Kommentar zum Aiwanger-Vorstoß

Bärendienst an der Pflege

Bayerns Wirtschaftsminister hat eine Idee: Langzeitarbeitslose sollen in Pflegeheimen für Entlastung sorgen. Neu ist das nicht. Für Ärger sorgt es trotzdem. Zu Recht.

Von Thomas HommelThomas Hommel Veröffentlicht:

Die frühere Arbeitsministerin Ursula von der Leyen kam 2012 mit den „Schlecker-Frauen“ um die Ecke. Aus Nordrhein-Westfalen war einst der Vorschlag zu vernehmen, Menschen Sozialstunden auch in Pflegeheimen ableisten zu lassen, wenn sie Bußgelder nicht bezahlt können.

Auch die Idee, Prostituierte zu Altenpflegerinnen umzuschulen, machte bereits die Runde und wurde sogar in ein Projekt gegossen. Sexarbeiterinnen würden sich mit nackter Haut auskennen und hätten wenig Berührungsängste. Nun also Hubert Aiwanger. Bayerns Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister schlägt vor, Langzeitarbeitslose zu Diensten in sozialen Bereichen wie der Pflege zu verpflichten. Andernfalls solle ihnen Hartz IV gekürzt werden.

In der Landesregierung hängt ob des Vorschlags des Chefs der Freien Wähler einmal mehr der Haussegen schief. Die Schärfe der Replik von CSU-Gesundheitsminister Klaus Holetschek lässt erahnen, wie schief. Auch Pflegeverbände reagieren verärgert. Seit Jahren versuchen sie, ihren Berufsstand in der öffentlichen Wahrnehmung besser dastehen zu lassen und der Pflege den Ruf zu nehmen: Das kann doch jeder!

Lesen sie auch

Freilich: Aiwanger hat nicht gesagt, er wolle Langzeitarbeitslose demnächst bei der Körperpflege oder der Nahrungsaufnahme assistieren oder sie einen Dekubitus versorgen lassen. Er hat von Aufgaben gesprochen, für die früher Zivildienstleistende eingesetzt worden seien. Aiwanger geht es wohl eher um Entlastung der Profis von pflegefremden Tätigkeiten, was in der Tat überfällig wäre. Das geht in der Debatte unter. Wohl auch, weil Wahlkampf ist.

Einen Bärendienst erweist Aiwanger der Pflege dennoch. Irgendwie bleibt bei seinen Äußerungen hängen, in Pflegeeinrichtungen lasse sich wie in Parks oder auf Bauhöfen jeder einsetzen, so er oder sie zwei flinke Hände hat und das Herz am rechten Fleck.

Auf junge Menschen wirken solche Assoziationsketten abschreckend – doch gerade sie braucht die Pflegebranche mehr denn je. Der Herr Aiwanger wäre daher gut beraten, mit Pflegekräften ins Gespräch zu kommen, bevor er sich zum Thema Pflegenotstand äußert.

Schreiben Sie dem Autor: thomas.hommel@springer.com

Mehr zum Thema

Landtagswahl in Berlin

Die Senatorin wechselt – die Probleme bleiben

Drei komplexe Gesetze

Gröhe packte 2013 die Pflegereform an

„Pflegegipfel des Nordens“

Pflegekongress mit zehn Live-Webinaren

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Wie werden Hausärztinnen und Hausärzte im Jahr 2050 arbeiten?

© [M] Scherer: Tabea Marten | Spöhrer: privat

„EvidenzUpdate“-Podcast

Wie werden Hausärztinnen und Hausärzte im Jahr 2050 arbeiten?

Smartphone: Das Magnetfeld bestimmter Modelle kann Schrittmacher und Defibrillatoren außer Kraft setzen. Deshalb sollten bestimmte Sicherheitsabstände eingehalten werden.

© Kitja / stock.adobe.com

Magnetfeld als Störfaktor

Smartphones können Schrittmacher und Defibrillatoren lahmlegen

T-Zellen attackieren Krebszellen - Basis einer Therapieoption, die jetzt auch für Patienten mit soliden Tumoren entwickelt wird.

© Design Cells / stock.adobe.com

Neue Säule in Onkologie?

CAR-T-Zelltherapie nimmt Kurs auf neue Krebsformen