DAK-Gesundheitsreport

Beschäftigte im Norden greifen zu oft zur Flasche

Die Zahlen zu Alkoholabhängigen aus dem DAK-Gesundheitsreport für Schleswig-Holstein lassen Suchtexperten nach Konsequenzen rufen.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Ein Bierchen schadet nicht? Lediglich ein Fünftel der beschäftigten Schleswig-Holsteiner trinkt überhaupt keinen Alkohol, so der DAK-Gesundheitsreport.

Ein Bierchen schadet nicht? Lediglich ein Fünftel der beschäftigten Schleswig-Holsteiner trinkt überhaupt keinen Alkohol, so der DAK-Gesundheitsreport.

© Syda Productions / stock.adobe.com

KIEL. Alkohol spielt unter den Suchterkrankungen im Norden noch immer eine zentrale Rolle: 126.000 beschäftigte Menschen in Schleswig-Holstein trinken so viel, dass ihr Konsum als riskant eingestuft wird. Jetzt wird der Ruf nach Konsequenzen laut: Die Forderungen reichen von mehr Aufklärung bis zur eingeschränkten Verfügbarkeit.

Suchtexperte Dr. Jakob Koch vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) forderte auf einer Pressekonferenz der DAK Schleswig-Holstein kürzlich einschneidende Maßnahmen: Höhere Preise, ein Werbeverbot wie bei Zigaretten, eingeschränkte Zeiten für den Verkauf – und ab bestimmten Promillewerten nur noch in dafür lizenzierten Verkaufsstellen.

Grund für seine weitreichende Forderung: „Alkohol ist in Deutschland viel zu billig, wird zu viel beworben, ist gut verfügbar und überall konsumierbar.“ Koch verwies auf Skandinavien, wo Alkohol deutlich teurer und eingeschränkter erhältlich ist. Der Kieler Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie hält auch die bisherige Präventionsarbeit gegen Alkohol für ausbaufähig. Vorbild könnten die Maßnahmen gegen das Rauchen sein: „Rauchen ist denormalisiert worden.“

Über Gefahren aufklären

Auch Schleswig-Holsteins DAK-Chef Cord-Eric Lubinski spricht sich für mehr Aufklärung aus. „Entscheidend ist die gesellschaftliche Akzeptanz und das, was die Eltern vorleben. Wir dürfen nicht nachlassen, immer wieder über die Gefahren von Alkohol und die Folgen des Konsums aufzuklären.“ Lubinski sieht auch die Schulen gefordert, das Thema noch stärker aufzugreifen.

Der aktuelle DAK Gesundheitsreport zeigt, dass nur ein Fünftel der beschäftigten Schleswig-Holsteiner grundsätzlich keinen Alkohol konsumiert. Jeder zehnte trinkt so viel, dass sein Konsum als riskant für die Entwicklung einer Sucht gilt. Besonders stark ausgeprägt ist dieser zu hohe Konsum in der Altersgruppe der unter 30-Jährigen.

Koch geht außerdem davon aus, dass Alkohol häufig im Spiel ist, wenn Beschäftigte aus anderen Erkrankungsgründen arbeitsunfähig geschrieben werden, etwa aus psychischen Gründen. Der Report zeigt, dass Erwerbstätige mit einer Substanzstörung doppelt so viele Fehltage haben wie Beschäftigte ohne Substanzstörung. Bei den Fehltagen wegen Substanzstörungen spielt Alkohol die mit Abstand größte Rolle.

Aber auch andere Süchte beobachten die Experten mit Besorgnis. Am Computer spielen acht Prozent der Beschäftigten so intensiv, dass von einer riskanten Nutzung gesprochen wird. Dies betrifft 12.000 Menschen in Schleswig-Holstein. Auf die Gesamtbevölkerung bezogen könnte dieser Anteil noch größer sein. Denn: „Junge Gamer finden nur schwer den Einstieg in die Arbeitswelt. Sie haben dafür einfach keine Zeit“, sagte Susanne Hildebrandt vom Berliner IGES-Institut.

Sie machte deutlich, dass sich die Sucht nach Computerspielen für die Beschäftigten auch bei der Arbeit auswirkt. 47 Prozent der betroffenen Süchtigen spielen auch während der Arbeitszeit, ein Viertel der „riskanten Nutzer“ ebenfalls. Von den „normalen Nutzern“ spielen elf Prozent mitunter während der Arbeit.

Weit weniger Junge rauchen

Zigarettenabhängig sind trotz aller Maßnahmen in Schleswig-Holstein noch immer rund 270.000 Beschäftigte. Aber: Der Nichtraucher-Anteil beträgt inzwischen 76 Prozent. Besonders hoch ist der Anteil der aktuellen Nichtraucher in der Altersgruppe der unter 30-Jährigen: Hier haben 64 Prozent noch nie und 20 Prozent nur früher geraucht. Aktuell rauchen in dieser Altersgruppe nur noch rund 16 Prozent. Über alle Altersgruppen hinweg beträgt dieser Anteil 24 Prozent.

Sorge bereitet der DAK allerdings die E-Zigarette mit ihren zum Teil unterschätzten Gefahren. Um deren weitere Verbreitung zu verhindern, ist Abstinenz der erfolgversprechendste Weg, wie es im Report heißt: „Wer nie geraucht hat, dampft nicht.“

Der Alkoholkonsum in Zahlen

  • 79 Prozent der Beschäftigten in Schleswig-Holstein trinken Alkohol.
  • 10 Prozent der Beschäftigten haben einen riskanten Alkoholkonsum.
  • 19,3 Prozent der Beschäftigten zwischen 18 und 29 Jahren haben einen riskanten Alkoholkonsum oder sind abhängig.
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