„EvidenzUpdate“-Podcast

Pläne für den Herbst? Fünf Schachteln, unter anderem

Die Erkältungssaison hat offiziell begonnen – auf höherem Niveau als in den letzten sechs Jahren. Mit von der Partie: COVID-19. Ein „EvidenzUpdate“ über Vorbereitungen für Herbst und Winter.

Prof. Dr. med. Martin SchererVon Prof. Dr. med. Martin Scherer und Denis NößlerDenis Nößler Veröffentlicht:
EvidenzUpdate mit DEGAM-Präsident Martin Scherer

EvidenzUpdate mit DEGAM-Präsident Martin Scherer

© [M] sth | Scherer: Tabea Marten

Für die Epidemiologen der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) hat mit der Kalenderwoche 40 (vom 3. bis 9. Oktober) die Wintersaison 2022/23 und damit die „Grippesaison“ begonnen. Die Zahl der Praxiskonsultationen wegen Erkältungskrankheiten liegt laut AGI über dem Niveau der Vorjahre (seit 2006) um diese Zeit. In über der Hälfte der Sentinelproben finden die Forscher respiratorische Viren, allen voran Rhinoviren, gefolgt von Influenza und SARS-CoV-2. Auch in den Krankenhäusern steigt die Zahl schwerer akuter respiratorischer Infektionen (SARI) und übertrifft die letzten „vorpandemischen Jahre“, wie es die AGI nennt.

Deswegen setzen wir in dieser 107. Episode vom „EvidenzUpdate“-Podcast unsere Gedanken aus dem Frühjahr fort und überlegen, wie wir durch Herbst und Winter kommen. Der Moderator macht sich Gedanken über Binsenweisheiten und DEGAM-Präsident Martin Scherer entwickelt Tipps für die Kolleginnen und Kollegen in den Praxen und uns als Gesellschaft. (Dauer: 24:50 Minuten)

Anregungen? Kritik? Wünsche?

Schreiben Sie uns: evidenzupdate@springer.com

Transkript

Nößler: Kommt eine Patientin in die Praxis und sagt: „Frau Doktor, die Nase läuft, der Hals kratzt, die Glieder tun weh und schlapp fühle ich mich auch. Gibt es da nicht was von ...?“ Ja, wovon eigentlich? Und wofür? Und damit herzlich willkommen zu einer kleinen Herbst-Update-Episode im EvidenzUpdate-Podcast. Wir, das sind ...

Scherer: Martin Scherer.

Nößler: Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der DEGAM und Direktor des Instituts und Poliklinik für Allgemeinmedizin am UKE in Hamburg. Und hier am Mikrofon ist Denis Nößler, Chefredakteur der Ärzte Zeitung aus dem Haus Springer Medizin. Moin nach Hamburg, Herr Scherer! Hallo.

Scherer: Grüß Gott zur Oktoberfestzeit, die jetzt rum ist oder Moin aus Hamburg.

Nößler: Moin und grüß Gott, Servus!

Scherer: Moin aus Hamburg, müsste man sagen.

Nößler: Okay, und Servus zurück. Herr Scherer, ich glaube, wir machen die 107. Episode. Erinnern Sie sich noch an die 100. Episode vom Podcast?

Scherer: Ja, so ungefähr. Aber Sie werden es gleich ausführen.

Nößler: Ja, Sie hätten es auch ausführen können. Es war der Herbst, über den wir gesprochen haben, Herr Scherer. Es war der Herbst. Und zwar Ende Mai haben wir über den Herbst gesprochen. Das muss man sich mal überlegen. Jetzt haben wir Herbst. Und was bedeutet das? Erinnern Sie sich noch, was wir damals besprochen haben?

Scherer: Wie man sich auf den Herbst einstellt. Wir haben das jetzt schon im dritten Jahr hintereinander durch. Und natürlich erwarten wir steigende Infekt-Zahlen.

Nößler: Die haben wir ja.

Scherer: Wir haben sie schon. Genau, wir haben sie erwartet, schon im Mai erwartet, und jetzt haben wir sie.

