Psychisch krank im Job

Altes Eisen mit 49 Jahren

Von der Rente mit 67 sind viele Menschen, die psychisch im Job erkranken, Lichtjahre entfernt. Gewerkschaften erhöhen den Druck auf die Regierung, beim Arbeitsschutz nachzubessern.

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Das halten viele Arbeitnehmer im Kopf nicht aus: Zuletzt gingen jährlich mehr als 66.000 Arbeitnehmer vorzeitig in Rente.

Das halten viele Arbeitnehmer im Kopf nicht aus: Zuletzt gingen jährlich mehr als 66.000 Arbeitnehmer vorzeitig in Rente.

© forestpath / fotolia

BERLIN. Rente mit 67, 65 oder 63? Hunderttausende jedes Jahr halten gar nicht so lange durch - psychische Erkrankungen, etwa Depressionen, sind Hauptursachen, die Zahlen steigen.

Die Gewerkschaften sehen deshalb immer dringender die Bundesregierung gefordert, den Arbeitsschutz gegen Überlastung im Job zu erhöhen. Die Arbeitgeber kritisieren vor allem, die Betroffenen würden zu langsam und zu wenig behandelt.

Laut Deutscher Rentenversicherung Bund wechselten im vergangenen Jahr 66.441 Arbeitnehmer wegen psychischer Erkrankungen in die Erwerbsminderungsrente - 732 mehr als im Vorjahr und 19.351 mehr als 2005.

"Die besondere Dramatik liegt im Durchschnittsalter der Betroffenen", sagt Susanne Weinbrenner, bei der Rentenversicherung für Sozialmedizin zuständig.

Rentenbeginn variiert nach Krankheit

Das durchschnittliche Alter beim Beginn der Erwerbsminderungsrente wegen psychischer Leiden liegt bei rund 49 Jahren. Bei den weniger häufigen Frührenten wegen Knochen-Muskel-Problemen, Krebs oder Herz-Kreislauf-Krankheiten sind die Betroffenen zum Rentenbeginn im Schnitt dagegen 53 bis 56 Jahre alt.

"Die Ursachen sind vielfältig", sagt Ingo Nürnberger, Sozialpolitik-Experte des Deutschen Gewerkschaftsbundes. "Doch die Gestaltung der Arbeitszeit, der konkreten Arbeitsbedingungen und das Führungsverhalten in Unternehmen sind zentral." Die Industrie schraube die Anforderungen vielfach hoch.

"Oft herrschen große Arbeitsverdichtung und schnelle Taktzeiten." Das gelte auch für den Dienstleistungsbereich, wo zusätzlich Schichtarbeit und unregelmäßige Arbeitszeiten zugenommen hätten - und zwar stark, wie Nürnberger betont.

Auch die Rentenversicherung sieht Stress, den Druck, ständig zu kommunizieren, und Job-Unsicherheit als brennende Probleme bei vielen. Aber: Auch die Enttabuisierung führe dazu, dass Ärzte öfter als früher entsprechende Diagnosen stellten.

Ärzte, Betroffene und ihr Umfeld sind also etwas sensibler und offener gegenüber psychischen Störungen - aber es gibt auch viel Ignoranz gegenüber solchen Problemen. Die DAK-Gesundheit hatte Studienergebnisse vorgelegt, nach denen nicht dichte Jobroutine allein krank macht. Viele hätten vielmehr ständig das Gefühl, viel zu machen - aber ohne positive Rückmeldung und Anerkennung.

Insgesamt sank die Zahl der neu gewährten Erwerbsminderungsrenten von 201.000 im Jahr 2001 zunächst auf 160.000 Fälle 2006. Seit 2007 nehmen die Neuzugänge wieder zu, zuletzt waren es rund 180.000 Fälle.

Ein Grund: Die geburtenstarke Generation der Babyboomer wächst in die Altersgruppe zwischen 50 und 60 - für frühe Arbeitsunfähigkeit typisch. Das bringt soziale Probleme: Gut ein Drittel der Erwerbsminderungsrentner und ihrer Angehörigen gilt als armutsgefährdet.

"Das Thema Arbeitsschutz bekommt eine ganz neue Bedeutung", sagt DGB-Experte Nürnberger. Die Bundesregierung müsse schleunigst das Arbeitsschutzgesetz durch eine Anti-Stress-Verordnung präzisieren. Über entsprechend schärfere Vorgaben gab es bisher zwischen Union und SPD wenig Einvernehmen. "Die Betriebe müssen zudem stärker kontrolliert und besser beraten werden."

Schnellere Versorgung gefordert

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände sieht vor allem große Lücken bei der therapeutischen Versorgung von Überlasteten, Depressiven oder Suchtkranken.

"Durch fehlende oder zu späte Behandlung gehen uns viele Erwerbsfähige verloren, die als Fachkräfte gebraucht werden", so der BDA-Arbeitswissenschaftler Norbert Breutmann. "Oft vergehen Jahre, bis die Störungen auffällig werden."

Die grüne Abgeordnete Beate Müller-Gemmeke, Sprecherin für Arbeitnehmerechte warf der Regierung vor, sie ignoriere Veränderungen in der Arbeitswelt und die daraus entstehenden psychischen Belastungen für die Beschäftigten.

Sie bezeichnete die Anti-Stress-Verordnung als ein "Handwerkszeug für die Betriebe, um den Schutz der Beschäftigten vor immer mehr Stress am Arbeitsplatz zu garantieren." Das Thema dürfe nicht länger "in der Dauerschleife hängen", forderte die Abgeordnete.

Viele Betroffene seien auf sich allein gestellt, wenn sie Hilfe suchten, so Breutmann. "Es ist nicht hinnehmbar, dass Betroffene auf der Suche nach einer Therapie dauernd auf irgendwelche Anrufbeantworter sprechen."

Auch die Arbeitsbedingungen könnten Ursache sein - doch vor allem müsse die Versorgung verbessert, müssten Psychotherapieplätze vermehrt werden. Auch der DGB tritt für eine bessere undschnellere Versorgung Betroffener ein. Im Herbst 2013 haben DGB, Arbeitgeberverbände und Bundesarbeitsministerium in einer Erklärung ein "gemeinsames Grundverständnis mit psychischer Belastung in der Arbeitswelt" formuliert.

Doch der Konsens ist wachsweich, bei konkreten Forderungen liegt man über Kreuz. So erklärt das Ministerium schon damals, es halte die Rechtsgrundlagen im Arbeitsschutz "grundsätzlich für ausreichend". (dpa/eb)

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