Reportage

Begleiterin in den letzten Stunden

Sie mindert nicht nur Schmerzen oder Atemnot, sondern auch Ängste. Seit 2009 begleitet Palliativmedizinerin Dr. Birgit Vyhnalek ihre Patienten bis zum letzten Atemzug.

Von Johanna Dielmann-von Berg Veröffentlicht:
Palliativmedizinerin Vyhnalek: "Vertrauen in uns entsteht, wenn wir Patienten mit all ihren Ängsten wahrnehmen. So können sie sicher und friedlich da sterben, wo sie wollen."

Palliativmedizinerin Vyhnalek: "Vertrauen in uns entsteht, wenn wir Patienten mit all ihren Ängsten wahrnehmen. So können sie sicher und friedlich da sterben, wo sie wollen."

© privat

MÜNCHEN. Walter* atmet, noch. Flach und leise. Selbst wenn es im Schlafzimmer still wäre, könnte Emma* es nicht hören.

Auch die grüne Federbettdecke über seiner Brust hebt sich nicht. Zärtlich streichelt seine Frau über Walters weiß-graue Haare. "Bald hast du es geschafft, Schatzi."

Vor dem Tod kommt der letzte Atemzug. Manche Menschen hecheln kurze, harte Luftstöße im Stakkato. Andere sammeln noch einmal alle Kraft, saugen die Luft langsam ein - als wollten sie sich mit einem lauten Seufzer verabschieden.

Oft gleicht das Atmen einer Rassel. Immer wieder setzt es aus. Bis Schnaufen, Rasseln und Hecheln für immer verstummen.

Sachlich erklärt die Ärztin, wie das Leben enden kann

Auch Walters Atem hat schon einmal gerasselt. "Gestern Nacht", sagt Emma zur Ärztin, ihre Stimme bebt.

"Keine Sorge, Ihr Mann leidet nicht darunter. Er spürt keine Atemnot, auch wenn es sich furchtbar anhört", beruhigt Dr. Birgit Vyhnalek sie und drückt die zitternde Hand der 69-Jährigen neben ihr auf dem Sessel.

Das Geräusch entstehe, weil sich Schleimfäden in den nicht mehr gut belüfteten Teilen des Rachens bilden. Ruhig und sachlich erklärt ihr die Ärztin, wie das Leben enden kann.

So bereitet sie Emma auf den traurigen Moment vor. Auch der Ärztin kullert bei Gesprächen wie diesem mal eine Träne die Wange herunter.

Seit über zwei Jahren begleitet die 49-Jährige mit ihrem Palliative Care Team aus zwei Ärzten, drei Pflegekräften und einer Sozialarbeiterin schwerkranke Menschen beim Sterben.

In ihrer palliativmedizinischen Ausbildung haben sie gelernt, komplexe Symptome wie Schmerzen oder Atemnot zu lindern. Auch für kniffligere Behandlungen wie eine Punktion, um Wasser aus dem Bauch oder aus der Lunge abzulassen, können die Patienten zu Hause bleiben - ein Hausarzt müsste sie dafür in die Klinik schicken.

So können Patienten dort sterben, wo sie es sich wünschen. Also zu Hause, in einem Hospiz oder einem Pflegeheim.

Für Walter hat das Palliativteam deswegen ein Pflegebett organisiert. Es steht im Schlafzimmer des Ehepaars, Emmas Bett direkt daneben. Dort liegt der 81-Jährige nun, seit vier Wochen.

Der Krebs hat seinen Körper gezeichnet. Arme und Beine sind abgemagert. Wo spitze Knochen die Haut spannen, haben sich offene Wunden gebildet. Jeden zweiten Tag säubert eine Pflegerin die Druckgeschwüre.

Hausärzte haben im Schnitt etwa eine halbe Stunde Zeit

An diesem Morgen ist es Schwester Gabie. Sie spült die Wunde an der rechten Wade, tupft vorsichtig den Eiter ab.

