Gesundheitskiosk

Hamburg: Invest-Projekt zahlt sich für Ärzte und Patienten aus

Mehr Praxisbesuche, weniger Krankenhaus-Einweisungen, bessere Kooperation aller Beteiligten – Forscher empfehlen das Hamburger Innovationsfonds-Projekt in die Regelversorgung zu übernehmen.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Der Gesundheitskiosk gehört zum Invest-Projekt. Seine Angebote werden vor allem von Frauen gut angenommen.

Der Gesundheitskiosk gehört zum Invest-Projekt. Seine Angebote werden vor allem von Frauen gut angenommen.

© Dirk Schnack

Hamburg. Das Hamburger Projekt Invest verbessert die Gesundheitsversorgung in den Stadtteilen Billstedt und Horn. Die Menschen nehmen Gesundheitsangebote verstärkt wahr, niedergelassene Ärzte fühlen sich entlastet und die Rate der Klinikaufnahmen sinkt.

Darauf deuten die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforscher hin, die als Ergebnis ihrer Arbeit eine Überführung in die Regelversorgung empfehlen. Die Forscher vom Hamburg Center for Health Economics (HCHE) haben das durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) geförderte Invest-Projekt über einen Zeitraum von drei Jahren begleitet. In Billstedt/Horn wurde seit 2017 ein regionales Gesundheitsnetzwerk aufgebaut, das seinen Fokus auf Prävention, Gesundheitsförderung und –erhaltung richtet.

Bekannt wurde vor allem der Gesundheitskiosk als niedrigschwelliges Angebot für Schulungen und Beratungen, in das die niedergelassenen Ärzte der Stadtteile überweisen. Das HCHE bescheinigt dem Gesundheitsnetzwerk, dass der Kiosk zu einem besseren Zugang zur Versorgung beigetragen hat – auch, weil die niedergelassenen Ärzte dieses Angebot in ihre Arbeit integriert haben.

Übergewicht ein großes Thema

57 Prozent der 3837 in Invest eingeschriebenen Versicherten haben sich innerhalb der Projektlaufzeit mindestens einmal im Kiosk beraten lassen, durchschnittlich drei Mal. In vier von zehn Fällen ging es dabei um das Thema Übergewicht. Für diese Zielgruppe konnte die ärztliche Überweisung in den Kiosk die Nutzungsintensität der Beratungsangebote sogar deutlich erhöhen.

Mehr als 80 Prozent der Befragten im Gesundheitskiosk zeigte sich mit den Angeboten dort sehr zufrieden. Wären diese Angebote kostenpflichtig, würden sie allerdings nur 47 Prozent der Befragten nutzen. Deutlich wurde auch, dass es überwiegend Frauen sind, die Beratungen (78 Prozent weibliche Nutzer, Durchschnittsalter 59 Jahre) und Kurse (79 Prozent weibliche Nutzer, Durchschnittsalter 65 Jahre) in Anspruch nehmen. Auch die Patientenzufriedenheit allgemein mit der Gesundheitsversorgung ist im Vergleich zur Ausgangslage gestiegen.

Weitere Ergebnisse:

  • Der Zugang zur ambulanten Versorgung in den beiden Stadtteilen verbesserte sich: Die Zahl der Praxis-Besuche stieg in der Interventionsgruppe um durchschnittlich 1,9 Besuche pro Versichertem im Jahr gegenüber der Kontrollgruppe. Zugleich sank die Zahl der ambulant sensitiven Krankenhausfälle um 18,8 Prozentpunkte gegenüber der Kontrollgruppe.
  • Die Zufriedenheit der Leistungs- und Kooperationspartner hat sich signifikant verbessert. Ärzte beurteilen die Koordination und Vernetzung vor Ort heute deutlich positiver als zu Beginn des Projektes.
  • Wichtig für den Erfolg sind neben ausreichenden finanziellen Ressourcen die gemeinsame Wahrnehmung des Handlungsbedarfs, Unterstützung von Ärzten, Krankenkassen und Politikern, funktionierende Kommunikationsstrukturen zwischen den Akteuren und eine handlungsfähige Geschäftsstelle. Zu den Erfolgsfaktoren zählen aber auch die Bereitschaft der Akteure zur aktiven Beteiligung und ein offener Informationsaustausch.

NAV: Vorbild für andere Städte

Ob die neue Zusammenarbeit in den Stadtteilen auch zu einer wirtschaftlicheren Versorgung beiträgt, lässt sich noch nicht bewerten. Es zeigte sich zwar ein Rückgang bei den Arzneimittelausgaben (6,21 Euro je Quartal geringer als in der Kontrollgruppe), aber auch höhere Pflegekosten (8,68 Euro je Quartal höher als in der Kontrollgruppe). Für belastbarere Aussagen wünscht sich das HCHE eine längere Evaluationsphase.

Auf Basis der bisherigen Ergebnisse aber empfiehlt Projektleiterin Professor Eva Wild eine Übernahme in die Regelversorgung. Diese Empfehlung nahm der NAV-Virchow-Bund zum Anlass, ein Roll-out zu fordern. „Aus dem Prototyp sollte jetzt ein Vorbild für andere Städte und Regionen werden“, sagte der Bundesvorsitzende Dr. Dirk Heinrich. Er kennt die Bedingungen vor Ort – Heinrich ist als HNO-Arzt in Billstedt niedergelassen. Der Verband war Mit-Initiator des Projektes.

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