Nößler: Gucken wir noch mal zurück. Also, Sie haben gesagt, im dritten Jahr, wo ein besonderer Herbst vor uns steht, ein besonderer Winter. In gewisser Weise wird es jetzt vielleicht etwas anders als im vergangenen Jahr. Wir erinnern uns, letztes Jahr, da kam dann diese Corona-Delta-Welle. Im Winter folgte dann Omikron. Und es wurde alles ein bisschen anders. Wenn man jetzt mal vergleicht das, was im Moment passiert, mit diesen Herbsttemperaturen, die jetzt beginnen, mit von vor einem Jahr. Und wenn jetzt eben diese eingangs skizzierte hypothetische Patientin zu Ihnen kommt in die Sprechstunde und fragt, ob sie sich jetzt in der anstehenden Herbstwelle, Coronawelle, Winterwelle Sorgen machen muss, was würden Sie der antworten?

Scherer: Dass sie eine Maske tragen soll, wenn sie in Menschenansammlungen geht. Und ansonsten etwas achtsamer sein soll. Es ist schwer, diesen Herbst jetzt mit dem letzten zu vergleichen. Wir hatten eine pathogenere Variante letztes Jahr, Delta. Omikron ist weniger pathogen. Aber wir erlauben uns jetzt auch mehr – siehe Oktoberfest in München.

Nößler: Wobei es ja weniger waren. Es war ja kein Besucherrekord, was man irgendwie gewohnt war vom Oktoberfest. Sie haben die Maske angesprochen. Die ist ja das präventive Mittel schlechthin. Und die Influenzawelle, die Grippewelle, die war ja letztes Jahr eigentlich ausgeblieben wegen der Maskenpflicht, die es überall gab, ne?

Scherer: Wir kennen das aus den vorherigen Phasen der Pandemie, dass die Maßnahmen natürlich auch andere Viruserkrankungen wegfangen.

Nößler: Könnte man denn diesen Tipp mit der Maske, wenn man in Menschenansammlungen geht, vielleicht überlegen, ob man den grundsätzlich in unser gesellschaftliches Gedächtnis verankert? Wir wissen ja, auch vor der Coronapandemie war das in Asien zum Beispiel nicht unüblich, dass Menschen, die sich in öffentlichen Aufzügen, in Menschenansammlungen getroffen haben, dass sie Maske getragen haben. Wäre das vielleicht so eine gesellschaftliche Lektion, die wir dauerhaft übernehmen? Was meinen Sie?

Scherer: Das wäre mir jetzt zu weitreichend. Ich würde es gerne immer an der aktuellen Situation festmachen. Und die jetzige Situation, die liegt natürlich bei den steigenden Zahlen nahe, darauf zu achten, bei U-Bahn-Fahrten, bei größeren Feiern, immer dann, wenn es eng wird und viele Menschen aufeinandertreffen.

Nößler: Wir haben ja die Kalenderwoche 40. Und für alle, die sich mit ARE, mit respiratorischen Infekten beschäftigten, ist die KW 40 so was wie der Start in die Grippesaison, in die Erkältungssaison. Jetzt kann man wieder wöchentlich, eigentlich täglich, wenn man so will, beim RKI, bei der Arbeitsgemeinschaft Influenza nachschauen, in den Wochenberichten, was da so passiert, was die Sentinelpraxen liefern, was die Krankenhäuser liefern. Und da wird schon deutlich gesagt, dass wir jetzt eine Erkältungswelle haben. Spüren Sie das auch?

Scherer: Ja, das spüren vor allem Sie gerade, würde ich mal sagen.

Nößler: Woher wissen Sie das?

Scherer: Und natürlich merkt man es um einen herum. Das spüren vor allem die Praxen. Und natürlich bleibt so ein Fest wie das Oktoberfest nicht ohne Wirkung. Fragen Sie mal die bayerischen bzw. die Münchener Kolleginnen und Kollegen.

Nößler: Da geht es wahrscheinlich hoch. Wir müssten mal – können wir ja zu gegebener Zeit mal machen – vielleicht mal Markus Beier einladen, den neuen Bundesvorsitzenden, der kommt ja aus Erlangen. Ich will noch mal auf die AGI zurückkommen, Arbeitsgemeinschaft Influenza. Wenn man in den Wochenbericht reinschaut, in dem letzten, zur KW 39. Da steht Folgendes drin, das zitiere ich: „Im ambulanten Bereich wurden in der 39. KW bundesweit deutlich mehr Arztbesuche wegen ARE als in der Vorwoche registriert. Die Zahl der Arztbesuche liegt über dem Niveau der Vorjahre seit 2006“ um diese Zeit. Und dann haben die gefunden in den Sentinelproben zu Rhinoviren – das war Mehrheit – bei „nur“ 12 Prozent waren es Coronaviren, also die SARS-Coronavirus-2-Viren, Parainfluenza und Sonstiges. Also breites Erregerspektrum. Wie erklären Sie das denn Menschen oder wie würden Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen mit auf den Weg geben, könnte man das thematisieren?

