Rentner im Roboauto

Macht Computersteuerung Senioren mobil?

Einsteigen und losfahren – lassen. Das ist die Vision der Autohersteller für computergesteuerte Wagen. Können künftige Fahrerassistenzsysteme auch älteren Menschen helfen, mobil zu bleiben?

Veröffentlicht:
Statistiken von Unfallforschern der Versicherer zeigen, dass das Risiko, einen Unfall zu bauen, für Autofahrer ab 75 Jahren steigt.

Statistiken von Unfallforschern der Versicherer zeigen, dass das Risiko, einen Unfall zu bauen, für Autofahrer ab 75 Jahren steigt.

© Gina Sanders / Fotolia

STUTTGART/BERLIN. Mit seinem Wagen streift ein 84-Jähriger im Februar mehrere Autos beim Abbiegen, er reißt das Lenkrad herum, sein Wagen stürzt in Berlin auf die Seite. Kurz darauf fährt ein 83-Jähriger ungebremst in einen parkenden Lieferwagen. Besonders tragisch der Fall vor gut einem Jahr: Ein Mann über 80 fährt mit seinem Auto in eine Fußgängerzone im südbadischen Bad Säckingen. Er rast in eine Menschenmenge vor einem Café, weil er Gas und Bremse verwechselt – zwei Menschen kommen ums Leben, 27 werden verletzt.

Unfälle wie diese sorgen immer wieder für Schlagzeilen, im Anschluss häufen sich fast reflexhaft Forderungen nach strengeren Prüfungen oder gar Fahrverboten für ältere Menschen. Und auch eine andere Frage steht im Raum: Wären sie vermeidbar, wenn in Zukunft das Auto selbst die Kontrolle übernehmen könnte?

Statistiklage unklar

Experten sind skeptisch: Statistiken von Unfallforschern der Versicherer zeigen, dass das Risiko, einen Unfall zu bauen, für Autofahrer ab 75 Jahren steigt. Gleichzeitig wird die Zahl der Menschen, die sich in diesem Alter hinters Steuer setzen, angesichts des demografischen Wandels in den nächsten Jahrzehnten steigen. Zum einen werden die Menschen älter, zum anderen haben mehr Frauen einen Führerschein.

Grundsätzlich ist die neueste Technik als Hilfe gedacht: Neben den schon bekannten Parkassistenten, die die Fahrzeuge in schmale Lücken manövrieren, halten die Fahrzeuge den Abstand zum Vordermann, sie legen bei Hindernissen eine Notbremsung ein oder warnen vor Verkehrsteilnehmern im toten Winkel.

Der Gesetzgeber ebnet nun auch den Weg für weitreichendere Hilfestellungen. Am Freitag soll das Gesetz zu computergesteuerten Autos von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) den Bundesrat passieren. Es soll einen Rahmen setzen, damit in Autos künftig Computer Fahrfunktionen übernehmen dürfen. Der Fahrer soll dann die Hände vom Lenkrad nehmen können – nur im Notfall muss er jederzeit wieder Steuer und Bremsen bedienen können.

Kann das helfen? Ältere Menschen hätten oft Schwierigkeit mit dem Schulterblick und der Einschätzung des rückwärtigen Verkehrs, sagt etwa der Leiter der ADAC-Verkehrspolitik, Ulrich Chiellino. Fahrzeugsensorik könne beispielsweise das Einfädeln oder Überholen auf der Autobahn unterstützen.

Problem: Komplexe Situationen

Allerdings machten ältere Autofahrer Fehler vor allem in komplexen Situationen etwa auf Kreuzungen oder auf Landstraßen. Bis Autos hier die Kontrolle übernehmen, dürfte es noch dauern. Denn die neuen Funktionen werden bislang vor allem für die Autobahn entwickelt.

Einen größeren Nutzen misst Chiellino dem so genannten Notbremsassistenten zu, der Kollisionen mit Fußgängern verhindern soll. "Diese Nothaltefunktion kann auch verhindern, dass ein Fahrzeug unkontrolliert weiterfährt, wenn der Fahrer einen Herzinfarkt oder Schlaganfall am Steuer erleidet", sagt der ADAC-Experte.

