Digitalisierung

Bauchgefühl ade – Big Data ebnet Weg zu individuellen Therapien

Die Chancen, die Big Data für die Medizin bietet, werden noch zu sehr unterschätzt, warnt ein Digitalisierungsexperte. Er mahnt zu mehr Offenheit, um das Potenzial für die personalisierte Medizin ausschöpfen zu können.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Big Data lassen tief in den Menschen blicken – eine Hoffnung für personalisierte Therapien.

Big Data lassen tief in den Menschen blicken – eine Hoffnung für personalisierte Therapien.

© chombosan / Getty Images / iStock

HAMBURG. Big Data – auch für viele Ärzte ist das ein Reizwort. Immer schneller und effektiver werden, kostengünstiger arbeiten und keine Zeit mehr für menschliche Zuwendung finden – solche Konsequenzen fürchten nicht nur die Vertreter der Gesundheitsberufe.

Die Chancen der Digitalisierung insbesondere in der Medizin kommen bei solchen Betrachtungen oft zu kurz. Professor Viktor Mayer-Schönberger vom Lehrstuhl für Internet Governance an der Universität Oxford machte vor Kurzem in seiner Key Note beim ersten Strategietag Gesundheitswirtschaft der HSH Nordbank in Hamburg deutlich, warum Big Data besonders für die Medizin Fortschritte erwarten lässt.

Die Analyse großer Datenmengen wird nach seiner Annahme dazu führen, dass neue, bislang nicht in Betracht gezogene Erkenntnisse gewonnen werden – und damit Entscheidungen, die auf "Bauchgefühl" beruhen, seltener machen. Damit könnten etwa Therapien in der Medizin individueller zugeschnitten werden.

Forscher arbeiten effizienter

"Derzeit haben Ärzte nicht genügend Informationen, um passgenau therapieren zu können", sagte Mayer-Schönberger. Mithilfe von Big Data, so seine Prognose, müssten etwa Medikamente künftig nicht mehr auf den Durchschnittsmenschen abgestellt werden, sondern könnten gezielter angefertigt werden.

Ein weiterer Vorteil: Ohne Digitalisierung ist Wissenschaft auf Experimente mit begrenzten Fallzahlen angewiesen. Die schiere Masse von Daten, die schon heute analysiert werden kann, zeigt die Überlegenheit zur Vergangenheit.

Während Wissenschaftler bislang mit gezielten Fragen Versuchsreihen mit wenigen Probanden starten mussten, werden heute zunächst Daten gesammelt und analysiert. "Danach können wir Fragen beantworten, auf die wir vorher gar nicht gekommen wären", sagte Mayer-Schönberger in Hamburg.

Diese Entwicklung führt auch für Unternehmen im Gesundheitswesen zu drei Konsequenzen:

  • Daten werden opportunistisch gesammelt und nicht erst, wenn sie für bestimmte Fragestellungen benötigt werden. Die Datensammlung erfolgt vielmehr pauschal.
  • Daten werden für neue Zwecke und andere Fragen wiederverwendet und nicht nur gezielt für einzelne Analysen eingesetzt.
  • Unternehmen müssen Menschen überzeugen, dass sie ihre Datenschutzinteressen nicht verletzen und dafür auch die Verantwortung übernehmen.

Um den dritten Punkt zu erfüllen, müssen Gesundheitsunternehmen Vertrauen aufbauen, riet Mayer-Schönberger. Für ihn ist Vertrauen so etwas wie die Währung digitaler Nachhaltigkeit. Er warnte vor einem leichtfertigen Umgang: "Vertrauen ist eine interessante Währung: Es muss lange aufgebaut werden und ist schnell verspielt."

Vertrauen als digitale Währung

Insbesondere in Deutschland nimmt er fehlendes Vertrauen wahr. "Nirgends auf der Welt begegnet man so vielen Vorbehalten wie in Deutschland." Wie aber sollte man die Patienten bei der digitalen Dynamik mitnehmen?

Transparenz allein hilft nach Ansicht Mayer-Schönbergers nicht weiter – dazu sind die Fragestellungen zu komplex. "Es braucht den menschlichen Touch. Erklären Sie es den Menschen", rät der Experte. Dabei ist Mut zur Lücke gefragt: Es müsse nicht jede Information gegeben werden, besser sei ein Referenzrahmen.

Wenn ein Arzt seinem Patienten erklärt, dass er sein eigenes Kind auch nach dieser Methode operieren würde, sei dies für den Patienten manchmal hilfreicher als wissenschaftliche Aussagen.

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