Walter wimmert. "Wenn Sie merken, dass er dabei Schmerzen hat, sollten sie vorher diesen Knopf an der Pumpe drücken", sagt die Ärztin zu Emma und deutet auf eine gelbe Taste. "Piep".

Durch den Schlauch zu seinem Arm fließt eine Extraportion Schmerzmittel in Walters Körper. Zu viel kann Emma ihm nicht geben, sagt die Ärztin, das hat sie eingestellt.

In Jeans, weißem T-Shirt und grauer Sweatjacke steht sie neben dem Bett. Sie sieht eher wie die Schwiegertochter, nicht wie die Ärztin aus. Mit dem weißen Kittel hat sie auch die Notfallmedizin an den Nagel gehängt.

Sie wollte nicht mehr im Akkord behandeln, sondern Zeit für ihre Patienten haben. Um Walter und Emma wird sie sich über eine Stunde kümmern. Aus Erfahrung weiß sie, Hausärzte haben dafür im Schnitt 15 bis 30 Minuten.

"Gehen Sie überhaupt noch aus dem Haus?", fragt die Ärztin Emma im Wohnzimmer. "Nein, nur alle paar Tage zum Einkaufen, etwa eine halbe Stunde", antwortet die 69-Jährige, "wenn er etwas tiefer schläft."

Ihre Stimme stockt. "Ich habe Angst, dass er geht, wenn ich nicht da bin." Ihre Augen füllen sich mit Tränen, die Ärztin streichelt ihren Oberarm.

"Manche wählen extra einen Zeitpunkt, an dem sie allein sind, zum Sterben", sagt die Ärztin, "dann fällt es ihnen leichter zu gehen."

Die meisten Patienten sterben nach vier Wochen

Etwa jeden zweiten Tag stirbt ein Patient des Teams. Die meisten begleiten sie vier Wochen.

"Es kann ja zu jeder Zeit passieren. Wen kann ich dann anrufen?", möchte Emma wissen. "Rufen Sie uns an, einer von uns hat immer Dienst", antwortet die Ärztin.

Nicht alle schwerkranken Patienten in München können rund um die Uhr so betreut werden - müssen sie auch nicht. SAPV-Teams kümmern sich nur um die schweren Fälle, etwa zehn Prozent der Sterbenden.

Trotzdem muss das Team ein Drittel der Anfragen ablehnen. Sie können nur bis zu 50 Patienten im gleichen Zeitraum begleiten.

Ein dumpfes Stöhnen tönt aus dem Schlafzimmer. Emma springt auf, eilt zu ihrem Mann. Mit einem Lächeln auf den Lippen kehrt sie zurück ins Wohnzimmer. Walter möchte etwas trinken. Das erste Mal seit zwei Tagen. Einen Kaffee.

Behutsam kippt Emma die Schnabeltasse, sodass Walter langsam schlucken kann. Streicht ihm dabei immer wieder über den Kopf. Seine Augen fixieren sie, wandern nicht mehr ziellos an der hellgelben Zimmerdecke entlang.

Birgit Vyhnalek tritt rechts an sein Bett, beugt sich zu ihm. Fast kitzeln ihn ihre schulterlangen Haare an der Nasenspitze. "Ich habe Ihrer Frau etwas mitgebracht", sagt sie.

Eine Sprühflasche, so groß wie ein Zeigefinger. Diese soll Emma mit Walters Lieblingsgetränken füllen. "Wenn die Schleimhäute feucht sind, haben Sie keinen Durst", sagt die Ärztin und spritzt ihm etwas Wasser in den leicht geöffneten Mund.

Walter wendet den Kopf, schaut ihr ins Gesicht. Er krächzt: "Sie sind ein nettes Mädchen."

*Namen geändert

Lesen Sie dazu auch: SAPV: Ein deutscher Flickenteppich Kommentar: Patienten können nicht warten

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