Ärzte im Ehrenamt

Bürokratie steht der Hilfe im Weg

Viele Ärzte versorgen in ihrer Freizeit Menschen ohne Krankenversicherungsschutz. Dabei werden ihnen allerdings oft viele Steine in den Weg gelegt.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Viele Ärzte helfen Patienten in großer Not, die keinen ausreichenden Krankenversicherungsschutz haben.

Viele Ärzte helfen Patienten in großer Not, die keinen ausreichenden Krankenversicherungsschutz haben.

© Daniel Laflor / istockphoto.com

HAMBURG. Sie bezeichnen sich selbst als eine Mischung aus barmherziger Samariter, Bettelmönch und Don Quichotte. Die Ärzte in den Praxen ohne Grenzen (PoG) arbeiten ehrenamtlich und helfen jedem ohne Ansehen der Person.

Sie werben an vielen Stellen für ihr Anliegen und sind auf Spenden angewiesen. Und sie haben oft genug das Gefühl, gegen Windmühlen anzukämpfen - werden dies aber immer weiter tun.

Die vor nicht einmal sechs Jahren geborene Idee des Bad Segeberger Allgemeinmediziners Dr. Uwe Denker greift immer weiter um sich. In Schleswig-Holstein gibt es außer in Bad Segeberg auch an sieben anderen Standorten in Pinneberg, Stockelsdorf, Neustadt, Rendsburg, Preetz, Husum und Flensburg Praxen ohne Grenzen.

In Hamburg hat sich die erst kürzlich mit dem CharityAward des Springer Medizin Verlages ausgezeichnete Praxis ohne Grenzen ebenfalls etabliert. Vergleichbare Einrichtungen existieren laut Denker außerdem in Solingen und Mainz, demnächst auch in Remscheid und Karlsruhe.

Patienten oft unverschuldet in Not

Das heißt zwar, dass es an immer mehr Standorten Hilfe für nicht krankenversicherte Menschen in Deutschland gibt, die Probleme sind damit aber nicht behoben. Im Gegenteil: Je länger die Praxen ohne Grenzen aktive Unterstützung leisten, desto selbstverständlicher werden sie - und die Politik muss nicht nach alternativen Lösungen suchen.

Die aber sind dringend erforderlich: Insgesamt soll es nach Angaben der Praxen ohne Grenzen rund 800.000 Menschen in Deutschland geben, die ohne ausreichenden Krankenversicherungsschutz sind, obwohl sie oft viele Jahre gearbeitet haben. Andere Quellen sprechen von 80.000 bis 130.000.

In aller Regel handelt es sich dabei um Leute aus der Mittelschicht: Ingenieure, Handwerker, Künstler, Heilpraktiker, Schausteller und andere Berufe. Oft verbergen sich dahinter dramatische Schicksale.

Die meist unverschuldet in finanzielle Krisen geratenen Patienten suchen keine Arztpraxen auf und verschlimmern damit ihre Erkrankungen. Ihnen wird in den PoG unbürokratisch geholfen.

Allerdings stehen die Praxen vor dem Problem, dass auch extrem teure Behandlungen anfallen. Die Standorte sind finanziell unterschiedlich aufgestellt und verfügen nicht alle über eine gute Klinikanbindung, über die solche Untersuchungen abgedeckt werden können.

Die Flensburger PoG hat dafür die Regelung getroffen, dass für einen Patienten maximal die Hälfte der gerade zur Verfügung stehenden Spendensumme ausgegeben werden darf.

Am Rande der Zahlungsunfähigkeit

Was aber, wenn ein Patient eine Lebertransplantation benötigt? Die Kosten beziffert Denker auf rund 250.000 Euro. Auf einem Treffen der PoG-Ärzte in Rendsburg zeigten sich die Vertreter darin einig, dass im Extremfall eine Praxis ohne Grenzen auch bis zur Zahlungsunfähigkeit gehen sollte, um einem erkrankten Menschen zu helfen.

Ziel ist es, damit die Politik immer wieder auf das Problem des fehlenden Versicherungsschutzes aufmerksam zu machen. "Wir fordern eine politische Lösung ein. Unser Ziel ist es, dass wir überflüssig werden. Wir dürfen nicht selbstverständlich werden", warnt Denker.

Die Ärzte in den PoG arbeiten unter unterschiedlichen Bedingungen. Die Hamburger verfügen über eine komplette Etage, die ihr kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. Dort gibt es mehrere fachärztliche Behandlungen und eine Sozialberatung. Insgesamt 40 Ärzte sind dort engagiert.

In der Metropole kommen viele behandlungsbedürftige Ausländer in die Praxis ohne Grenzen, während es in der Provinz eher deutsche Mittelständler sind. Auch der Andrang ist unterschiedlich. An einigen Standorten ist nur alle 14 Tage eine Sprechstunde erforderlich, die von ein bis drei Patienten angenommen wird.

In der ältesten PoG in Bad Segeberg spürt man dagegen den steigenden Bekanntheitsgrad an einem höheren Patientenaufkommen. Auch viele Menschen aus anderen Bundesländern und auch Ausländer kommen dorthin. "Wir sind angekommen, dafür braucht man vier bis fünf Jahre", sagt Denker.

Neben der Finanzierung ihrer Arbeit müssen sich die Praxen ohne Grenzen auch mit Problemen beschäftigen, denen sich jede Arztpraxis stellen muss. Hygienebestimmungen, Gerätebetreiberverordnung, Haftpflichtversicherungen: hier wünschen sie die Ehrenamtler Unterstützung und Entgegenkommen.

Eine Forderung, die die Ärzte bei ihrem Treffen zu Recht erhoben. Zwar sollten alle Praxen diese Bestimmungen einhalten. Aber Ärzte, die in ihrer Freizeit in Not geratene Menschen unentgeltlich behandeln, sollten nicht durch bürokratische Hemmnisse frustriert werden.

 Schwer lösbar ist für die engagierten Ärzte auch die Frage der Medikamentenabgabe. Zwar gibt es jede Menge Spenden, aber die strengen deutschen Vorgaben wie etwa die Apothekenpflichterschweren ihnen die Abgabe an die Patienten aus den PoG heraus.

Großer Beitrag für die Gesellschaft

Viele Probleme wären schon gelöst, wenn es in Deutschland eine Gesundheitskarte für jedermann geben würde. Insbesondere Minderjährige sollten nach Ansicht der Ärzte in den Praxen ohne Grenzen unabhängig vom Versichertenstatus ihrer Eltern immer Anspruch auf ärztliche Behandlung haben.

Eine entsprechende Resolution verabschiedeten die PoG-Vertreter in Rendsburg.Auch die hohe Mehrwertsteuer auf Medikamente in Deutschland (19 Prozent) sollte nach Ansicht der PoG-Ärzte auf sieben Prozent gesenkt werden.

Solche Forderungen wollen die Ärzte aus den PoG künftig stärker in die Öffentlichkeit tragen. "Wir müssen deutlicher werden", sagt Professor Peter Ostendorf, Gründer der Hamburger Praxis ohne Grenzen.

Er verweist auf den hohen Beitrag, den die PoG für die Gesellschaft leisten und leitet daraus auch den Anspruch ab, dass dies von öffentlichen Stellen honoriert werden sollte.

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