SARS-CoV-2

Corona sorgt für Verdrängungseffekte in der Regelversorgung

Dass sich die medizinischen Kapazitäten verstärkt auf Corona-Patienten ausrichten, schürt die Sorge, dass Patienten mit anderen Leiden schlechter versorgt werden könnten. Darauf weisen Fachgesellschaften, Politiker und die Regierung hin.

Von Anno Fricke Veröffentlicht: 03.04.2020, 14:58 Uhr
Therapeuten klagen darüber, dass bei ihnen rund 80 Prozent aller Termine entfallen. Viele Patienten sagten Behandlungen aus Furcht vor Ansteckung ab.

Therapeuten klagen darüber, dass bei ihnen rund 80 Prozent aller Termine entfallen. Viele Patienten sagten Behandlungen aus Furcht vor Ansteckung ab.

© Dan Race / Stock.Adobe.com

Berlin. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin warnt vor „stillen Opfern“ der Coronakrise . Gemeint sind Menschen, die trotz ernsthafter Beschwerden nicht zum Arzt gehen.

Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung berichtet unter Bezugnahme auf die Berliner Charité von einem „deutlichen Rückgang“ der Schlaganfall- und Herzinfarktpatienten. Die Spitzenorganisationen der Krebsversorgung haben eine Task Force gebildet, die die onkologische Versorgung im Blick behalten will.

Der CDU-Gesundheitspolitiker Alexander Krauß geht davon aus, dass die Ärzte derzeit weniger Rezepte für Physio-, Ergo- und Sprechtherapien verordnen. Gleichzeitig sagen wohl auch viele Patienten aus Sorge vor Ansteckung ihre Termine bei Therapeuten ab.

Virus absorbiert nicht gesamte Versorgung

Das neue Coronavirus SARS-CoV-2 absorbiert nicht die gesamte Versorgung. Dass sich die Kliniken derzeit auf den Ansturm vieler COVID-19-Patienten vorbereiteten, heiße nicht, dass nicht auch Kapazitäten für akut oder chronisch kranke zur Verfügung stünden, betont der Aachener Professor Jürgen Floeg, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Die rund 150.000 internistischen Krankenhausbetten, in denen jährlich sieben Millionen Menschen behandelt würden, stünden den Patienten auch aktuell zur Verfügung.

Die Onkologie hat mit der Bildung einer gemeinsamen Task Force von Deutschem Krebsforschungszentrum, der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Krebshilfe auf die sich verändernde Versorgungslage reagiert. „Eine Verschärfung der Situation durch die Pandemie ist erkennbar“, hat die Deutsche Krebsgesellschaft der „Ärzte Zeitung“ auf Anfrage mitgeteilt.

Lage soll jede Woche neu bewertet werden

Bundesweit würden Anpassungen der Versorgung vorgenommen. Das betreffe „Reduktionen bei Vor- und Nachsorge, klinischen Studien und problemlos zu verschiebenden Behandlungen. Aktuell gebe es keine Versorgungsengpässe. Auf der Grundlage von Befragungen aller Comprehensive Cancer Center, weiterer Einrichtungen und individuellen Rückmeldungen von Patienten über die Krebsinformationsdienste bewerte die Task Force die Lage einmal in der Woche jeweils neu.

Von einem deutlichen Rückgang an Schlaganfall- und Herzinfarkt-Patienten berichtet die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Professor Claudia Schmidtke (CDU), unter Verweis auf die Berliner Charité und weitere Krankenhäuser. Der sei auch auf die Sorge von Patienten zurückzuführen, sich im Krankenhaus mit dem Coronavirus anzustecken. „Niemand sollte im Notfall aus Angst vor einer Infektion auf dringend notwendige medizinische Hilfe verzichten“, sagte die Herzchirurgin.

Rückgänge gibt es offenbar auch bei den Physiotherapeuten, den Ergotherapeuten und Logopäden. „Da vermutlich keine Spontanheilungen stattgefunden haben, scheint es jetzt mehr Fälle zu geben, wo Patienten nicht die medizinische Behandlung bekommen, die sie nötig haben“, hat der CDU-Bundestagsabgeordnete Alexander Krauß (CDU) mitgeteilt.

Vier von fünf Therapiestunden entfallen

Ihm sei berichtet worden, dass die Ärzte weniger Therapien verschrieben, sagte Krauß am Freitag der „Ärzte Zeitung“. Wegen der geschlossenen Kitas und Schulen gebe es auch von dort weniger Hinweise auf mögliche Behandlungsbedarfe. Die Linken-Abgeordnete Sylvia Gabelmann wiederum sieht den Rückgang an tatsächlich wahrgenommenen Therapieterminen in den zunehmenden Absagen der Patienten. Manchen Anbietern seien 80 Prozent der geplanten Therapiestunden weggebrochen.

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat unterdessen die Verschreibungen für Hilfsmittel erleichtert. Folgeverordnungen können auch nach telefonischer Anamnese ausgestellt werden, Krankenhausärzte können Heilmittel für 14 statt wie bisher für sieben Tage verordnen und die Verordnungen haben aktuell kein Ablaufdatum.

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