Stratifizierte Medizin

Der Weg vom Biomarker zum Klinikbett ist weit

Die individualisierte Medizin hat in der onkologischen Praxis Einzug gehalten. Doch noch sind etliche ethische und medizinische Fragen ungeklärt.

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HAMBURG. Die Visionen der personalisierten Medizin seien groß, sagte Professor Regine Kollek vom Forschungsschwerpunkt Biotechnik, Gesellschaft und Umwelt der Universität Hamburg beim Symposium "Ethik in der Onkologie" in Hamburg.

Diese Visionen umfassen die Entwicklung effektiverer und nebenwirkungsärmerer Medikamente, das Vermeiden unnötiger Behandlungen und die prädiktive genetische Diagnostik. In der Onkologie hätten sich diese Visionen bereits zu ersten therapeutischen Ansätzen gewandelt, wie Kollek anhand mehrerer Beispiele belegte.

Patienten mit nicht-kleinzelligem Karzinom und einer aktivierenden Mutation im Epidermal Growth Factor-Rezeptor (EGFR)-Gen profitieren von der Therapie mit dem Tyrosinkinasehemmer Gefitinib.

Diese Situation ist für Kollek einfach zu interpretieren, anders als die Testung auf den HER2-Status bei Brustkrebs für die Indikation einer Trastuzumab-Therapie.

Das Problem: In den Zulassungsstudien wurden nur HER2-positive Patientinnen eingeschlossen, aber spätere Studien belegten, dass auch Frauen mit einem HER2-negativen Primärtumor von der Therapie aufgrund der Heterogenität von zirkulierenden Tumorzellen profitieren können.

Mittlerweile sei deswegen die Verweigerung der Behandlung von HER2-negativen Patienten mit Trastuzumab problematisch.

Probleme bereits bei den Studien

Es besteht Kollek zufolge eine Lücke zwischen der wachsenden Zahl identifizierter genetischer Marker und deregulierter Reaktionswege und ihrer Implementierung am Krankenbett als Teil der klinischen Routine.

Die Hauptschwierigkeiten seien einerseits die invasiven und kostspieligen Biomarker-Studien und andererseits die Heterogenität der Tumoren sowie die Fragestellung in frühen Studien für zielgerichtete Therapien, die nicht notwendigerweise die richtigen Fragen adressieren.

Auch im Umgang mit der prädiktiven Krebsdiagnostik und der damit einhergehenden Vorhersage von familiären Krankheitsrisiken bestehen Kollek zufolge nach wie vor ungeklärte ethische und medizinische Probleme, so beispielsweise zum Datenschutz und dem Persönlichkeitsrecht, zu den Informationspflichten und -rechten sowie der gerechten Allokation der verfügbaren Ressourcen.

Kollek bezeichnete den Begriff "personalisierte Medizin" als irreführend. Er vermittle den Patienten den Eindruck von einer individuelleren Medizin und ganzheitlichen Behandlung, obwohl die individualisierte Medizin in Konzept, Strategie und Zielen keine psychosozialen Aspekte beinhaltet, sondern die Individualität auf physiologische, biochemische und genetische Besonderheiten reduziert wird und seine Wurzel in einem naturalistischen Verständnis hat.

Die Wissenschaftlerin schlug stattdessen die ihrer Meinung nach neutraleren Begriffe "stratifizierte Medizin" oder "zielgerichtete Medizin" vor. (awa)

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