Gesellschaft

In "Mielkes Privatknast" gehörte Bespitzelung zum Alltag

Von Miriam Schönbach Veröffentlicht: 25.09.2006, 08:00 Uhr

Über einen halben Meter ist die Mauer dick. Die Wände sind in Blau-Grau gestrichen, Kleister verhindert die Sicht durch die Fenster. Dicke Eisschichten sollen sich im Winter 1956 an den Wänden des knapp sechs Quadratmeter großen Haftraums gebildet haben.

Im August des selben Jahres habe die DDR-Staatssicherheit in einer Nacht- und Nebelaktion "124 besondere Staatsfeinde" in die Sonderhaftanstalt Bautzen II in Sachsen geliefert, sagt Susanne Hattig von der Gedenkstätte Bautzen.

Dort ist kürzlich die neue Dauerausstellung zum Stasi-Gefängnis Bautzen II eröffnet worden. Ein vergilbtes Schriftstück in einem Ausstellungsraum erzählt ein wenig über die Geschichte des Gefängnisses mitten in der Stadt. Auf dem Zettel ist die Strafe für den Schriftsteller Walter Janka vermerkt, höchstpersönlich angewiesen von Erich Mielke: "Einzelhaft oder gemeinsam mit einem anderen Lebenslänglichen, geeigneter Zelleninformant."

Bautzen II unterstand als einziges Gefängnis der Stasi

"Bautzen II war das erste und einzige Gefängnis, das direkt dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unterstand. Es hatte das absolute Sagen über die Häftlinge", erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin. Bautzen brachte dies den Namen "Mielkes Privatknast" ein. Für den Hochsicherheitstrakt wurden Systemgegner, Fluchthelfer und westliche Spione, aber auch straffällig gewordene Funktionäre aus dem DDR-Herrschaftsapparat - oft vom Minister persönlich - ausgesucht.

Ihre Haft verbrachten sie isoliert, bespitzelt und demoralisiert. Unter ihnen waren der erste Außenminister der DDR, Georg Dertinger, der Westberliner Journalist Karl Wilhelm Fricke, der Schriftsteller Erich Loest und der Philosoph Rudolf Bahro.

Bahro verbrachte seine zweijährige Haft fast ausschließlich in der "Verbotenen Zone", dem Gefängnis im Gefängnis. Hier lebte der Berliner in völliger Isolation. Grund für die Haftverschärfung war ein aus dem Gefängnis geschmuggelter Kassiber. Mit diesem Material veröffentlichte "Der Spiegel" eine Geschichte über Strafvollzug des Regimegegners.

1979 wurde Bahro amnestiert und aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen. Für Schikanen und Arrest reichten noch weniger. Hattig: "Es gab eine militärische Hausordnung. Um zwei Gefangene kümmerte sich ein Bediensteter."

Sogar die Unterbringung der Zahnbürste war reglementiert

Im Haftraum heute hängt Kleidung schief auf dem Bügel, die gelb-braun-karierten Hausschuhe stehen schräg unter dem Bett, die blau-weiß-karierte Decke darauf wirft Falten. "Diese Zelle wäre damals nicht durchgegangen. Es war sogar die Unterbringung der Zahnbürste reglementiert. Je strenger die Weisungen, desto leichter läßt sich auch etwas für ständige Demütigungen finden", sagt die Historikerin.

Über 3000 Häftlinge haben zwischen 1956 und 1989 in Bautzen II ihre Haft verbüßt, darunter waren Anfang der 80er Jahre fast 50 Prozent Westdeutsche und Ausländer. Einige der Schicksale der Inhaftierten sind in der neuen Ausstellung auf den Biografie-Stelen zu lesen. Im zentralen Ausstellungsraum gibt es allgemeine Informationen über das Stasigefängnis. Für die neue Ausstellung wurden Zellen rekonstruiert, Wanzen freigelegt und in Archiven geforscht. Und es werden Täter beim Namen genannt. (ddp.vwd)

Weitere Infos finden Sie im Internet: www.gedenkstaette-bautzen.de

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