Korrespondent Arndt Striegler bloggt

Brexatom – das Schreckenswort für Krebspatienten im NHS

Blind für die Folgen ihres Tuns taumelt die britische Regierung dem Brexit entgegen. Neues Beispiel: Die Versorgung der Insel mit radioaktiven Materialien etwa für medizinische Diagnostik und Therapie. Unser Londoner Korrespondent Arndt Striegler erklärt, wie EURATOM und Brexit zusammenhängen.

Von Arndt Striegler Veröffentlicht: 14.07.2017, 05:20 Uhr
Brexatom – das Schreckenswort für Krebspatienten im NHS

© Ärzte Zeitung

LONDON. Schlafwandlerisch in Richtung Super-GAU. Oder, um Shakespeare und Hamlet zu zitieren: "Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode!" Großbritannien bereitet sich auf den Brexit vor und es vergeht kaum ein Tag im (noch) Vereinigten Königreich, an dem nicht mindestens eine neue Hiobs-Botschaft entweder aus Brüssel oder aus London zu hören ist, was sich durch den Brexit im Gesundheitswesen alles ändern könnte und ändern wird.

Jüngstes Beispiel ist die Ankündigung der britischen Premierministerin, nach dem Goodbye von der EU im März 2019 auch aus der Europäischen Atomgemeinschaft (EURATOM) auszusteigen. Die 1957 durch die Römischen Verträge von Frankreich. Italien, den Beneluxstaaten und Deutschland gegründete Aufsichtsbehörde ist zwar neben der EU eine eigenständige internationale Organisation, teilt mit der Staatenunion doch sämtliche Organe.

Was wiederum Mrs. May partout nicht gefällt, da der Europäische Gerichtshof unter anderem ein strenges Auge auf die Aktivitäten von EURATOM wirft. Und nach dem Brexit, so stellte die britische Regierungschefin kürzlich klar, werden die Euro-Richter auf der Insel nix mehr zu melden haben. Was wiederum eine Fülle von neuen Problemen für britische Ärzte, Patienten, Pharma-Industrie und andere mit sich bringt.

Nehmen wir den staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) als Beispiel. Im NHS werden jährlich große Mengen von radioaktiven Materialien gebraucht. Sowohl in der Diagnostik, als auch in der Therapie. Die meisten dieser nuklearen Gebrauchsgüter importiert Großbritannien. Wobei EURATOM aufpasst, das dabei alles richtig gemacht wird. Sollte Mrs. May ihre Ankündigung wahr machen und sich im März 2019 aus dem EURATOM-Regelwerk zurückziehen, dürften nicht nur in der britischen Onkologie Fachärzte und Patienten das Nachsehen haben. Oder, um die Präsidentin des altehrwürdigen Royal College of Radiologists (RCR), Dr. Nicola Strickland, zu zitieren: "Brexatom wird die Therapie tausender NHS-Patienten gefährden!"

Deutlicher kann man das nicht sagen. Und während zumindest einige der eher EU-freundlichen britischen Medien diese Warnung offensichtlich für so wichtig halten, dass die Story auf der Titelseite landet, steckt man in der Downing Street offenbar den Kopf in den Sand. Bislang jedenfalls bleibt May bei ihrer Brexit-Strategie – egal, wie folgenschwer dies für Krebspatienten, um beim Beispiel EURATOM zu bleiben, auch sein mag.

Was mich gleich zu einem anderen, wichtigen Punkt bringt: Der augenscheinlich grenzenlosen Realitätsferne der Londoner Regierungsmannschaft, wenn es um Europa und Brexit geht. "Keep calm and carry on" ist das Motto der Briten. Jüngstes Beispiel: Vor wenigen Tagen verlautete aus Brüssel, dass es garantiert keine Verlängerung der Brexit-Verhandlungsfrist über März 2019 hinaus geben werde. Es bleiben also weniger als 18 Monate – wenn man die Zeit abrechnet, die es braucht, das Ausgehandeltes zu ratifizieren – um mehr als 20.000 Gesetze und Bestimmungen neu zu verhandeln und von den jeweiligen Parlamenten zu verabschieden. Was laut Londoner Regierungsbeamten zeitlich unmöglich sein wird.

Doch anstatt diese Warnung aus Brüssel ernst zu nehmen und sich zu sputen, streitet man in der Londoner Regierung lieber über relativ Belangloses wie neue Straßen für Nord-Irland. Da passt es gut ins Bild, wenn selbst als seriös geltende Medien wie die Londoner "Times" oder die BBC über die Warnung, dass es keine verlängerte Verhandlungsfrist geben werde, gar nicht erst berichten.

Als britischer Leser muss man stattdessen entweder Schwedisch können, um in der Tageszeitung "Dagens Nyheter" darüber zu lesen. Oder zufällig gerade im US-amerikanischen Bundesstaat Colorado weilen. Denn dort meldete die Lokalpresse "Colorado Spring Gazette", dass Brüssel offenbar ungeduldig wird. Es sind schon merkwürdige Zeiten hier auf der Insel.

Der Brexit-Blog der "Ärzte Zeitung"

» Seit mehr als zwei Jahrzehnten berichtet Arndt Striegler für die „Ärzte Zeitung“ aus Großbritannien. Den Umbruch durch den Brexit spürt er am eigenen Leib – etwa als Patient im Gesundheitsdienst NHS.

» Die Versuchsanordnung ist einmalig: Ein von der Globalisierung geprägtes Gesundheitswesen soll renationalisiert werden. Das durchkreuzt Lebenspläne von Ärzten und Pflegekräften aus dem Ausland.

» Im Wochenrhythmus schildert Blogger Arndt Striegler, der seit 31 Jahren auf der Insel lebt, von nun an die politischen und kulturellen Folgen des Brexit.

Lesen Sie dazu auch: "Es wird nichts sein wie früher!"

 

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