Scherer: Das erhöhte Inanspruchnahme-Verhalten muss nicht unbedingt ein Marker für die Pathogenität der Erkrankung sein oder auch für den Leidensdruck, die Morbidität der Betroffenen. Das kann auch einfach daran liegen, dass die Menschen mehr Fragen haben. Eine Viruserkrankung, ein respiratorischer Infekt im Jahre 2022 wirft weitaus mehr Fragen auf als im Jahre 2006.

Nößler: Klar. Weil das andere Relevanz bekommen hat. Jetzt hatten wir ja zwei Jahre zwei Erkältungssaisons hinter uns, wo wir uns alle sehr zurückgehalten haben. Maske tragen, Abstand, Hygiene. Und waren nicht so konfrontiert wie das vor der Pandemie war mit den typischen Erregern, Erkältungsviren etc. Und jetzt könnte man ja mal mutmaßen – ich stelle jetzt einfach mal so eine Hypothese auf –, dass da in diesen zwei Jahren, die zurückliegen, ein Stück weit so ein immunologisches Training gefehlt hat, den üblichen Erkältungserregern gegenüber, Erregern von grippalen Infekten. Kann man da nicht eigentlich erwarten, müsste man nicht eigentlich erwarten, dass dann jetzt, wenn wir uns etwas lockerer verhalten in dieser Zeit, in diesem Herbst, dass dann noch deutlich mehr und vielleicht sogar auch schwerere Fälle auftreten?

Scherer: Ich will da jetzt nicht zu viel spekulieren. Aber natürlich ist es Allgemeinwissen oder Commonsense, dass ein Immunsystem hinsichtlich der viralen oder auch manchmal bakteriellen Herausforderung nicht allzu naiv sein sollte. Das heißt, es braucht die Konfrontation mit Antigenen, mit potenziell pathogenen oder auch mit obligat pathogenen Erregern. Also diese Konfrontation braucht es. Das weiß man auch aus der Kinderheilkunde. Und gerade für die RSV-Infektion gab es während der Pandemie interessante Verläufe. Erst blieb es sehr stark aus, dann fand es sehr stark statt. Also natürlich, ein Immunsystem braucht die Information über das Antigen.

Nößler: Jetzt könnte man noch – aber vielleicht klammern wir das direkt aus – auch dieses Adenovirus-Thema noch mal aufgreifen. Machen wir nicht. Gab es ja Anfang des Jahres gehäufte Fälle, die dann vor allem sich in Hepatitiden manifestiert haben. Noch mal zurück, bleiben wir noch mal an dieser hypothetischen Patientin, an diesem hypothetischen Patienten, die oder der in der Sprechstunde aufschlägt. Und jetzt sehen wir dieses ganz breite typische Erregerspektrum, wo halt SARS-CoV-2 mit dazugehört. Jetzt müsste man natürlich, weil wir wissen, auch eine COVID-19 kann nach wie vor einen schweren Verlauf haben, eine Influenza kann nach wie vor einen schweren Verlauf haben – verändert das denn irgendwas an der Differenzialdiagnostik? Würden Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen sagen: Lasst uns da jetzt anders vorgehen? Oder kommt man wirklich zurück zum guten alten klinischen Setting und man schaut wirklich zunächst mal nur symptomatisch?

Scherer: Was anders ist als früher, das ist der Erregernachweis, den wird man weiterführen bei COVID bei symptomatischen Patientinnen und Patienten. Also das wird weiterhin zur Differenzialdiagnostik dazugehören. Und das ist der entscheidende Unterschied zur Vor-COVID-Ära. Da waren Erregernachweise bei respiratorischen Infektionen nicht üblich. Hin und wieder vielleicht mal Influenza. Auch mal Point-of-Care-Tests, aber das ist in der Versorgung drin und wird zumindest diesen Herbst/Winter auch noch Usus sein und bleiben.

