Vertrauen – Zeit und Geduld müssen investiert werden. Solch ein Kiosk soll nun auch in Köln entstehen.

Dirk SchnackVon Dirk Schnack Veröffentlicht:
Geschäftsführer Alexander Fischer und Versorgungskoordinator Oliver Manske vor dem Hamburger Gesundheitskiosk. Hier werden Menschen über Gesundheitsförderung und Prävention aufgeklärt.

Geschäftsführer Alexander Fischer und Versorgungskoordinator Oliver Manske vor dem Hamburger Gesundheitskiosk. Hier werden Menschen über Gesundheitsförderung und Prävention aufgeklärt.

© Dirk Schnack

Hamburg. Die Erkenntnis traf den Arzt in Köln, als sich mitten in der Corona-Pandemie von 108 Flüchtlingen nur 30 gegen Corona impfen lassen wollten. „Wir haben uns verschätzt“, stellte der impfende Arzt damals ernüchtert fest. Inzwischen weiß man: Einfach ein Angebot schaffen und warten, dass die Menschen zum Impfen kommen, führt zu keiner hohen Impfquote – in sozialen Brennpunkten noch weniger als andernorts.

Der Kölner Stadtteil Chorweiler, wo viele Menschen arm und ihre Wohnungen klein sind, wo zahlreiche Menschen Migrationshintergrund haben und die deutsche Sprache nicht immer so beherrschen, dass sie Nachrichten verstehen, erfuhr in den darauf folgenden Monaten viel Aufmerksamkeit.

Die Stadt Köln zog eine Lehre aus der zunächst zögerlichen Inanspruchnahme ihrer Impfeinrichtungen und ging zu gezielteren Angeboten in den sozialen Brennpunkten über. Dazu gehörten auch aufsuchende Angebote, anschaulichere und in der Muttersprache gehaltene Aufklärungen sowie Kommunikation über Social Media-Kanäle. Sie stellte sich genauer auf die Zielgruppe ein.

Ähnliche Erfahrungen sammelten auch andere große Kommunen in ganz Deutschland. Fast durchgängig wurden aufsuchende Angebote aufgestockt und von der Politik als Erfolgsfaktor für eine steigende Impfquote angesehen.

In Baden-Württemberg beriet sich Landesgesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) mit Vertretern von Kirchen und Verbänden zu diesem Thema und stellte fest: „Es gibt Gruppen in unserer Gesellschaft, die wir mit unserer Impfkampagne noch nicht erreichen. Daher müssen wir raus aus den Impfzentren und hin zu diesen Menschen.“

„Empfängerorientierter Sprache“

In seinem Bundesland erhielten Vereine, Verbände und Kommunen, die eine Vor-Ort-Impfung anbieten wollten, einen Handlungsleitfaden für das Impfen im Quartier. Ziel: Das Impfen in sozioökonomisch benachteiligten Regionen voranzubringen. Eine der Empfehlungen: Die Menschen „in empfängerorientierter Sprache“ zu informieren. Dazu werden im Leitfaden Hinweise auf kultursensible Materialien gegeben.

Doch nur mit aufsuchenden Angeboten allein werden Menschen nicht überzeugt. Inzwischen will man in Köln auch deshalb einen Gesundheitskiosk nach Hamburger Vorbild aufbauen. Dieser erreicht in der Hansestadt seit 2017 mit niedrigschwelligem Kontakt und einer zielgruppengenauen Ansprache in den Stadtteilen Billstedt und Horn die Menschen mit Angeboten zur Gesundheitsberatung . Impfen – nicht nur gegen Corona – ist dort von Beginn an fester Bestandteil der niedrigschwelligen Beratungen.

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Nötig sind die Beratungen, weil die Gesundheitskompetenz oft gering ausgeprägt ist. Wie gering, veranschaulicht Oliver Manske, Versorgungskoordinator im Hamburger Gesundheitskiosk: Er streicht sich einmal über seinen kompletten Rumpf und sagt mit den Worten eines Gastes des Kiosks: „Alles Bauch.“

Wo in diesem beschriebenen Raum „Bauch“ das Herz, die Lunge oder die Nieren liegen könnten, wusste der Gast nicht. Das wissen viele der rund 100.000Einwohner in Billstedt und Horn nicht. Sie wissen auch nicht, dass zum Beispiel Alkohol und Nikotin schädlich für sie sind. Wer so wenig über seinen eigenen Körper weiß, setzt sich in aller Regel auch selten mit der Frage auseinander, ob eine Impfung für ihn angezeigt ist oder nicht.

Wo müssten Ärzte mit der Aufklärung beginnen, um solche Patienten von einer Impfung zu überzeugen? Der Gesundheitskiosk entlastet die Ärzte, weil er die Menschen über zahlreiche Gesundheitsthemen aufklärt.

Niedergelassene Ärzte überweisen Patienten hierher, damit sie in Gesundheitsförderung und Prävention beraten werden. Die bestehenden Wissenslücken aufzufüllen, würde die Arztpraxen Zeit kosten, die sie nicht haben. Impfen ist eines der Themen, die im Rahmen einer rund 45-minütigen Anamnese zur Sprache kommen. Das hat sich in der Pandemie positiv ausgewirkt.

„Wir merken, dass seit Corona mehr Menschen für dieses Thema sensibilisiert sind. Manche sprechen das auch von selbst an“, sagt Versorgungskoordinator Manske.

Patientengespräch mit dem Stift in der Hand

Bildung und Sprache nennt Gesundheitsberaterin Cagla Kurtca als größte Herausforderungen in ihren Gesprächen mit den Menschen ihres Viertels. Die akademisierte Pflegefachkraft führt viele Gespräche auf Türkisch, im Gesundheitskiosk stehen aber auch Arabisch und Farsi auf der Tagesordnung.

