SARS-CoV-2

FDP-Politiker Ullmann: „Es besteht kein Grund zur Panik“

Der Obmann der FDP im Bundestags-Gesundheitsausschuss und Infektiologe Andrew Ullmann spricht mit Blick auf das Coronavirus von einer „ernsten Situation“. Panik sei aber unangemessen. Ärzte machten einen guten Job. Gleichwohl seien Lehren aus der Krise zu ziehen.

Von Thomas Hommel Veröffentlicht: 15.03.2020, 08:27 Uhr
FDP-Politiker Ullmann: „Es besteht kein Grund zur Panik“

Andrew Ullmann findet es „absolut richtig“, elektive Eingriffe oder Aufnahmen zu verschieben.

© Stefan Fercho

Ärzte Zeitung: Herr Professor Ullmann, Bund und Länder haben sich darauf verständigt, dass ab Montag alle planbaren Operationen und Aufnahmen verschoben werden sollen, um die Kliniken zu entlasten. Die richtige Entscheidung?

Professor Andrew Ullmann: Wir müssen sicherstellen, dass die medizinische Versorgung in unserem Land aufrechterhalten wird. Wenn jetzt neben der normalen Grippewelle noch eine Coronaviruswelle in den Krankenhäusern ankommt, dann müssen wir Kapazitäten schaffen, damit auch diese Menschen adäquat behandelt werden.

Im Sinne der Pandemiepläne ist es daher absolut richtig, elektive Eingriffe oder Aufnahmen zu verschieben, so dies aus medizinischer Sicht möglich ist.

In allen Bundesländern sollen jetzt Schulen und Kindergärten geschlossen werden. Angemessen?

Auch das halte ich für sinnvoll. Wir müssen jetzt als Gesellschaft soziale Kontakte auf ein Minimum herunterfahren. Schul- und Kitaschließungen wären da ein gutes Mittel. Wir müssen nur berücksichtigen, dass 25 Prozent der Kinder Eltern haben, die in wichtigen gesellschaftlichen Bereichen arbeiten.

Dazu gehören Gesundheitseinrichtungen, Polizei, Feuerwehr, Elektrizitäts- und Wasserwerke. Hier braucht es noch konkrete Angebote, damit die Kinder dieser Eltern betreut sind und die Eltern weiterarbeiten können. Nicht sinnvoll ist es, die Kinder von Großeltern betreuen zu lassen. Denn wir wissen, dass ältere Menschen besonders vom Coronavirus gefährdet sind.

Wie lange wird uns die Epidemie noch begleiten?

Virologen haben ja darauf hingewiesen, dass 60 bis 70 Prozent der Deutschen infiziert sein werden. Viele interpretieren diese Zahl womöglich falsch. Um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern, bedarf es einer Immunisierung der Bevölkerung in der genannten Größenordnung – womöglich auch etwas höher.

Dadurch würde der Virus eventuell auch von der Bildfläche verschwinden. Das ist die Herdenimmunität, die wir erreichen müssen. Solange wir keinen Impfstoff haben, ist das der natürliche Weg einer Infektion.

Geht der Spuk vorbei, wenn die Temperaturen steigen?

Es gibt dazu aktuell eine Modellberechnung aus den USA. Die zeigt, dass die saisonale Reduktion der Infektionen nur marginal sein wird und sich die Fälle durch den Sommer durchziehen. Andere sagen, die Erfahrungen mit normalen Grippe- und Erkältungsviren oder auch SARS-1 würden zeigen, dass die Infektionswelle zum Sommer hin abgeflaut ist.

Selbst, wenn das Coronavirus zum Sommer abflaut, ist es noch nicht vorbei. Dann ist mit einer zweiten Welle im Herbst und Winter zu rechnen. Sollten wir im Sommer eine Pause haben, müssen wir diese nutzen, um besser auf diese Pandemie vorbereitet zu sein. Aber die absolute Wahrheit kennt derzeit keiner.

Die „Coronakrise“ stellt Ärzte und medizinisches Personal auf eine harte Probe. Machen die Praxen einen guten Job?

Wir sind eines der Länder mit den niedrigsten Sterblichkeitsraten bei den mit SARS-CoV-2-infizierten Menschen. Das ist für mich Beleg, dass vieles in Praxen und Kliniken gut und richtig läuft. Trotzdem fühlen sich viele Ärzte allein gelassen. Ich bekomme Mails und SMS von Kollegen, die mir schreiben, sie könnten nicht alle Menschen testen, wie sie das möchten.

Eigentlich müsste uns der Öffentliche Gesundheitsdienst unterstützen. Aber genau hier liegt ein Problem. Der ÖGD ist in den vergangenen Jahren ziemlich heruntergefahren worden. Dort sind dramatisch weniger Ärzte tätig. Hier müssen wir Lehren ziehen und den ÖGD personell und finanziell stärken.

Zum Schluss: Wie ist der angemessene Umgang mit Corona?

Es ist eine ernste Situation. Aber es gibt keinen Grund, in Panik auszubrechen. Wir wissen ja einiges über das Virus – etwa, dass 80 Prozent der Fälle relativ harmlos verlaufen. Schwere Verläufe gibt es bei älteren Menschen.

Von Besuchen der Großeltern sollte man deshalb möglichst absehen, um die Personen nicht anzustecken. Dasselbe gilt für den Besuch von Pflegeheimen.

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