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Vertragsärzte wollen wieder mehr Regelversorgung wagen

Die KBV-Vertreterversammlung arbeitet die Krise auf. An der vertragsärztlichen Versorgung zu sparen sei ein hoch riskantes Spiel, hieß es am Freitag.

Anno FrickeVon Anno Fricke Veröffentlicht:
Die Rückkehr zur Regelversorgung in den Praxen ist das Gebot der Stunde, sagte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen am Freitag vor den KBV-Vertretern.

Die Rückkehr zur Regelversorgung in den Praxen ist das Gebot der Stunde, sagte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen am Freitag vor den KBV-Vertretern.

© Dominik Reipka

Berlin. Mehrere Monate wurde das KV-System per Telefon und Videokonferenzen durch die Coronakrise gesteuert. Am Freitagvormittag trafen sich die Delegierten zur ersten Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung seit Anfang Dezember wieder zu einer Präsenzsitzung in Berlin.

Enttäuscht zeigten sich Vorstände und Vertreter, dass die niedergelassenen Ärzte im Konjunkturpaket der Koalition keine Erwähnung gefunden haben.

Gassen: Geiz zahlt sich nicht aus

Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV, warnte die Politik vor einer Geiz-ist-geil-Mentalität im Gesundheitswesen. An der ambulanten Versorgung zu sparen, sei ein „Hochrisikospiel“. An dieser Stelle zu sparen, komme die Gesellschaft letztendlich teurer, als die ambulante Versorgung vernünftig auszufinanzieren, sagte Gassen.

In einer Pandemie könne man nur auf Sicht fahren. „Aber wenn die Sicht besser ist, kann man auch wieder ein bisschen Gas geben. Der Rückstau wird sonst immer größer“, sagte Gassen. Die Rückkehr zur Regelversorgung in den Praxen sei das Gebot der Stunde. Es sei sinnfrei, einen Impfstoff als zwingende Voraussetzung für die volle Aufnahme der Regelversorgung zu definieren.

Die drastischen Rückgänge der Patientenzahlen in manchen Facharztgruppen seien alarmierend. Die Patienten seien ja unvermindert krank. „Ein verschleppter Herzinfarkt oder ein zu spät entdeckter Tumor sind in der Regel sicher folgenreicher als eine Corona-Infektion“, sagte der KBV-Chef.

Kassen profitieren

Trotz Corona profitierten die Krankenkassen an dieser Krise finanziell, sagte Gassen. Der nur zu 90 Prozent aufgespannte Schutzschirm über den Praxen beschere den Kassen eine Ersparnis von vier Milliarden Euro im Jahr, dazu kämen Bundeszuschüsse von 3,5 Milliarden Euro und die Mehrwertsteuersenkung mit dem Konjunkturpaket führe zu Minderausgaben bei den Arzneimittelkosten von 660 Millionen Euro. Jetzt müssten die Praxen wieder voller werden, und die Kassen müssten das bezahlen.

Dass Deutschland vergleichsweise glimpflich davongekommen sei, sei den gut ausgebauten ambulanten Strukturen zu verdanken. In Deutschland seien sechs von sieben Corona-Patienten ambulant behandelt worden, im vom Coronavirus schwer getroffenen Großbritannien dagegen seien zwei von drei Patienten stationär behandelt worden.

Mit zweierlei Maß gemessen

Das KV-System sei immer handlungs- und sprechfähig gewesen, sagte KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister. Jetzt müsse man darüber nachdenken, was von der Corona-Zeit bleiben solle. Dazu gehöre sicher auch der Anruf in der Praxis, bevor man mit einer infektiösen Krankheit direkt dorthin gehe.

Dass die Vertragsärzte im Konjunkturpaket nicht erwähnt würden, zeige, dass mit zweierlei Maß gemessen werde, sagte Hofmeister. Kaum scheine die Krise bewältigt, würden die niedergelassenen Ärzte wieder in die Rolle der „Sparschweine der gesetzlichen Krankenversicherung“ gedrängt. Das zeigten die Vorgänge im Bewertungsausschuss in dieser Woche. Dabei wurden mit den Stimmen der unparteiischen Mitglieder die Honorare für Tests um 33 Prozent abgesenkt.

Störfall „gematik“

Die Vertragsärzte dürften wegen des Störfalls bei den Konnektoren keine Nachteile erfahren, sagte KBV-Vorstand Dr. Thomas Kriedel. Die gematik habe zu spät, nicht ausreichend und nicht verständlich reagiert. Es habe aber zu keiner Zeit ein Sicherheitsproblem bestanden, betonte Kriedel.

Die KBV habe sich in einem Schreiben an das Gesundheitsministerium gewandt, das 51 Prozent an der gematik hält, und um Hilfe gebeten. Es gebe noch keine Antwort darauf, wer für die Kosten aufkommen solle. Ärzte beauftragten deshalb Dienstleister nicht, IT-Firmen nähmen umgekehrt Aufträge nicht an, solange nicht klar sei, wohin sie die Rechnung schicken sollten.

In der Gesellschafterversammlung der gematik am vergangenen Mittwoch habe die KBV gefordert, die Praxen von jeglicher Kostendiskussion mit Dienstleistern aufgrund der Störung freizustellen. Auch die Rechnungen für die Behebung der Störung sollten nicht an die Praxen gehen. Dem habe die Versammlung mehrheitlich nicht entsprochen.

Der Beschluss laute nun wie folgt: Der Dienstleister vor Ort solle das Problem in der jeweiligen Praxis auf eigene Kosten beheben. Nur wenn der dafür nötige Aufwand über das Normalmaß hinausgehe, könnte eine Kostenerstattung über die gematik erfolgen, berichtete Kriedel.

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