SARS-2-CoV-Pandemie

Ethikrat fordert Wettbewerb der Ideen statt stumpfe Corona-Obrigkeit

Der Deutsche Ethikrat wendet sich gegen Basta-Argumente aus der Politik und fordert, die Menschlichkeit während der COVID-19-Extremsituation im Blick zu behalten. Über Exit-Strategien müsse schon jetzt gesprochen werden.

Von Anno Fricke Veröffentlicht: 07.04.2020, 11:04 Uhr
Den Menschen muss eine Perspektive für das Leben Danach geboten werden: Professor Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats.

Den Menschen muss eine Perspektive für das Leben Danach geboten werden: Professor Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats.

© Lisa Ducret / dpa

Berlin. In Österreich hat Kanzler Sebastian Kurz ein mit Terminen bis in den Mai hinein versehenes Ausstiegsszenario verkündet, das nach Ostern starten soll. In Wirtschaft und Politik auch in Deutschland werden immer mehr Stimmen laut, die ein baldiges Ende der Alltagsbeschränkungen fordern. Die Verantwortlichen in Deutschland tun sich mit einem solchen Schritt allerdings schwer. Alle Maßnahmen sollen bis mindestens 19. April bestehenbleiben. „Daran wird sich auch nichts ändern“, sagte Kanzlerin Angela Merkel am Montag.

Weg vom Alles oder Nichts

Der Deutsche Ethikrat hat sich nun im Zusammenhang mit der Coronakrise gegen eine solche Form obrigkeitsstaatlichen Denkens ausgesprochen. Es sei nicht nur verantwortbar, sondern sogar geboten, den Menschen Perspektiven auf ein Danach zu eröffnen, sagte der Ethikrats-Vorsitzende Professor Peter Dabrock am Dienstag in der Bundespressekonferenz. Schon in seiner Ende März veröffentlichten Stellungnahme zur Corona-Pandemie hatte der Rat die Politik davor gewarnt, ausschließlich in Kategorien des „Ausnahmezustands“ zu denken.

„Wir müssen weg vom Alles–oder-Nichts-Denken“, forderte Dabrock. Je länger die Krise dauere, desto mehr Stimmen müssten gehört werden. Es müsse einen Ideenwettbewerb geben. Der Politik schade es nicht, zuzuhören.

Die eigentliche Herausforderung bestehe nicht darin abzuwägen, ob eher das Leben oder besser die Wirtschaft zu sichern sei. „Der Blick auf die Notwendigkeit, den an COVID-19 Erkrankten zu helfen, verleitet dazu, die Opfer des Lockdowns aus dem Blick zu verlieren“, warnte Dabrock. Wichtige Operationen würden verschoben, Präventionsuntersuchungen abgesagt, Therapien zur Überwindung psychischer Probleme oder Abhängigkeiten würden unterbrochen, Kranke und Sterbende nicht mehr so begleitet, wie es die Menschlichkeit erfordere.

Deshalb müssten die Maßnahmen, die notwendig seien, um die Zahl der schwer erkrankten Corona-Patienten unterhalb der intensivmedizinischen Kapazitätsgrenzen zu halten, je länger sie dauerten, umso mehr mit den schweren gesellschaftlichen, sozialen und psychischen Folgen des Lockdowns abgeglichen werden.

„Keine Angst vor freier Debatte“

Für eine tatsächliche Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen und des Abstandsgebotes sei es tatsächlich noch zu früh, schränkte Dabrock ein. Aber es sei nie zu früh, über Kriterien für Öffnungen nachzudenken. „Alles andere wäre obrigkeitsstaatliches Denken, das bei uns nicht verfangen sollte“, sagte Dabrock.

Besser wäre es, so der Gegenvorschlag aus dem Ethikrat, immer wieder „ehrlich und kritisch zu überprüfen, ob die Maßnahmen für alle oder für einzelne Gruppen weiterhin geeignet, erforderlich und angemessen, sprich: verhältnismäßig“ seien. Politik und Gesellschaft sollten keine Angst davor haben, viele Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen, aber auch legitimen Interessen zu Wort kommen zu lassen.

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