KV-Chef im Interview

„Ich sehe keine Patienten im Straßengraben liegen“

Die im TVSG geplanten offenen Sprechstunden sind für Ärzte aus wirtschaftlicher Sicht ein Minusgeschäft. Daran ändern auch die extrabudgetären Zuschläge nichts, ist Frank Dastych überzeugt. Warum der HNO-Arzt und Chef der KV Hessen das meint, erklärt er im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“.

Von Anke ThomasAnke Thomas Veröffentlicht:
Frank Dastych, Chef der KV Hessen kritisiert falsche Steuerung.

Frank Dastych, Chef der KV Hessen kritisiert falsche Steuerung.

© Carrolina Ramirez

Ärzte Zeitung: Herr Dastych, die im TSVG vorgesehenen extrabudgetären Zuschläge auf die Grundpauschalen in offenen Sprechstunden sind für Sie keine Option. Warum sind Sie der Meinung, dass dies ein Minusgeschäft für Ärzte bedeutet?

Dastych: Bei einem fünfzehnprozentigen Zuschlag auf die Grundpauschalen der grundversorgenden Ärzte reden wir von gerade einmal rund 1,70 bis 3,90 Euro zusätzlich pro Patient, der in einer offenen Sprechstunde behandelt werden würde. Würde ein Arzt zum Beispiel 150 Patienten zusätzlich in der offenen Sprechstunde versorgen, reden wir von 255 bis 585 Euro extrabudgetärer Vergütung. Ganz abgesehen von den Kosten, die für die zusätzlichen Patienten anfallen, erfolgt die Vergütung ansonsten in der Morbiditätsbedingten Gesamtvergütung.

Frank Dastych

  • 1995 Anerkennung der Facharztbezeichnung Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
  • seit 2013 Tätigkeit als HNO-Arzt in überörtlicher BAG
  • seit 2013 Fachärztlicher Vorstand der KV Hessen und Vorstandsvorsitzender

Es würde also lediglich eine Honorarumverteilung stattfinden, denn in diesen offenen Sprechstunden sollen Ärzte Patienten mit akuten Beschwerden behandeln. Dann werden sie sicher keine extrabudgetären Leistungen erbringen können (zum Beispiel Hautkrebs-Screening, Impfung etc.). Die Versorgung würde in diesem Bereich demzufolge budgetiert erfolgen. Und nur weil Ärzte mehr Patienten versorgen, kommt nicht mehr Geld in den Fachgruppentopf. Das heißt: Die Quotierung schlägt voll zu, unterm Strich bleibt Ärzten weniger übrig.

Können Sie das belegen?

Dastych: Eigentlich kann es gar nicht anders sein. Zwar fließt mehr extrabudgetäres Geld für die Pauschalen, aber diese Summen sind gering.

Grundsätzlich gilt: Wenn die Fallzahlen wachsen, sinkt der Fallwert im Fachgruppentopf bzw. die Quotierung schlägt zu. Hier ist es auch völlig egal, warum es zu dem Fallzahlzuwachs (zum Beispiel Grippewelle) kommt. Speziell in Hessen gibt es auch nicht viel Spielraum für die Honorarverhandlungen, weil Demografie und Morbidität nahezu bei null liegen. Nur mit einem Zuwachs der Versicherten erhöht sich die Honorarsumme.

Um die Aussage zu belegen, dass die offene Sprechstunde ein Minusgeschäft für Ärzte ist, bereiten wir – die KV Hessen – einen Sprechstundenverlustrechner vor, der aufzeigen soll, wie sich Einnahmen und Ausgaben ändern, wenn eine bestimmte Anzahl von Patienten in offenen Sprechstunden behandelt werden. Diesen Sprechtstundenverlustrechner wollen wir dem Bundesgesundheitsminister vorlegen.

Jens Spahn wünscht sich, dass akut kranke Patienten schneller von Ärzten versorgt werden, und glaubt, dass die offenen Sprechstunden eine Lösung bieten. Warum sollte das nicht so sein?

Dastych: Zunächst einmal sehe ich keine Patienten im Straßengraben liegen, die nicht versorgt werden. Ich wehre mich grundsätzlich gegen Spahns Vorwurf, Patienten würden nicht gut versorgt. Es gibt meines Erachtens keine Patienten, die mit Grippe oder Ohrenschmerzen einfach weggeschickt werden.

Welche Auswirkungen werden Ihrer Meinung nach die offenen Sprechstunden haben?

Dastych: Wir Ärzte werden unterm Strich draufzahlen müssen. Außerdem: Kollegen werden sicher nicht Terminpatienten in offene Sprechstunden verschieben, das macht keinen Sinn. Eher werden es Patienten sein, die Zeit haben, und die offenen Sprechstunden nutzen, um den Orthopäden, den Haut- oder Augenarzt mal auf das „Problem“ schauen zu lassen. Den 15-prozentigen Zuschlag auf die Grundpauschale erhalten Ärzte nur dann, wenn diese Patienten eine Überweisung vorlegen.

Welchen Lösungsvorschlag haben Sie an den Minister?

Dastych: Zunächst wünsche ich mir Ehrlichkeit. Jens Spahn sollte offen sagen, dass es die Quotierung gibt. Das TSVG löst höchstens eine Honorarsteuerung aus. Eine Patientensteuerung findet nicht statt. Wenn Ärzte zusätzliche Arbeit auf sich nehmen sollen, sollte diese Arbeit auch komplett extrabugdetär bezahlt werden. Meine Forderung geht dabei über die der KBV hinaus, die lediglich die Grundpauschalen hier einschließt.

Die angestellten Ärzte werden die Mehrarbeit im Übrigen nicht leisten können, denn bei einer Vollzeitbeschäftigung ist nach maximal 40 Stunden Schluss mit Patientenversorgung. Eine Versorgung von mehr Patienten – wie von Jens Spahn gewünscht – können also nur die freiberuflichen, niedergelassenen Ärzte leisten. Wenn also hier noch eventuell vorhandene Potenziale gehoben werden sollen, dann geht das nur mit einer entsprechenden Vergütung.

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