Wachstumstreiber

Gesundheitswirtschaft als Wirtschaftslokomotive

Die Gesundheitswirtschaft wächst überproportional. Das hat auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: 7,5 Millionen Menschen arbeiten in der Gesundheitswirtschaft, das sind über 16 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland. Einer der Hauptprofiteure ist Berlin. Beachtlich ist dabei der ökonomische Fußabdruck von Ärzten und Kliniken.

Von Helmut LaschetHelmut Laschet Veröffentlicht:
Berlin glänzt mit Zentren der Hochleistungsmedizin, wie etwa der Charité.

Berlin glänzt mit Zentren der Hochleistungsmedizin, wie etwa der Charité.

© Jochen Eckel / picture alliance

Berlin. Lange Zeit galt die Berliner Wirtschaft als der lahme Gaul in der Republik. Der Standort als eine der weltgrößten Industriemetropolen wurde mit dem Zweiten Weltkrieg zerstört. Die Insellage nach der deutschen Teilung schnitt den Westen der geteilten Stadt vom Rest der Republik ab. West-Berlin entwickelte sich zu einem Zentrum von Kultur und Wissenschaft, hoch subventioniert und ohne Chance, an die einstige Industrietradition anknüpfen zu können.

Im Ostteil der Stadt trat die dem Realsozialismus innewohnende ökonomische Ineffizienz nach der Wiedervereinigung offen zutage, nur wenige Unternehmen wie beispielsweise Berlin-Chemie erwiesen sich als restrukturierungsfähig. Und sowohl in Ost- als auch in West-Berlin hatte man sich in 40 Jahren der Teilung an das süße Gift der Subventionen gewöhnt.

Medizin pusht die Hauptstadt

Doch das dritte Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung gibt Grund für berechtigte Hoffnungen auf einen anhaltenden Aufschwung. In der Hauptstadt erweist sich die Gesundheitswirtschaft als Wirtschaftslokomotive, die mit hohem Drehmoment das Wachstum fördert. Das liegt zum einen daran, dass der Anteil der Gesundheitswirtschaft von Berlin an der Gesamtwertschöpfung mit 14,7 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 12,2 Prozent liegt.

Vor allem aber legt die Berliner Gesundheitswirtschaft eine Dynamik vor, die einen deutschen Rekord darstellt: Mit 5,5 Prozent durchschnittlichem jährlichen Wachstum zwischen 2010 und 2019 liegt die Hauptstadt um 1,3 Prozent über dem gesamtdeutschen Wachstum.

Aber auch eher ländlich geprägte Regionen profitieren von der Gesundheitswirtschaft als Zugpferd: Das gilt etwa für Schleswig-Holstein, in dem die Medizinbranche mit 16 Prozent bundesweit den höchsten Anteil an der Bruttowertschöpfung im Land hat und zugleich zwischen 2010 und 2019 jedes Jahr ein um einen Prozentpunkt höheres Wachstum als die gesamtdeutsche Gesundheitsbranche erreichte.

Der Arbeitsmarkt profitiert

Vom Wachstum der Gesundheitsbranche profitiert auch der Arbeitsmarkt: Im Durchschnitt der gesamten Republik ist der Beschäftigungszuwachs in der Gesundheitswirtschaft mit jährlich zwei Prozent fast doppelt so hoch wie in der Gesamtwirtschaft.

Insgesamt arbeiten im Gesundheitswesen 7,5 Millionen Menschen, das sind 16,5 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland.

Der kontinuierlich steigende Bedarf an medizinischen und pflegerischen Leistungen in einer alternden Gesellschaft schlägt sich auch am Arbeitsmarkt nieder, in dem insbesondere Pflegeberufe, aber auch andere Fachkräfte inzwischen dringend fehlen.

Medizin in der Regionalen Wirtschaft

  • Rekord: In Berlin als Zentrum der Hochleistungsmedizin lag das Wachstum der Wertschöpfung von Arztpraxen und Kliniken zwischen 2011 und 2019 jedes Jahr bei durchschnittlich 7 Prozent.
  • Die industrielle Gesundheitswirtschaft wuchs in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg: jährlich im Schnitt zwischen 5,5 und 6,5 Prozent.
  • Induzierte und indirekte Effekte : Mit einer zusätzlichen Wertschöpfung von 282 Milliarden Euro profitieren auch andere Branchen von der Gesundheitswirtschaft.

Bei regionaler Betrachtung fällt auf, dass selbst Bundesländer mit den geringsten Beschäftigungszuwächsen in Medizin, Pflege und Gesundheitsindustrie wie Thüringen, Sachsen-Anhalt und Hessen auf dem Gesundheitsmarkt im Vergleich zur Gesamtwirtschaft ein überproportionales Beschäftigungspotenzial aufweisen.