Nößler: Das heißt, eine COVID-19 ist bei bestimmten Personengruppen zu so was wie einem abwendbar gefährlichen Verlauf geworden.

Scherer: Zumindest eröffnet eine COVID-19-Infektion noch mal einen anderen Horizont und andere Red Flags und andere abwendbar gefährliche Verläufe. Und deshalb kann es in der Differenzialdiagnostik wichtig sein, diese Erkrankung, diese Infektion auszuschließen.

Nößler: Also würden Sie tatsächlich, wenn jetzt diese Patientin, der Patient in die Praxis kommt mit entsprechender Symptomatik – im Zweifel lieber einmal testen.

Scherer: Man muss sich nicht beim kleinsten Schnupfen auf COVID-19 testen lassen, das nicht. Aber sobald weitere Krankheitssymptome, wie zum Beispiel Fieber, hinzukommen, kann ein Test sinnvoll sein. Insbesondere wenn man sich in Menschenansammlungen begeben möchte. Wer die Möglichkeit hat, ohne Personenkontakt zu Hause zu bleiben und sich selbst zu isolieren, der benötigt bei Symptomen nicht zwingend einen Test, vorausgesetzt die Symptome sind im Selbstmanagement gut zu behandeln und gut zu beherrschen. Und er hat keine weiteren Kontakte. Und im Zweifel kann man aber die Testindikation mit der Hausärztin und dem Hausarzt besprechen und dann nach klinischem Ermessen den PCR-Test veranlassen.

Nößler: Das wäre dann die Situation, wenn die Person in der Praxis aufschlägt, wo man dann im Zweifel eher doch noch mal reinschaut.

Scherer: Richtig.

Nößler: Kommen wir mal auf das Thema – weil es wird ja nachgefragt werden, wenn die Erkrankungshäufigkeit zunimmt, ist allein eine nominelle Steigerung der Nachfragen nach möglichen Therapien zu erwarten? Und jetzt, das ist interessant, in dem Moment, wo wir das Gespräch aufzeichnen, gab es ein GBA-Beschuss zu einer COVID-19-Therapie Ronapreve, in dem Fall Casirivimab, und den zweiten Antikörper, den vergesse ich immer, das ist diese Injektionstherapie, wo der GBA sagte: Oh, beträchtlicher Zusatznutzen, aber klinisch irrelevant, weil das wurde nicht gegen Omikron getestet und da wirkt es sowieso weniger. Jetzt gibt es aber andere Arzneien. Der Klassiker ist nun mal Paxlovid als orale Arznei. Wir wissen, in Praxen darf das bevorratet und direkt abgegeben werden. Das ist ein Novum, dieses Dispensierrecht. Und es wird ja nun auch sehr „gehypt“. Also wir kennen Bundesminister, ob sie im Gesundheits- oder im Finanzministerium sitzen, ist egal, die das öffentlich aktenkundig machen, dass sie so eine Arznei einnehmen. Das führt dann natürlich zu diesen Nachfragen. Was machen wir, Herr Scherer, was empfehlen Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen, wenn dann die Leute in der Praxis aufschlagen und sagen: „Frau Doktor, Herr Doktor, kann ich das nicht auch haben?“

Scherer: Insbesondere, wenn sportliche FDP-Politiker in den besten Jahren das einnehmen, dann suggeriert das natürlich, das ist was für jedermann und jederfrau. Jede/jeder Erwachsene mit einer COVID-Infektion soll das einnehmen. Das ist der Eindruck, der dann entsteht.

Nößler: Und da sagt man dann aber im Zweifel, wenn eben eine Person im besten Alter sportlich, gesund in die Praxis kommt, muss man einfach sagen: Nein, das ist für Menschen ab 60.

