Anschlag auf "Charlie Hebdo"

Auch für Ärzte eine Extremsituation

Die Franzosen versuchen die Folgen der Anschläge auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" und die ständige Bedrohung durch den Terror zu überwinden. Ärzte übernehmen dabei eine Schlüsselrolle.

Denis Durand de BousingenVon Denis Durand de Bousingen Veröffentlicht:
Zahlreiche Solidaritätsbekundungen gab es nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" auf der ganzen Welt.

Zahlreiche Solidaritätsbekundungen gab es nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" auf der ganzen Welt.

© Marechal Aurore/dpa

PARIS. Nach den blutigen Anschlägen gegen die Redakteure von "Charlie Hebdo" fragen sich auch viele Ärzte, was sie persönlich und beruflich tun können, um Terror und Hass in Frankreich zu bekämpfen.

Dr. Didier Ménard etwa führt eine Gemeinschaftspraxis in Saint Denis, einem der ärmsten Vororte von Paris, wo der Ausländeranteil besonders hoch ist.

Solche Gewalttaten seien für Ärzte eine besonders dramatische Herausforderung, sagt er, "weil die Jugendlichen, die sich dort radikalisieren, nicht selten unsere Patienten sind oder waren.

Wir sind zwar keine Erzieher, aber tragen wir nicht auch eine kleine Verantwortung für die Situation?", fragt Ménard.

Ärzte in der Pflicht

Als Vorstand eines Ärztevereins, dem auch viele andere Mediziner aus sogenannten Problemvororten angehören, sieht er die Ärzte gleich doppelt in der Pflicht.

Sie sollten sich nicht nur um die Behandlungen der Patienten zu kümmern, sondern sich für ihre gesamte Gesundheit interessieren, fordert Ménard.

"Wenn wir ganz einfach Brücken zwischen Ärzten, Lehrern, Sozialdiensten oder etwa Sporteinrichtungen bauen können, dann können wir einen kleinen Beitrag im Interesse des sozialen Dialogs leisten", erklärte er bei einem Kongress seines Vereins, der kürzlich in Straßburg stattfand.

Ärzte, meint Ménard, sollten sich heute viel stärker sozial einsetzen, um vor allem gegen die Verzweiflung und die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen in diesen Stadtvierteln aktiv zu werden. Gelinge das nicht, würden sie sonst in die Fänge der Salafisten geraten.

Seit dem Anschlag Anfang Januar sehen sich vor allem Ärzte mit der Angst vieler Franzosen konfrontiert, insbesondere in den Gebieten, die erschüttert wurden.

Mehr Psychopharmaka verkauft?

Nach Angaben eines privaten Arzneimittelbeobachtungsstelle hätten Apotheker in den ersten Tagen nach den Anschlägen bis zu 18 Prozent mehr Psychopharmaka verkauft als üblich.

Die Zahlen sind letztlich allerdings von den Arzneimittelbehörden nicht bestätigt worden.

Ob die Franzosen in der Phase nach den Anschlägen ihren Pillenkonsum also tatsächlich erhöht haben oder nicht, steht nicht fest - auch wenn viele vielleicht aus Angst vor möglichen Engpässen ihre normalen Rezepte früher als üblich eingelöst haben.

Jüngst hat aber auch die französische Apothekerkammer, die über Abgabestatistiken aller Apotheken verfügt, die Nachricht vom angeblich steigenden Konsum als übertrieben und unbeweisbar zurückgewiesen.

Ärzte und Psychologen, die in sogenannten "Psychologischen Stellen" für die psychische Betreuung von Katastrophenopfern in öffentlichen Krankenhäuser zuständig sind, berichteten von totaler Überlastung.

Angst und psychische Störungen waren vor allem bei Zeugen sowie vielen Menschen wahrzunehmen, die sich in den Gebieten der Anschläge befanden.

Auch für Ärzte und Helfer waren die Arbeitsbedingungen besonders hart, melden Vertreter der Beratungsstellen, die mehr Finanzmittel für ihre künftige Arbeit fordern.

Immerhin: Die großen Sonntagsdemonstrationen unmittelbar nach den schlimmen Verbrechen haben wie eine psychologische Therapie gewirkt, hoben Psychiater und Psychologen hervor.

Friedlich vereint hätten die Franzosen kollektiv versucht, das Trauma der Anschläge zu überwinden.

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