Ein Jahr an der Spitze der Wissenschaftsakademie

Leopoldina-Präsident: Müssen beim Impfen „alle Möglichkeiten“ nutzen

Die während der Corona-Pandemie beschlossenen politischen Maßnahmen sind von den Forschern der Wissenschaftsakademie Leopoldina maßgeblich mitgestaltet worden. Selten stand die Gelehrtengesellschaft so im Fokus wie während der Krise. Ihr Präsident Gerald Haug blickt - ein Jahr nach Dienstantritt - auf turbulente Zeiten zurück.

Von Wilhelm Pischke Veröffentlicht:
Gerald Haug (52) ist seit März 2020 Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Gerald Haug (52) ist seit März 2020 Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

© Peter Kneffel / dpa

Vor einem Jahr haben Sie die Stelle des Präsidenten der Leopoldina angetreten. Wären Sie lieber zu einem anderen Zeitpunkt Präsident geworden?

Gerald Haug: Ja, das habe ich mir natürlich anders vorgestellt. Es war ein sehr intensives Jahr. In der Wissenschaft ist der persönliche Austausch und Diskurs besonders wichtig. Den habe ich doch sehr vermisst, jetzt in diesem ersten Jahr. Der funktioniert online nur bedingt, das ist nicht das Gleiche.

War Ihnen von Anfang an klar, dass Corona uns nicht nur ein paar Monate, sondern womöglich weit darüber hinaus beschäftigen wird?

Die Leopoldina hat sich sehr früh mit dem Thema Coronavirus befasst. So hatten wir am 13. Februar 2020, als es die ersten Fälle in Deutschland gab, ein Pressegespräch gemeinsam mit dem Science Media Center Deutschland. Wir haben das Thema von Beginn an sehr ernst genommen. Das Ausmaß der Krise konnte natürlich keiner vorhersagen.

Wenn man die Coronakrise mit einem Marathonlauf vergleicht: Auf welchem Kilometer befinden wir uns gerade in Deutschland?

Darin liegt ja genau die Schwierigkeit seit Beginn dieser Pandemie. Der Marathonläufer weiß, dass er 42 Kilometer laufen muss. Er weiß genau, was er vor sich hat und kann entsprechend seine Kräfte einteilen. Wir wissen das eben nicht exakt. Deswegen ist es ganz wichtig, hier sehr vorsichtig zu agieren. Daher ist die Frage so natürlich nicht zu beantworten.

Hätten Sie sich ein beherzteres und einheitliches politisches Vorgehen bei der Bekämpfung der Pandemie gewünscht? In welchen Momenten hätte man noch nachsteuern müssen?

Es wurden durchaus im Spätsommer/Herbst Fehler gemacht. Spätestens im September war schon klar, dass es im Herbst und im Winter zu einem Anstieg der Infektionszahlen kommen wird. Man hätte sich an diesem Punkt erhofft, dass proaktiver, präventiver und gemeinsam einheitliche Regeln formuliert werden. Aber ich verstehe auch, wie schwer das der Politik gefallen ist, die Weichen anders zu stellen.

Inwieweit sehen Sie jetzt, dass die Politik den wissenschaftlichen Empfehlungen folgt?

Die Politik muss viele unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen. Die Wissenschaft trägt mit verschiedenen wissenschaftlichen Erkenntnissen bei. Das Wichtigste ist sicherlich die Impfstoffentwicklung gewesen. Die Politik folgt darum nie eins zu eins der Wissenschaft. Aber ich glaube schon, dass trotz der Vielstimmigkeit doch eine gewisse Grundrichtung festzustellen war, der Ernst der Lage erkannt wurde und man schließlich zu einem Konsens im Umgang mit der Pandemie kam. Wenn ich das mit anderen Ländern vergleiche, so finde ich, dass man hier gemeinsam weiterkam, wenngleich ich mir mehr Stringenz bei der Umsetzung gewünscht hätte.

Einige Leopoldina-Forscher sagen, dass uns das Virus noch Jahrzehnte beschäftigen wird. Warum ist das so?

Da ist es sicher besser, Virologen und Epidemiologen zu fragen. Aber wenn ich immer richtig zugehört habe, ist klar, dass es schon Varianten gibt, denen wir aber hoffentlich mit den verfügbaren Impfungen begegnen können. Die Geschwindigkeit ist hier entscheidend, was mir Sorgen bereitet. Jeder und jede Geimpfte zählt. Mit Blick auf den Sommer bin ich davon überzeugt, dass wir dann Erleichterungen spüren werden, auch wenn die schwierige Situation damit noch nicht zu Ende ist.

Es wäre ein enormer Fehler, wenn man zu früh leichtsinnig würde.

Wie frei werden wir denn im Sommer sein?

Ich denke, dass es noch lange wichtig sein wird, gewisse Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten. Es wäre ein enormer Fehler, wenn man zu früh leichtsinnig würde. Gerade präventive Maßnahmen wie hochqualitative Masken und das konsequente Tragen dieser werden uns eine Zeit lang weiter begleiten. Voraussetzung ist natürlich, dass die Weichen beim Impfen so gestellt werden, dass das unbürokratisch, schnell und effizient bei der jetzt kommenden größeren Verfügbarkeit von Impfstoff erfolgen kann. Hier sollten alle Möglichkeiten, das heißt Arztpraxen, Betriebsärzte, professionelle Logistiker und die Möglichkeiten der Digitalisierung sofort ausgeschöpft und zum Einsatz gebracht werden.

Wo sehen Sie denn die größten Herausforderungen für die Welt in diesem Jahr? Und wo stehen wir in den nächsten 30 Jahren?

In diesem Jahr ist es ganz sicher die Überwindung der Pandemie. Das gilt für Deutschland, das gilt für Europa. Das gilt weltweit.

Ich glaube, ganz wichtige Zukunftsthemen werden der Klimawandel sein, direkt verbunden mit dem Artenschutz und der Ernährungssicherung. Auch Themen wie die Digitalisierung, der Umgang mit Künstlicher Intelligenz bleiben wichtig. Ganz wichtig ist das Thema Global Health, um Lehren aus der aktuellen Pandemie zu ziehen und ihrer Prävention eine höhere Bedeutung zuzumessen. (dpa)

Zur Person:

Gerald Haug (52) ist Klimaforscher, Geologe und Paläo-Ozeanograph. Er erforscht die Entwicklung des Klimas der letzten Jahrtausende. 2012 wurde er als Mitglied in die Leopoldina in der Sektion Geowissenschaften aufgenommen. Am 1. März 2020 übernahm Haug das Amt des Präsidenten.

Die Leopoldina berät die Politik unabhängig und auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu gesellschaftlich relevanten Themen. Die Spannbreite reicht von ethischen Fragen in der Medizin bis hin zur Digitalisierung. Der Akademie gehören rund 1600 Wissenschaftler an, darunter Nobelpreisträger.

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