Pflegereport 2017

Erhalten Heimbewohner zu viele Psychopharmaka?

Eine Untersuchung im Auftrag des BMG zeigt: Fast jeder Dritte Heimbewohner in Deutschland wird mit Antidepressiva behandelt. Pflegekräfte halten die Verordnungen überwiegend für angemessen.

Veröffentlicht:
47 Prozent der Bewohner mit einer Demenz erhalten dem Pflegereport 2017 zufolge Neuroleptika.

47 Prozent der Bewohner mit einer Demenz erhalten dem Pflegereport 2017 zufolge Neuroleptika.

© CHW / Fotolia

BERLIN. Eine Untersuchung im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums kommt zu dem Ergebnis, dass 30 Prozent aller Bewohner in Heimen in Deutschland mit Antidepressiva behandelt werden. Knapp die Hälfte der Bewohner mit einer Demenz (47 Prozent) erhalten Neuroleptika. Die Studienergebnisse sind im Pflege-Report 2017 des AOK-Bundesverbandes enthalten.

"Der breite und vor allem dauerhafte Neuroleptika-Einsatz bei Pflegeheimbewohnern mit Demenz verstößt gegen die Leitlinien" sagte Studienleiterin Professor Petra Thürmann, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, bei der Vorstellung des Reports am Mittwoch in Berlin. Stürze, Schlaganfälle und Thrombosen könnten die Folge sein.

Der Blick ins Ausland zeigt, dass eine hohe Gabe von Neuroleptika nicht zwangsläufig sein muss. In Frankreich erhielten lediglich 27 Prozent der Heimbewohner diese Medikamente, in Schweden sogar nur zwölf Prozent, berichtete Thürmann.

Vom Wissenschaftlichen Institut der Ortsrankenkassen (WIdO) befragte Pflegefachkräfte bestätigten das hohe Ausmaß an Psychopharmaka-Verordnungen in Pflegeheimen. Knapp zwei Drittel der Menschen mit einer Verordnung nähmen die Medikamente länger als ein Jahr. Probleme damit hat die Mehrheit der Pflegekräfte nicht. 82 Prozent der 2500 befragten Mitarbeiter gaben an, den Verordnungsumfang für angemessen zu halten.

Nichtmedikamentöse Alternativen finden gleichwohl in den Heimen ebenfalls statt. 67 Prozent der Pflegekräfte berichteten von speziellen Pflegekonzepten, kognitiven und sensorischen Verfahren sowie Assessment-Instrumenten. Deutlich mehr als die Hälfte (56 Prozent) gab an, dass die hohe Arbeitsverdichtung in den Heimen die Umsetzung nicht-medikamentöser Verfahren beeinträchtige oder sogar verhindere. (af)

Mehr zum Thema

Kommentar zum Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz

Achtung, Vertragsärzte: Jetzt kommen die Profis!

Kommentare
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Schon im ersten Trimester

Frühere Diagnostik des Gestationsdiabetes gefordert

Lesetipps
Hört die KI künftig in Praxis- und Klinikalltag mit? Beim Healthcare Hackathon in Berlin wurden gleich mehrere Szenarien getestet, bei denen eine Art Alexa etwa bei der pflegerischen Aufnahme unterstützt.

© Andrey Popov / stock.adobe.com

Healthcare Hackathon

Wie KI zur echten Praxis- und Klinikhilfe wird

Professor Ferdinand Gerlach

© Wolfgang Kumm/dpa/picture alliance

Interview

Gerlach: „Es gibt keinen allgemeinen Ärztemangel und keine generelle Überalterung“

Gemälde von Menschen auf einer tropischen Insel, die um eine übergroße Mango tanzen.

© Preyanuch / stock.adobe.com

Kinetose

Mango, Musik, Medikamente – was gegen Reisekrankheit hilft