Scherer: Theoretisch ist es für Menschen ab 18 erst mal. Das ist eine Grundvoraussetzung, Alter größer/gleich 18 und eine symptomatische Infektion, die durch ein Antigenschnelltest oder ein PCR-Test bestätigt ist, der Symptombeginn sollte spätestens vor fünf Tagen gewesen sein. Es muss ambulant beherrschbar sein, also kein zusätzlicher Sauerstoffbedarf vorliegen. Das ist erst mal die Grundvoraussetzung. Und jetzt kommt das, was Sie richtigerweise sagen, es muss zusätzlich mehr als ein Risikofaktor für einen schweren Verlauf vorliegen. Dazu gehört das Lebensalter unter 65. Das kann dann auch eine Adipositas sein mit BMI über 35, ein Diabetes, Lungen-, Nierenerkrankung, eine Schwächung des Immunsystems, eine Demenz, eine fehlende Impfung, eine genetische Erkrankung, wie zum Beispiel Trisomie 21. Wichtig aber ist mindestens zwei Risikofaktoren.

Nößler: Mindestens zwei Risikofaktoren. Ich will noch mal auf das Alter zurückkommen, Herr Scherer, weil Sie haben ja Recht, wie in allem. Natürlich, ist zugelassen ab 18 Jahren. Aber erinnern Sie sich noch an diese epochemachende Episode, die wir mit Daniel Kalanovic hatten, im Frühjahr?

Scherer: Da kann ich mich sehr gut dran erinnern, die hätte ich auch gleich erwähnt. Weil das ist ja heute nicht das erste Mal, dass wir über Paxlovid sprechen, bestimmt das dritte oder vierte Mal. Und einmal sehr ausführlich und sehr diskursiv, sehr gut mit Herrn Kalanovic.

Nößler: Genau, dem medizinischen Direktor von Pfizer in Deutschland. Die verlinken wir einfach, das müssen wir jetzt nicht noch mal durchgehen. Ich wollte noch mal auf das Alter kommen, weil Sie sagen natürlich zu Recht, das ist ab 18 Jahren zugelassen, also für alle Volljährigen. Und die entscheidende maßgebliche Studie, die da zugrunde liegt, das hatten Sie ja damals mit Herrn Kalanovic breit diskutiert, die zeigte ja ganz eindeutig den Nutzen, gerade bei Menschen ab 65 Jahren.

Scherer: Und genau die sind es, die ab diesem Alter natürlich am meisten davon profitieren. Plus Grunderkrankung. Daran hat sich nichts geändert.

Nößler: Das heißt, tatsächlich ist erwartbar, wenn jetzt ein nominell höheres Nachfragevolumen kommt, dass man das immer wieder erklären muss.

Scherer: Das muss man erklären. Man muss die Kontraindikation auf dem Radarschirm haben, dazu gehört die Schwangerschaft, dazu gehört eine Dialyse oder Nierenerkrankung im Endstadium, auch eine schwere Leberfunktionsstörung. Und hier wird es knifflig. Weil eine Nierenerkrankung kann ja auch mit ein Risikofaktor sein, der die Morbidität belegt, die sozusagen dann auch die Indikation für Paxlovid mit rechtfertigt. Eine zu schwere Nieren- und auch Leberfunktionsstörung kann hingegen eine Kontraindikation sein. Da muss man abwägen, hin und wieder vielleicht auch mal eine fachspezialistische Kollegin, eine fachspezialistischen Kollegen zurate ziehen. Aber Schwangerschaft, Stillzeit stellt eine Kontraindikation dar. Und die Medikamente, das haben wir schon oft thematisiert, die sind natürlich auch eine Baustelle, der man dann etwas Zeit widmen muss. Also die Co-Medikation. Was viele gar nicht so auf dem Radarschirm haben, ist Johanniskraut, das man sich auch selbst besorgen kann, eine absolute Kontraindikation darstellt, nur als Beispiel.

Nößler: Ist auch ein starker CYP3A4-Hemmer.

Scherer: Ja.

Nößler: Wenn man es genau nimmt, ist es eigentlich total paradox, die Arznei hilft gerade denen, die die höchsten Risiken haben. Aber das sind oftmals dann eben die, die sowieso Vorerkrankungen haben und dann eben eine Vortherapie haben, die eine Kontraindikation sei. Das ist paradox.

Scherer: Das ist die Krux. Aber das ist das Paradoxon, mit dem wir von Anfang an zu tun hatten, von der ersten Minute an, wo wir über Paxlovid gesprochen haben. Und trotzdem geisterte immer wieder durch die Medien, dass die Hausärztinnen und Hausärzte zu zögerlich seien, nicht mutig genug seien. Die wissen schon ziemlich genau, was sie tun. Und die Gruppe, die davon am meisten profitiert, ist eben genau die Gruppe, bei der dann auch die Polypharmazie hoch prävalent ist.