Wenn Kurtca etwas erklärt, greift sie oft zum Stift. Nicht um zu schreiben, sondern für Zeichnungen und Skizzen. „Das ist manchmal verständlicher als viele Worte“, sagt sie.

Nach ihrer Erfahrung stünden Menschen mit Migrationshintergrund den Mitarbeitern im Gesundheitskiosk und Informationen in den Medien skeptischer gegenübernehmen. Auch nähmen sie Impf-Empfehlungen seltener wahr und hätten mehr Ängste vor Nebenwirkungen. Zwischen Nebenwirkungen und Impfreaktionen zu unterscheiden, fiele schwer.

Wer sich zu einer ersten Impfung entschließt und Impfreaktionen spürt, entscheide sich oft gegen eine weitere Impfung. Auch Sanktionen – wer nicht geimpft ist, darf zum Beispiel nicht mehr an den Gesundheitskursen im Kiosk teilnehmen – seien kein Druckmittel.

Aufklärung in der Muttersprache

„Vertrauen“ nennt Kurtca als Grundlage, bevor sich ein Mensch zu einer Impfung entscheidet. Das baut Kurtca auf, indem sie so mit ihrem Gegenüber spricht, dass der sie auch versteht: In der Muttersprache, auf Augenhöhe, wenn nötig mit Zeichnung. Dass viele Menschen nicht wissen, was die STIKO ist und wie der Gesundheitsminister heißt, ist dabei nebensächlich.

Rund 5400 der 100.000 Einwohner in Billstedt und Horn sind bislang im Hamburger Gesundheitskiosk gewesen – und damit auch für das Impfen sensibilisiert worden. Geschäftsführer Alexander Fischer reicht das nicht. Er ist sicher, dass man mit mehr Ressourcen auch mehr erreichen könnte.

Sein Lieblingsbeispiel ist ein Projekt aus Großbritannien, für das Friseure geschult wurden. Während des Haarschnitts bekamen die Kunden zusätzlich eine Impfberatung. „Das würde ich mit den entsprechenden Mitteln auch bei uns sofort umsetzen“, sagt Fischer.

Gesundheitsberaterin Cagla Kurtca spricht mit einem Besucher im Gesundheitskiosk über das Impfen.

Gesundheitsberaterin Cagla Kurtca spricht mit einem Besucher im Gesundheitskiosk über das Impfen.

© Dirk Schnack

Neben solchen Projekten braucht es nach seiner Überzeugung weitere Ansätze, um die Menschen zu überzeugen: Bundesweite Kampagnen, damit nicht jede Kommune ihre eigenen erfinden muss, regelmäßige Ansprachen in den Netzwerken, in denen Menschen aus den sozialen Brennpunkten unterwegs sind, Testimonials, die das Bildungsbürgertum nicht kennt, wohl aber der Jugendliche mit abgebrochener Ausbildung.

Aus den Fehlern gelernt

Auch in Hamburg ist diese Erkenntnis erst durch Erfahrung entstanden, wie ein Beispiel aus der Zeit vor der Pandemie, kurz nach der Startphase des Gesundheitskiosks zeigt: Im Winter 2018 und 2019 hatte die Einrichtung ein aufsuchendes Angebot für Grippeimpfungen gestartet. Das Ergebnis ernüchterte die Initiatoren: 30 Prozent der angesprochenen Menschen war schon geimpft, die restlichen 70 Prozent waren desinteressiert.

Ist das wirklich Desininteresse, oder war es die falsche Ansprache? Im Norden Münchens, im sozialen Brennpunkt Hasenbergl, hat Johanna Hofmeir genau diese Erfahrung gemacht. Die Gründerin der Betreuungseinrichtung Lichtblick Hasenbergl nennt Angst und bürokratische Hürden als wichtigste Gründe, weshalb sich viele Menschen in diesem Viertel zunächst nicht gegen Corona impfen ließen.

„Sie sind es weniger gewohnt, sich mit medizinischen Fragen auseinanderzusetzen, da fehlt das Hintergrundwissen“, sagt Hofmeir. Wenn ohne dieses Wissen verlangt wird, dass man sich zu einem gesellschaftlich kontrovers diskutierten Thema entscheidet, seien vielen überfordert.

Hinzu kamen die zahlreichen Fake News, die kursierten. „Viele Menschen hatten ehrlich Angst, durch die Impfung zeugungsunfähig zu werden oder Krebs zu bekommen.“

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Nicht zu unterschätzen seien Probleme, die Online-Registrierung zu meistern oder Formulare auszufüllen. Als die Betreuungseinrichtung Lichtblick Menschen überzeugt hatte, für die Impfungen zu ihnen zu kommen, bemerkten sie diese Probleme. „Als wir ihnen das Ausfüllen der Formulare abnahmen, ging eine spürbare Erleichterung durch die Warteschlange“, berichtet Hofmeir.

Durch die Ansprache der Mitarbeiter konnte zu mehr als 500 Menschen so viel Vertrauen aufgebaut werden, dass diese sich trotz ihrer Ängste, Fake News und bürokratischer Hemmnisse impfen ließen.

Wird sich diese intensive Unterstützung auszahlen? In Hamburg ist man überzeugt, dass die kultursensible Arbeit auch während der Pandemie nachwirkt und auf andere Impfungen ausstrahlen wird. Manske sagt: „Die Menschen sind insgesamt offener für das Impfen geworden. Das gilt nicht nur für Corona, sondern auch für Impfungen gegen Herpes Zoster oder Pneumokokken.“

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