Heilmittelkosten

Gravierende regionale Unterschiede

Der neue Heil- und Hilfsmittelreport der Barmer GEK zeigt gravierende regionale Unterschiede: In der Podologie etwa lagen die Pro-Kopf-Ausgaben der Kasse in Sachsen 2015 um fast 210 Prozent höher als in Bremen. Warum ist das so?

Von Christoph FuhrChristoph Fuhr Veröffentlicht:

BERLIN. Ausgerechnet das Bundesland Bremen, hoch verschuldet und in vielen bundesweiten Vergleichstatistiken immer wieder mit der roten Laterne versehen, hat eine Vorbildfunktion – zumindest, wenn es um Ausgaben für Heilmittel geht. Auf jeden Versicherten der Barmer GEK bezogen, lagen die Heilmittelausgaben an der Weser im vergangenen Jahr bei umgerechnet nur knapp 66 Euro, in Berlin hingegen entstanden vergleichbare Kosten von fast 122 Euro.

Die Barmer GEK hat ihren Heil- und Hilfsmittelreport 2016 vorgelegt – und der liefert zwei zentrale Erkenntnisse: Zum einen sind die Kosten für Heilmittel in Deutschland stark gestiegen. Allein bei der Barmer haben sie sich binnen zwei Jahren um 15 Prozent auf 822 Millionen Euro erhöht.

Die zweite Erkenntnis: Es gibt gravierende regionale Unterschiede. In der Podologie zum Beispiel waren die Pro-Kopf-Ausgaben in Sachsen um fast 210 Prozent höher als in Bremen. Bei der Ergotherapie lagen die Kosten bei Versicherten in Hamburg fast 120 Prozent über denen an der Weser.

Zur Erklärung sind offenbar weder die höhere Therapeutendichte in Stadtstaaten noch Ost-West-Unterschiede geeignet. Berlin etwa verzeichnet rechnerisch auf 1000 Einwohner 1,05 Physiotherapeuten. Bremen hat mit 1,023 fast genauso viele.

"Medizinisch nicht erklärbar"

"Die massiven regionalen Ausgabendifferenzen bei Heilmitteln sind rein medizinisch und durch Vergütungsunterschiede nicht erklärbar", kritisiert Dr. Christoph Straub, Vorstandschef der Barmer GEK. Offenbar gebe es sehr unterschiedliche Herangehensweisen bei deren Verordnung. "Viele wissenschaftliche Leitlinien thematisieren den gezielten Gebrauch von Heilmitteln nicht. Es wäre ein erster Schritt, die Leitlinien zu konkretisieren", forderte Straub.

Dass die Verordnung regional unterschiedlichen Kriterien folge, sei weder im Sinne einer evidenzbasierten Medizin, noch für die Versicherten akzeptabel, sagt der Autor des Reports, Professor Daniel Grandt von der Universität Saarbrücken.

Bremen finanziert Berlin

"Man kann auch sagen, dass die Bremer quasi den großzügigen Heilmittel-Einsatz der Berliner finanzieren", so Grandt. "Es wäre zu begrüßen, wenn die KVen sich darüber austauschten, wodurch der regional so unterschiedliche Einsatz von Heilmitteln zustande kommt und wie eine medizinisch sinnvolle und wirtschaftliche Verordnung bundesweit erreicht werden könnte. In Bremen gelingt das offensichtlich besonders gut", so Grandt weiter.

Mit Blick auf das geplante Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG) warnt Straub, dass die Kosten bei den Heilmitteln demnächst noch weiter aus dem Ruder laufen könnten.

Zur Erinnerung: Der BMG-Entwurf für das HHVG sieht vor, Vergütungssteigerungen für Heilmittelerbringer für drei Jahre vom Verlauf der Grundlohnsumme zu entkoppeln. Allein an dieser Stelle drohen laut Barmer GEK in der GKV jährliche Zusatzkosten im mittleren dreistelligen Millionenbereich.

Nach dem Gesetz sollen Ärzte in Modellregionen zudem Blanko-Verordnungen ausstellen und Heilmittel-Therapeuten selbst entscheiden können, mit welchem Heilmittel sie die Patienten in welchem Umfang behandeln. Grandt plädiert daher für eine Budgetierung der Heilmittelausgaben, um eine angebotsinduzierte Nachfrage zu verhindern, wenn die Ärzte bei der Blanko-Verordnung den Umfang des Heilmittel-Einsatzes nicht mehr kontrollieren und damit nicht mehr verantworten könnten.

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