Nößler: Und da haben ja durchaus einige Kolleginnen und Kollegen von Ihnen in der Praxis schon wirklich Erfahrungen gemacht. Ich sage nur eine Stunde Brown-Bag-Review ist da keine Seltenheit, was man da so hört.

Scherer: Das ist überhaupt keine Seltenheit. Das ändert aber nichts daran, dass Paxlovid wirksam ist, eine wirksame orale Therapie aus den beiden Einzelwirkstoffen Nirmatrelvir und Ritonavir als Tabletten zusammen in einer Blisterpackung. 300 mg Nirmatrelvir, also 250 mg Tabletten und 100 mg Ritonavir, zur gleichzeitigen Einnahme alle 12 Stunden über einen Zeitraum von fünf Tagen. Nochmals zur Erinnerung: Der Symptombeginn sollte auch spätestens vor fünf Tagen gewesen sein. Und seit August haben wir auch die Möglichkeit, dann in den Praxen das Medikament vorzuhalten und direkt abzugeben.

Nößler: Machen wir noch einen Practice Pointer an der Stelle, wo Sie das noch mal ansprechen. Das war ja der Grund für das Dispensierrecht. Wenn es denn verordnet werden soll, das einfach beschleunigen kann. Würden Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen raten, es ist nicht verkehrt, sich mal eine Schachtel in die Praxis zu legen?

Scherer: Fünf Schachteln zum Beispiel. Fünf Schachteln mal vorrätig halten und dabei bedenken, Paxlovid kann nicht nur Wechselwirkungen machen mit anderen Medikamenten, die zeitgleich eingenommen werden, sondern es kann von sich aus auch Nebenwirkungen machen, wie zum Beispiel Störungen des Geschmacks- und Geruchssinns. Da klingelt was, das kennen wir doch irgendwoher. Und das kann natürlich auch für andere Medikamente Durchfall und Erbrechen machen oder Kopfschmerzen beispielsweise.

Nößler: Gut, im Zweifel ein bisschen Durchfall, Erbrechen, Kopfschmerz könnte das mildere Übel sein, wenn man damit einen schweren Verlauf abwenden kann.

Scherer: Richtig.

Nößler: Gut. Herr Scherer, sind wir allumfassend – Sie wissen, ich mag das so gerne, wenn ich Ihnen die Glaskugel hinhalten darf und Sie hauen sie mir dann gepflegt aus der Hand – für den Herbst und Winter halbwegs gewappnet?

Scherer: Besser als in den Herbsten – was ist denn der Plural von Herbst?

Nößler: Herbsten, ist doch logisch.

Scherer: Entschuldigung. Ich bin halt nur ein Mediziner. Also sicherlich besser als in den Jahren zuvor. Höhere Bevölkerungsimmunität. Ein gutes Medikament für den Fall des Falles in der Hand. Stellen Sie sich vor, wir hätten das Ende 2020, Anfang 2020/21 gehabt, da wären wir sehr froh gewesen. Und wir wissen Bescheid, wie das mit den Maßnahmen geht. Wir haben das eingeübt, wir haben das Knowledge und auch die Verhaltensweisen vorliegen und jeder kann mithelfen durch bewusstes Vorgehen und sein persönliches Verhalten, die Ausbreitung aller respiratorischen Erkrankungen etwas zu drosseln. Denn auch das macht ja den Druck in den Praxen. Nicht nur COVID alleine, sondern dann auch immer die Klärung der anderen respiratorischen Infektionserkrankungen, die es ja auch noch gibt.

Nößler: Und all die anderen nicht-respiratorischen Infektionserkrankungen.

Scherer: Ja.

Nößler: Es gibt ja jetzt schon tatsächlich Warnungen aus Spitälern, Notaufnahmen, Maximalversorger, das sind dann immer die Ersten, die laut Alarm schlagen. Das liegt auf der Hand, dass sie sagen: Liebe Leute, kommt mit eurem „Schnupfen“ bitte nicht in die ZNA, die müssen wir freihalten für lebensbedrohliche Fälle. Da haben wir dann wieder diesen ambulanten Schutzwall.