Die wirtschaftlichen Schwergewichte Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen liegen genau oder nahe am durchschnittlichen Beschäftigungszuwachs von zwei Prozent.

Teils deutlich über dem Durchschnitt liegen die Arbeitsmärkte für Gesundheit in den Stadtstaaten Berlin (2,3 Prozent) und Hamburg (2,6 Prozent). Ursächlich dafür könnte auch sein, dass in beiden Stadtstaaten die Bevölkerung jährlich um 1,3 Prozent (Berlin) und 0,8 Prozent (Hamburg) gewachsen ist.

Was Ärzte und Kliniken leisten

Beachtlich ist auch der ökonomische Fußabdruck von niedergelassenen Ärzten und Kliniken: 6,4 Prozent tragen sie mit ihrer Arbeitsleistung zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung bei, mit einem jährlichen Wachstum von 4,3 Prozent.

Frappierend sind allerdings die regionalen Unterschiede. Spitzenreiter bei Dynamik und wirtschaftlichem Gewicht ist die medizinische Versorgung in Berlin: Ihr Anteil an der regionalen Gesamtwertschöpfung liegt bei über acht Prozent. Zum Vergleich: Die weit wohlhabendere Hansestadt Hamburg kommt nur auf knapp fünf Prozent.

Vor allem aber glänzt die Hauptstadtmedizin mit einer jährlichen Wachstumsrate von sieben Prozent zwischen 2011 und 2019. Dieser Leistungszuwachs lässt sich nicht mehr allein durch den beachtlichen Bevölkerungszuwachs in Berlin – die Stadt verzeichnet in diesem Zeitraum fast 350 000 Neubürger – erklären.

Ausschlaggebend dürften vielmehr die Zentren der Hochleistungsmedizin wie die Charité, das Deutsche Herzzentrum oder das Unfallklinikum Berlin sein, deren Innovationsstärke auch eine internationale Nachfrage nach Top-Medizin anzieht.

Können Spitzenkliniken höhere Erlöse erzielen?

Möglicherweise werden dabei auch Preisniveaus erzielt, die weit über den deutschen Entgelten nach DRG oder GOÄ liegen und die die Erlössituation der Spitzenkliniken deutlich aufbessern.

Ob die Hauptstadtmedizin dieses Wachstumstempo auch in Zukunft beibehalten kann, ist allerdings nicht sicher. Denn der jährliche Beschäftigungszuwachs in Kliniken und Praxen liegt seit 2011 bei durchschnittlich 2,2 Prozent. Allein durch Rationalisierung und Effizienzsteigerung kann das Delta zwischen Beschäftigungszuwachs und Wirtschaftswachstum bei solch personalintensiven Dienstleistungen nicht erklärt werden.

Gar nicht so gut sieht es dagegen mit der industriellen Gesundheitswirtschaft in der Hauptstadt aus: Sie trägt knapp drei Prozent zur gesamten regionalen Wertschöpfung bei, das ist wenig über dem deutschen Durchschnitt von 2,7 Prozent. Vor allem aber ist das Wachstum mit gerade einmal drei Prozent unterdurchschnittlich.

Der Faktor Hauptstadt, vor allem aber die Stärke des Forschungsstandorts Berlin mit seiner herausragenden Medizinleistung von Weltniveau vermögen es nicht, zusätzlich nennenswerte Industrieproduktion mit entsprechender Wertschöpfung zu attrahieren. Da ist es fast frappierend, dass – zwar auf niedrigem Niveau – Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg mit Wachstumsraten von 5,5 bis 6,5 Prozent ein anderes Tempo vorlegen.

Strahlkraft auf andere Branchen

Von einer dynamischen Gesundheitswirtschaft profitieren auch andere Branchen. Das sind zum einen Güter und Dienstleistungen, die die Gesundheitsbranche aus anderen Wirtschaftssektoren bezieht; zum anderen werden die von Ärzten, Pflegekräften und anderen Gesundheitsberufen erzielten Einkommen zum großen Teil verausgabt, was sich wiederum in Beschäftigung und Wertschöpfung niederschlägt.

Auf diese Weise entsteht in vor- und nachgelagerten Branchen eine zusätzliche Wirtschaftsleistung von 282 Milliarden Euro. Mit den im Gesundheitswesen erarbeiteten Werten ist dies ein gesamtwirtschaftlicher Fußabdruck von 661 Milliarden Euro.

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