Doch entscheidend wird sein, wie intuitiv die neuen Systeme zu bedienen sind. Zwar gibt es noch keine größeren Untersuchungen, wie ältere Menschen auf sie reagieren. "Allerdings darf man vermuten, dass die Affinität zu Assistenz- oder neuartigen Navigationssystemen im Alter eher restriktiv sein dürfte", sagt Karin Müller, Leiterin des Fachbereichs "Mensch und Gesundheit" beim Prüfkonzern Dekra.

Sie geht davon aus, dass es an der notwendigen Aufgeschlossenheit für neuere Technik hapern wird. Zudem nehme die Bereitschaft, Gewohnheiten zu ändern, mit dem Alter ab.

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, erwartet, dass die Probleme in den nächsten Jahren eher zunehmen. Denn erstmals wird der Mensch im Auto die Verantwortung behalten. Und die Assistenzsysteme, bei denen der Fahrer nach geplantem Gesetz jederzeit eingreifen können muss, können seiner Einschätzung nach ältere Menschen überfordern. Denn die "Warnkaskade" – blinkende piepsende Anzeigen, die dafür sorgen, dass der Mensch rechtzeitig eingreife – sei schon für jüngere Menschen nicht einfach zu erfassen.

Selbst auf Fahranfänger sieht Dekra-Expertin Müller eher mehr als weniger Lernbedarf zukommen. So könnte der Umgang mit automatisierten Fahrfunktionen Teil der Ausbildung und Führerscheinprüfung werden. Einfacher dürfte es erst dann wieder werden, wenn das Auto irgendwann einmal die volle Kontrolle übernimmt. Doch das wird dauern, so Müller: Das vollautonome Fahren, in dem wir alle nur noch Passagiere seien, bleibe "auf längere Sicht Zukunftsmusik". (ajo/dpa)

Mehr zum Thema

Sinkende Corona-Inzidenz

Spahn-Ministerium sieht keinen Grund für Entwarnung

Schlagworte
Das könnte Sie auch interessieren
Digitalisierung? „Muss für Ärzte einen Mehrwert bieten!“

© [M] Scherer: Tabea Marten | Spöhrer: privat

„EvidenzUpdate“-Podcast

Digitalisierung? „Muss für Ärzte einen Mehrwert bieten!“

Digitalisierung und Datenschutz pandemiekonform: SVR-Vorsitzender Professor Ferdinand Gerlach (li.) am 24. März in Berlin bei der Vorstellung des Ratsgutachtens und der Bundesdatenschutzbeauftragte Professor Ulrich Kelber (re.) einen Tag später bei der Vorlage seines Tätigkeitsberichts.

© [M] Gerlach: Wolfgang Kumm / dpa | Kelber: Bernd von Jutrczenka / dpa

„ÄrzteTag“-Podcast

„Wir verlangen Digitalisierung mit Gehirnschmalz!“ (Streitgespräch Teil 1)

Thorsten Kaatze, kaufmännischer Direktor am Uniklinikum Essen

© UK Essen

„ÄrzteTag“-Podcast

Ein „Kochrezept“ für die Digitalisierung einer Uniklinik

Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Michael Traub

Ein echter technischer Fortschritt

Als Notarzt erlebte ich mehr als einmal, wie es Menschen in lebensbedrohlicher Situation (Herzinfarkt, allergischer Schock) mit größter Mühe gerade noch gelungen war, auf den Seitenstreifen zu fahren. Wie oft gelingt dies nicht? Und wie oft kann dann der Notarzt rechtzeitig alarmiert werden? Da können automatische Assistenzsysteme von hohem Wert sein, gerade auch für ältere Mitmenschen. Mancherlei Probleme in diesem Zusammenhang sind noch zu lösen, aber der Zeitraum dafür ist absehbar.


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Was sollte die neue Regierung als Erstes anpacken?

© [M] Nuthawut / stock.adobe.com

Pflichtenheft für die neue Regierung

Drei Reformen sind Lesern der „Ärzte Zeitung“ besonders wichtig

Heim-Hämodialyse: Die Qualität der Therapie ist ähnlich gut wie bei Dialyse in Kliniken.

© artinspiring / getty images / iStock

DGfN-Kongress

Nephrologen legen 10-Punkte-Plan für mehr Heimdialyse vor