Tatortreiniger

Putzen am Ort des Schreckens

Er kommt, wenn alles vorbei ist: Dirk Plähn ist Tatortreiniger und beschäftigt sich den ganzen Tag mit dem, womit Menschen normalerweise nichts zu tun haben wollen.

Von Regina Wank Veröffentlicht: 24.10.2019, 13:10 Uhr
Putzen am Ort des Schreckens

Wird dahin gerufen, wo keiner verweilen will: Dirk Plähn ist von Beruf Tatortreiniger.

© Markus Scholz / dpa / picture alliance

Walksfelde. „Getrocknetes Blut fühlt sich an wie das Watt in der Nordsee – eine dicke, schmierige Matschepampe“, sagt Dirk Plähn trocken und sehr nüchtern. Plähn muss so abgebrüht sein, er ist Tatortreiniger.

Der 51-Jährige sieht „alles, was böse ist: Blut, Urin, Kot, Mord, Totschlag, Einsamkeit“, berichtet er in seiner – wie soll es anders sein – klinisch sauberen Küche. Zum Großteil reinigt Plähn Orte, an denen zuvor Menschen gestorben sind, aber auch Messiewohnungen oder Fäkaliennotfälle gehören zu seinen Aufgaben.

Mit der TV-Paraderolle von Schauspieler Bjarne Mädel hat die Realität des Tatortreinigers Dirk Plähn aus Walksfelde östlich von Hamburg nur wenig zu tun.

Physische und psychische Fitness

Plähn ist vor allem in Hamburg und Schleswig-Holstein im Einsatz, der normalerweise knapp zehn Stunden dauert. Wenn man in einem Schutzanzug mit Atemfilter arbeite, müsse man das mit dem Faktor vier nehmen, meint er. Nach einer Zehn-Stunden-Schicht habe er daher eigentlich 40 Stunden Arbeit auf dem Buckel.

Tatortreiniger müssen fit sein, nicht nur physisch, ganz besonders psychisch. „Ich versuche, möglichst wenig Informationen zu bekommen, und selbst wenn, geht das in das eine Ohr rein und zum anderen wieder raus“, sagt er. „Denn ich möchte auf keinen Fall ein Bild der Person haben, deren Blut ich gerade wegwische.“

Plähn kommt immer erst dann, wenn die Leiche schon abtransportiert wurde. So könne die Geschichte hinter den Überresten abstrakt bleiben und belaste ihn nicht. Tatortreiniger ist kein Ausbildungsberuf oder geschützter Begriff, jeder kann sich so nennen. „Das ist in unseren Augen ein Problem“, sagt Christopher Lück vom Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks.

Der Beruf sei menschlich und inhaltlich sehr sensibel. Tatortreiniger, die wirklich Qualität abliefern, gebe es bundesweit nur „ein paar Dutzend“. Daher sei es wichtig, dass man Zugangsvoraussetzungen dafür schaffe, fordert Lück. Diese gebe es bislang nicht.

Das Vorher-Nachher-Erlebnis

Plähn beschäftigt sich den ganzen Tag mit all dem, womit Menschen normalerweise nichts zu tun haben wollen. Für ihn ist der Beruf jedoch sehr befriedigend. Zum einen sei da das Vorher-Nachher-Erlebnis, wenn also das ehemals blutbesudelte Badezimmer wieder glänze. Zum anderen ist es die Dankbarkeit der Angehörigen. Dankbar, dass der Tatortreiniger ihnen die letzten Gerüche, die letzten Sinneswahrnehmungen und Bilder erspart.

Es geht aber auch anders: „Bei manchen Situationen frage ich mich, ob das hier versteckte Kamera ist.“ So wie bei der Frau, deren Vater sich erschossen hatte, und die während der Reinigung entspannt zusah und ihm zeigte, an welchen Stellen noch Gehirn klebte.

Plähn versucht eigenen Angaben zufolge immer, niemanden zu verurteilen und sich ganz auf die Kunden einzustellen. Die einen wollen Scherze machen, um mit der Trauer fertig zu werden, die anderen wollen schweigen – Plähn kann beides. Nur verabschieden fällt ihm schwer. „Ich sag immer nur „tschüss“ und nie „Auf Wiedersehen“, weil die meisten Menschen mich nicht wiedersehen wollen.“

Der gebürtige Hamburger rückt ungefähr zweimal die Woche aus. Er habe immer gleich viel zu tun, eine traurige Hochsaison – beispielsweise in den dunkleren Monaten – gebe es nicht. Einsamkeit, Mord, Selbsttötung – denkt er da nicht manchmal, dass es nur Schlechtes in der Welt gebe?

Das denke er sowieso, sagt Plähn, aber nicht wegen der Fälle. Nachrichten gucke er schon lange keine mehr, denn was in der Welt passiere, finde er schlimmer als seine Einsätze. (dpa)

Mehr zum Thema

Nationalsozialismus

Zahnärzte tief verstrickt in Nazi-Verbrechen

Zeitgeschichte

Porträts verfolgter Chirurgen in der NS-Zeit

Schlagworte
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
So verschenken Ärzte bei Privatpatienten kein Geld mehr

Tipps für die Abrechnung

So verschenken Ärzte bei Privatpatienten kein Geld mehr

Vom Kälberpankreas-Extrakt zum „smarten“ Hormon

Die Geschichte des Insulins

Vom Kälberpankreas-Extrakt zum „smarten“ Hormon

Diese Website verwendet Cookies. Weitere Informationen zu Cookies und und insbesondere dazu, wie Sie deren Verwendung widersprechen können, finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.  Verstanden