Infektionszahlen explodieren

Corona-Pandemie hat Spanien wieder im Griff

Zu früh gefreut: In Spanien explodieren die Corona-Infektionen trotz hoher Impfquote. Das Gesundheitssystem kommt wieder an seine Grenzen. Die Spanier wähnten sich in falscher Sicherheit.

Von Manuel Meyer Veröffentlicht:
Madrid am 5. Januar: Tausende Menschen verfolgten die Parade anlässlich der „Cabalgata Los Reyes Magos“ (Kavalkade der Heiligen Drei Könige). Ähnliche Umzüge mit vielen Zuschauern fanden auch in anderen spanischen Städten statt.

Madrid am 5. Januar: Tausende Menschen verfolgten die Parade anlässlich der „Cabalgata Los Reyes Magos“ (Kavalkade der Heiligen Drei Könige). Ähnliche Umzüge mit vielen Zuschauern fanden auch in anderen spanischen Städten statt.

© Alberto Ortega / dpa

Madrid. Noch bis vor zwei Monaten schaute man im Kampf gegen die Corona-Pandemie anerkennend nach Spanien. Die Iberer verzeichneten dank einer Impfquote von über 80 Prozent eine der niedrigsten Infektionsraten in Europa. Gerade einmal 30 Fälle pro 100.000 Einwohner zählte Spanien Anfang November. Doch nun sieht alles wieder ganz anders aus. Derzeit liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei fast 1500 Neuinfektionen. Wie konnte das passieren?

„Ganz einfach: Wir haben uns auf unserem Impferfolg ausgeruht und selbst mit dem Aufkommen der Omikron-Welle keine weiterreichenden Schutzmaßnahmen ergriffen“, erklärt der spanische Epidemiologe Manuel Franco. Das habe sich vor allem während der Weihnachts- und Neujahrsfeiertage gerächt, so der Gastprofessor der US-amerikanischen Johns Hopkins Universität.

Menschenmassen dicht an dicht

Vor und nach den Feiertagen waren Spaniens Einkaufsstraßen so voll wie selten. Die meisten Menschen trugen Masken. Aber das war es auch schon an Einschränkungen.

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Das Madrider Nachtleben pulsiert wie eh und je. Fußballspiele finden vor fast ausverkauften Rängen statt. Selbst bei den traditionellen Dreikönigsumzügen, die im vergangenen Jahr noch wegen Corona ausfielen, drängten sich vergangene Wochen Menschenmassen in allen spanischen Städten dicht an dicht.

Tatsächlich verhielten sich die Spanier bisher, als seien sie aufgrund ihrer hohen Impfquote praktisch immun gegen COVID. Während nur in wenigen Regionen wie Katalonien erneut 3G-Regeln eingeführt wurden, gibt es in den meisten anderen Regionen nur zögerlich oder kaum COVID-Restriktionen.

Vor allem in der Hauptstadtregion Madrid mit rund fünf Millionen Einwohnern sind 2G-Regeln für Restaurants, Kneipen oder gar im Einzelhandel Fehlanzeige.

Methode „Augen zu und durch“

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez scheint nicht die Notbremse ziehen zu wollen und geht nach dem Motto „Augen zu und durch“ vor. „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“, erklärte Sánchez noch am Montag. Aufgrund der rasanten Ausbreitung der Omikron-Variante will Spanien nun sogar seine Teststrategie anpassen.

Selbst in den Schulen, wo seit Montag wieder der Präsenzunterricht läuft, verzichtet man auf regelmäßige Tests. Und erst wenn in einer Klasse mehr als fünf Schüler infiziert sind, muss auch der Rest der Klasse in Quarantäne. Die Nachverfolgung von Infektionsketten wurde praktisch schon aufgegeben. Sogar enge Kontaktpersonen werden nicht mehr getestet, wenn sie keine Symptome zeigen.

Demnächst möchte Madrid auch das sogenannte Sentinel-Netzwerk anwenden, das in Spanien bereits seit Jahrzehnten erfolgreich bei der Überwachung der Influenza eingesetzt wird. Bei diesem System melden nur noch ausgewählte Gesundheitszentren und Kliniken ihre Daten, die dann fürs ganze Land hochgerechnet werden. Das System, das auf Stichproben beruht, soll das überforderte Gesundheitswesen und die Labore entlasten.

Trend in Kliniken ist besorgniserrengend

Trotz der hohen Ansteckungszahl ist die Lage an den Krankenhäusern aufgrund der hohen Impfquote von rund 90 Prozent bei allen Spaniern über zwölf Jahren entspannter als noch vor einem Jahr.

Doch die neusten Zahlen zeigen einen besorgniserregenden Trend. In rund der Hälfte der 50 spanischen Provinzen sind die Intensivstationen bereits erneut mit über 25 Prozent COVID-Patienten belegt. Zum Vergleich: In Deutschland waren am Mittwoch im Bundesdurchschnitt 14 Prozent der Intensivbetten von dieser Patientengruppe belegt.

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