Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis

Karikó, Türeci, Şahin: Die Wegbereiter der mRNA-Forschung

Professor Uğur Şahin und Dr. Özlem Türeci haben der Welt den ersten Corona-Impfstoff beschert. Ein Erfolg, der ohne die Expertise der renommierten US-Biochemikerin Professor Katalin Karikó nicht möglich gewesen wäre. Das Trio erhält nun den Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis.

Von Christoph Fuhr Veröffentlicht:
Die Biochemikerin Professor Katalin Karikó (66, li.), die Ärztin Dr. Özlem Türeci (54) und der Arzt Professor Uğur Şahin (56) werden mit dem Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2022 ausgezeichnet.

Die Biochemikerin Professor Katalin Karikó (66, li.), die Ärztin Dr. Özlem Türeci (54) und der Arzt Professor Uğur Şahin (56) werden mit dem Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2022 ausgezeichnet.

© [M] Vilzek Foundation/M. Hamilton | Bernd von Jutrczenka / Associated Press / picture alliance

Frankfurt/Main. Als im Dezember 2020 die Unternehmen BioNTech und Pfizer für ihren Impfstoff gegen COVID-19 die Notfallzulassung in den USA erhalten hatten, erweckte der damals amtierende US-Präsident Donald Trump zur besten TV-Sendezeit vor Millionen von Landsleuten den Eindruck, als hätte er sich persönlich im Labor in die Pflicht genommen, um die heiß ersehnte Vakzine zu entwickeln.

Doch diese Ehre gebührte nicht dem zur Selbstgefälligkeit neigenden Trump, sondern einem eher bescheiden auftretenden deutschen Arzt-Ehepaar: Professor Uğur Şahin (56) und Dr. Özlem Türeci (54), Begründer des Unternehmens BioNTech in Mainz, haben im vergangenen Jahr der Welt mit Comirnaty® den ersten Impfstoff gegen Corona beschert.

Ein Erfolg, der ohne die Expertise der renommierten US-Biochemikerin Professor Katalin Karikó (66), seit 2014 Mitglied im BioNTech-Team, undenkbar gewesen wäre, und der jetzt gewürdigt wird: Türeci, Şahin und Karikó werden mit dem Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2022 ausgezeichnet, der mit 120.000 Euro dotiert ist und als eine der bedeutendsten Ehrungen in der medizinischen Grundlagenforschung gilt.

Paradigmenwechsel in der Medizin

Sie erhalten den Preis für ihre Erforschung und Entwicklung von messenger-RNA zu präventiven und therapeutischen Zwecken, erklärt der Stiftungsrat der Paul-Ehrlich-Stiftung in Frankfurt am Main. Auch der Corona-Impfstoff von BioNTech/Pfizer basiert auf der mRNA-Forschung.

Der Stiftungsrat stellt zugleich klar, dass die Ehrung nicht nur die Entwicklung der Vakzine würdige. Die Preisträger hätten eine Technologie etabliert, die in Teilen der Medizin einen Paradigmenwechsel einleite. Die Möglichkeiten reichten von der Gabe von Impfantigenen oder therapeutisch wirksamen Proteinen hin zur internen Produktion in den Körperzellen der Patienten.

Die „spektakulär schnelle“ Entwicklung eines hochwirksamen Impfstoffes gegen COVID-19 würdigte die Jury als „herausragenden Erfolg“. Im Januar 2020 hatte Şahin in der Fachzeitschrift Lancet einen Artikel über eine bis dahin noch namenlose chinesische Lungenkrankheit gelesen. „Ich war alarmiert“, erinnert er sich.

Ihm sei schnell klar geworden, dass diese Krankheit sich weltweit ausbreiten werde. Aber der Wissenschaftler sah auch eine Chance: Mit der mRNA-Technologie, so seine Überlegung, könnte es möglich sein, einen Impfstoff gegen das Virus herzustellen.

Entwicklung in Lichtgeschwindigkeit

Nicht ohne Grund nannte er nach einer kurzen Vorlaufzeit das Entwicklungsprojekt „Lightspeed“. In Lichtgeschwindigkeit sollte eine wirksame und völlig neuartige Vakzine erzeugt, getestet, zugelassen und vermarktet werden – was am Ende auch gelang.

Geboren in der Türkei, ist Şahin als Vierjähriger mit seiner Mutter zu seinem Vater nach Köln gezogen, der dort bei den Ford-Werken arbeitete. Türeci wurde in Niedersachsen geboren, sie war die Tochter eines Chirurgen, der aus Istanbul nach Deutschland übergesiedelt war.

Beide studierten Medizin und lernten sich an der Uniklinik des Saarlandes in Homburg kennen. Şahin und Türeci wechselten später nach Mainz und arbeiteten an gentechnischer Tumortherapie. 2008 gründete das Wissenschaftlerpaar das Unternehmen BioNTtech mit dem Ziel, Therapien zu entwickeln, die das Immunsystem anregen, Krebszellen zu bekämpfen.

Führend für Impfstoffe mit mRNA gegen Viren

BioNTech wurde bald führend in der Entwicklung von Medikamenten, die mRNA in Impfstoffen gegen Viren verwenden. Als die Erfolgsgeschichte des Corona-Impfstoffs abzusehen war, startete der BioNTech-Aktienkurs zum Höhenflug. Şahin und seine Frau gehören heute zu den reichsten Menschen in Deutschland.

Die Presse rückte in dieser Zeit die türkischen Wurzeln des Ehepaars in den Fokus: „Vom Gastarbeiterkind zum Weltretter“, hieß es in der „Rheinischen Post“. Und der Berliner „Tagesspiegel“ titelte „Von Einwandererkindern zu Multi-Milliardären“.

Katalin Karikó, Tochter eines Metzgers in Ungarn, studierte Biologie, wanderte in die USA aus und ist seit 2014 Senior-Vice-President bei BioNTech. Die Biochemikerin forschte ihr Leben lang an mRNA-Impfstoffen, ließ sich von skeptischen Wissenschaftler, die den Sinn ihrer Arbeit in Frage stellten, nie irritieren. Sie gilt heute als Wegbereiterin der neuen Impfstoffe gegen Corona.

„Brauchen kein Scheinwerferlicht“

Karikó hat auch in Zukunft ehrgeizige Ziele. Sie will mRNA zur Grundlage für viele neue Therapien machen – gegen Krebs, aber auch gegen Erbkrankheiten. Auch Şahin und seine Frau sehen sich längst nicht am Ende ihres Forschungswegs. Welche Kernidee das Ehepaar auch in Zukunft antreiben wird, erläutert Şahin so: „Wir brauchen kein Scheinwerferlicht, sondern wir lieben das, was wir tun, und wir fokussieren uns auf das, was uns wichtig ist, nämlich eine Vision, durch die Entwicklung von Medikamenten Menschen helfen zu können – und da gibt es noch viel zu tun.“

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