Scherer: Der immer gut funktioniert hat, aber der auch seinen Preis hat und zulasten derer geht, die da kämpfen, tagtäglich, die alles geben, die oft vergessen werden. Man kann es nicht oft genug sagen, das sind die MFAs und das sind die hausärztlichen Kolleginnen und Kollegen.

Nößler: Das klingt nach einem Dank und nach einer Anerkennung Ihrerseits an die Kolleginnen und Kollegen und deren Teams. Herr Scherer, gestatten Sie, dass ich versuche, was Sie jetzt gesagt haben in den letzten 20 Minuten in eine 3-Punkte-Take-home-Message zu verpflanzen?

Scherer: Da bin ich mal gespannt.

Nößler: Ich versuche es mal und Sie dürfen dann ja verbal agieren, reagieren. An die Kolleginnen und Kollegen von Ihnen gerichtet in der Praxis: Es ist nicht verkehrt, wenn man sich fünf Schachteln von Paxlovid im Zweifel mal hinlegt, für den Fall der Fälle. An uns alle: Es ist nicht verkehrt, wenn man in der Jackentasche vielleicht mal eine Maske stecken hat, für den Fall, dass man in ein großes Getümmel hineinkommt. Und auch eigentlich an uns alle: Es ist nicht verkehrt, im Zweifel sich mal zu testen auf COVID-19. Nicht übermäßig, gerade wenn es symptomatisch ist zum Abchecken. Das wären jetzt so die drei Dinge, die ich mitnehme. Und dann könnten wir doch ganz gut durch diese Erkältungssaison kommen.

Scherer: Ja. Obwohl das jetzt so ein bisschen binsenweisheitsmäßig klang, das Letzte. Das haben wir vorher aber schön ausgearbeitet. Aber das haben Zusammenfassungen so an sich, das lassen wir mal so stehen.

Nößler: Dann einigen wir uns mal wenigstens darauf, wir machen keine Überschrift draus.

Scherer: Genau.

Nößler: Herr Scherer, wir gehen jetzt in die Herbstferien so ein Stück weit, glaube ich. Also Sie ein bisschen.

Scherer: Ja, klar. Wir haben Herbstferienbeginn diese Woche. Richtig. Nicht nur ein Stück weit, sondern komplett. In manchen Bundesländern kompletter Herbstferienbeginn.

Nößler: Eine krasse Vorstellung. Unglaublich. Wie kommen wir da nur durch? Das klingt aber tatsächlich auch so ein bisschen nach Erholung, die man sich auch mal gönnen kann in den Herbstferien. Das heißt, wir machen jetzt mal zwei Wochen Pause mit unserem Podcast. Und dann hören wir uns nach den Herbstferien – wir hoffen, sie gehen gut aus – wieder an dieser Stelle. Und da wäre es natürlich jetzt extrem spannend, ob Sie das schon mal mit einem Cliffhanger versuchen wollen, was dann kommt.

Scherer: So ein Urlaub ist ja meistens gut für die seelische Gesundheit. Und die spielt nächste Woche eine Rolle. Das wissen Sie, glaube ich, als erfahrener gewiefter Wissenschaftsredakteur, dass nächste Woche ein Tag der seelischen Gesundheit stattfindet. Oder nicht gewusst?

Nößler: Haben Sie das in Ihrem Kalender stehen oder auf Taste?

Scherer: Das ist auf Taste.

Nößler: Wahnsinn.

Scherer: Und für die seelische Gesundheit ist nicht nur eine Podcast-Pause gut, nicht nur ein Urlaub gut, das kann man vielleicht auch noch mal thematisierten. Schauen wir mal.

Nößler: Und dann schließt sich der Kreis. Herr Scherer, vielen Dank an dieser Stelle für das kleine Herbst-Update und für die drei Tipps, die von mir dann wieder zur Binsenweisheit umgeflochten wurden. Ich bedanke mich jedenfalls sehr für das nette Update-Gespräch und wünsche Ihnen zwei gute Wochen und würde mich freuen, wenn wir uns wieder hören an gleicher Stelle und auf gleicher Welle.

Scherer: Danke Ihnen. Bis bald. Tschüss.

Nößler: Ahoi. Tschüss.

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