Behinderte in Kliniken

Ethikrat beklagt krasse Betreuungsdefizite

Ein barrierefreier Zugang in Krankenhäusern allein reicht nicht aus, mahnt der Deutsche Ethikrat: Bei der Behandlung von Behinderten gelte es, auch Barrieren in den Köpfen von Ärzten und Pflegekräften abzubauen.

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MÜNCHEN. In Deutschland leben etwa 9,6 Millionen Menschen mit Behinderung, rund 7,3 Millionen davon sind schwer- und mehrfachbehindert.

Bei einem Krankenhausaufenthalt stellen Menschen mit Behinderung für das Klinikpersonal oftmals eine besondere Herausforderung dar, die jedoch vielfach nicht angemessen gemeistert wird, so die Erfahrung von Betroffenen.

Nach der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 in Deutschland in Kraft getreten ist, soll die Gesundheitsversorgung für Menschen mit Behinderung im gleichen Umfang, in der gleichen Qualität und nach denselben Standards zur Verfügung stehen, wie allen anderen Menschen auch, erinnerten die Referenten bei einer Fachtagung des Deutschen Ethikrates in München. Die Wirklichkeit sei jedoch anders, berichteten Teilnehmer.

"Verloren" im Krankenhaus

Dabei gehe es längst nicht nur um einen barrierefreien Zugang zu Krankenhäusern und Arztpraxen, erklärte der Pflegewissenschaftler Helmut Budroni von der Universität Wissen/Herdecke. Viel wichtiger sei der Abbau von "Barrieren im Kopf" bei Behandlern und Pflegenden.

Denn immer wieder zeige sich, dass die spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung und ihre im Alltag entwickelten Bewältigungsstrategien bei einem Krankenhausaufenthalt ignoriert werden. Viele Menschen mit Behinderung fühlten sich im Krankenhaus buchstäblich "verloren", berichtete Budroni.

Angehörige und Mitarbeiter in Behinderteneinrichtungen beklagten eine mangelnde Ausstattung an Personal und Hilfsmitteln, aber auch die Arbeits- und Organisationsbedingungen im Krankenhaus, die eine angemessene Versorgung und Betreuung von Menschen mit Behinderung erschweren oder unmöglich machen, berichtete Budroni. Die Aufnahme von Begleitpersonen als Fürsprecher sei vielfach nicht vorgesehen.

Verspätete Diagnosen

Den Ärzten und den Pflegenden im Krankenhaus seien die veränderten Symptome und Krankheitsbilder bei Menschen mit Behinderung vielfach nicht bekannt, erklärte die Ärztin Jeanne Nicklas-Faust, Bundesgeschäftsführerin der Bundesvereinigung Lebenshilfe.

Zu den fehlenden Fachkenntnissen komme oftmals auch noch eine erschwerte Kommunikation mit den Patienten. Daher komme es immer wieder zu "verspäteten, verpassten oder fehlerhaften Diagnosen und schwierigen Krankenhausaufenthalten", erklärte Nicklas-Faust.

Die Erfahrung von Menschen mit Behinderung im Gesundheitswesen seien oftmals deprimierend, berichtete Michael Wunder von der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg und Mitglied des Deutschen Ethikrates. Diagnostik und Behandlung seien oftmals unzureichend, auch weil die notwendige Erfahrung und Zeit fehle.

Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Eine Pilotstudie des Deutschen Krankenhaus Instituts (DKI) im Auftrag der Stiftung Alsterdorf habe 2011 gezeigt, dass bei den Ärzten kaum spezielle Kenntnisse über die medizinischen Besonderheiten bei Menschen mit Behinderung bestehen.

Nicht die Menschen mit Behinderung seien eine Herausforderung für das Krankenhaus, sondern die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Um so wichtiger sei es, dass jetzt im Koalitionsvertrag die Einrichtung von medizinischen Behandlungszentren für Erwachsene mit geistiger Behinderung und schweren Mehrfachbehinderungen analog zu den sozialpädiatrischen Zentren angekündigt wird, erklärte Wunder. (sto)

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