Leitartikel zum Notdienst

Das Dilemma mit den Bagatell-Fällen

Immer wieder klagen Ärzte, dass Patienten mit Bagatellerkrankungen den ärztlichen Notdienst aufsuchen. Eine stärkere finanzielle Belastung gilt vielen als Option, um die Fallzahlen zu reduzieren. Eine optimale Lösung wäre es aber wohl nicht.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht: 22.02.2013, 13:15 Uhr
Notdienst: Nicht jeder Besucher ist auch ein Notfallpatient.

Notdienst: Nicht jeder Besucher ist auch ein Notfallpatient.

© wolterfoto / imago

Wenn der niedergelassene Arzt mittwochs nachmittags Bereitschaftsdienst hat, meldet sich mit schöner Regelmäßigkeit um 14 Uhr eine Patientin, die an Atemnot leidet. Bei der Untersuchung kann der Arzt nie etwas feststellen.

Einige Zeit später stirbt die Frau an einem Asthma-Anfall - bei einem Kollegen, während des Bereitschaftsdienstes.

Was Dr. Peter Potthoff - inzwischen Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNo)- aus eigener Erfahrung berichtet, veranschaulicht ein für den vertragsärztlichen Bereitschafts- oder Notdienst zentrales Dilemma: Ob ein Patient den Dienst zu Recht oder zu Unrecht in Anspruch nimmt, lässt sich erst hinterher feststellen. Eine Handlungsmaxime für die Zukunft bietet die Erkenntnis nicht.

"Den berühmten Filter für den Notdienst gibt es nicht", sagt der zweite Vorsitzende der KV Westfalen-Lippe Dr. Gerhard Nordmann.

KVen, die mit Arztrufzentralen arbeiten wie Nordrhein, Schleswig-Holstein oder Westfalen-Lippe, versuchen zwar, die Patientenströme vorab durch gezielte Fragen zu lenken. Aber das kann nur sehr begrenzt wirksam sein.

Denn in seiner subjektiven Sicht benötigt der Patient ärztliche Hilfe. Kaum jemand wird sagen: "Ich habe zwar nur einen leichten Schnupfen, möchte aber trotzdem vorbeikommen."

Viele Ärzte, die am Notdienst teilnehmen, berichten von einem hohen Anteil an Fehlinanspruchnahmen.

Aber verlässliche Daten gibt es nicht darüber, wie viele Patienten die Vertragsärzte ohne triftigen medizinischen Grund in den sprechstundenfreien Zeiten in Anspruch nehmen - sei es, weil sie mit einer Bagatellerkrankung kommen, weil sie vergessen haben, sich ihr Medikament rechtzeitig verordnen zu lassen, oder weil es zu den regulären Sprechzeiten einfach nicht gepasst hat ...

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Anne C. Leber

Leserzuschrift von Dr. Heribert Wiemer

Nur bei sehr oberflächlicher Betrachtungsweise kann man Ihren Ausführungen zum Notdienst zustimmen.
Seit gut 30 Jahren beteilige ich mich am ärztlichen Bereitschaftsdienst, bin seit über 20 Jahren Obmann für den BD und beanspruche für mich, diesen beurteilen zu können. Leider wird Notdienst heute meistens von denjenigen beurteilt, die sich im Dienst regelmäßig vertreten lassen. Daher auch diese inkompetente Beurteilung.
Der allergrößte Teil der in einer ND Praxis vorsprechenden Zeitgenossen, gehört dort nicht hin. Sie listen selber in Ihrem Artikel die häufigsten Indikationen bei Inanspruchnahme des Notdienstes auf. Alle diese Indikationen rechtfertigen Wartezeit von über 24 Std. und können damit getrost am nächsten Tag behandelt werden.
Es ist durchaus möglich, Filter einzubauen:

1. Gebühr von 50,- €, die erstattet wird, wenn der Besuch tatsächlich gerechtfertigt ist, was durch den diensthabenden Arzt/in entschieden wird. (Honorar müsste dann die gleiche Höhe haben)

2. Abgabe von Medikamenten nur für den Behandlungstag, so dass der "Patient" gezwungen ist, am nä. Tag den HA/FA aufzusuchen. Dann wird er wohl gleich dorthin gehen und sich den Weg über den Notdienst ersparen.

3. Sprechstundenzeiten in den Notdienstpraxen wie an allen Werktagen auch, keine Abendsprechstunden, angemessen Mittagspause.
Flexibilisierung im Ermessen der vor Ort tätigen Kolleginnen und Kollegen ( z.B. Ausweitung bei einer Epidemie, dürfte Rarität bleiben)

Der Missbrauch des ärztlichen Bereitschaftsdienstes ist in erster Linie auf einen völlig falsch verstandenen Servicegedanken zurückzuführen. Der Notdienst soll jeodch lediglich eine Verschlechterung eines bestehenden Krankheitsbildes verhindern-mehr nicht! Die Luxusmedizin, die sich heute im Notdienst abspielt, wird aber schon bald nicht mehr zu finanzieren sein, es sei denn, man beschränkt sich in der Versorgung der GKV Verischerten auf die Versorgung im Notdienst (extrabudgetär) und lässt die Regelversorgung ausbluten.
Was fehlt, ist der Wille zum Erkennen der Wahrheit und die Fähigkeit, die daraus gewonnen Erkenntnisse umzusetzen.

Dr. Heribert Wiemer
Allgemeinarzt aus Odenthal


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