Interview

„Ideologie abseits der ärztlichen Werteskala“

Erinnern und Gedenken sind Teil der deutschen Staatsräson – auch in der Ärzteschaft. Warum Alt Rehse dafür ein idealer Ort wäre, sagt der Rostocker Hausarzt Dr. Thomas Maibaum.

Von Dirk Schnack Veröffentlicht: 07.05.2020, 17:11 Uhr
„Ideologie abseits der ärztlichen Werteskala“

Dr. Thomas Maibaum

© Dirk Schnack

Ärzte Zeitung: Warum ist es aus ärztlicher Sicht wichtig, dass Alt Rehse als Erinnerungsstätte aufgewertet wird?

Dr. Thomas Maibaum: In Alt Rehse haben Ärzte dazu beigetragen, dass die Ideologie der Nationalsozialisten Eingang in die Medizin gefunden hat. Ärzte haben diese Ideologie und die daraus folgenden Konsequenzen in Alt Rehse an ihre Kollegen vermittelt und damit dafür gesorgt, dass Vergehen, die abseits jeder ärztlichen Werteskala lagen, und menschenverachtende Versuche möglich wurden. Wir haben mit Alt Rehse eine einmalige Grundlage für die Aufarbeitung des Zusammenhangs zwischen der NS-Medizin und den verantwortlichen und ausführenden Ärzten. Diese Aufarbeitung ist noch längst nicht abgeschlossen.

Wenn Alt Rehse für die Aufarbeitung so zentral ist, warum ist es dann weitgehend in Vergessenheit geraten?

Zunächst weil es im Gebiet der früheren DDR liegt und nach dem Krieg über 40 Jahre lang nichts unternommen wurde, den Ort als Gedenkstätte zu erhalten oder im Bewusstsein der Ärzte zu verankern. Stasi und NVA haben das Gelände genutzt, damit unterlag es der militärischen Geheimhaltung. Nach der Wende gab es schwierige und lange anhaltende Klärungsprozesse mit wechselnden Eigentümern und zur Nutzungsfrage. Erst in den vergangenen Jahren konnte der Gedenkcharakter dieses Ortes forciert werden.

Sie stammen aus Nürnberg und sind heute Hausarzt in Rostock. Warum setzen Sie sich so sehr für Alt Rehse ein?

Weil Ärzte hier eine Ideologie vermittelt und empfangen haben, die mit unserem Werte-Kodex nichts zu tun hat. Ich halte es für wichtig, dass wir uns erinnern, was gewesen ist – auch, damit es nicht wieder passiert. Interessiert hat mich das Thema schon immer. In meiner Heimatstadt Nürnberg stößt man ja auch auf bedeutsame Orte der Nationalsozialisten. Über Alt Rehse habe ich dann vor 13 Jahren meine Doktorarbeit geschrieben, seitdem hat mich das Thema nicht wieder losgelassen.

Sie spenden privat eine nennenswerte Summe für den Gedenkort. Ist das der richtige Weg, um Alt Rehse zu erhalten?

Ob jemand privates Engagement für Alt Rehse aufbringen will, soll jeder selbst entscheiden. Ich mache das, um ein Zeichen an unsere ärztlichen Institutionen zu setzen. Denn Alt Rehse benötigt einen deutlichen finanziellen Beitrag aus den Institutionen der Ärzteschaft, damit Bund und Länder ebenfalls dauerhaft fördern. Privates Engagement kann weder dieses Zeichen setzen, noch das benötigte Volumen erreichen.

Welches Volumen ist erforderlich?

Aus den Institutionen werden mindestens 60.000 Euro pro Jahr benötigt. Unsere Hoffnung ist, dass dieser Beitrag aus dem Länder-KVen und Ärztekammern kommt. Bund und Ländern ist sonst nicht vermittelbar, warum Steuerzahler die einstige Führerschule der Deutschen Ärzteschaft als Gedenkort finanzieren sollten.

Dr. Thomas Maibaum

  • Facharzt f. Allgemeinmedizin, niedergelassen als Hausarzt in Rostock
  • Vorstandsmitglied in der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern
  • Mitglied im Ausschuss Vergangenheitsbewältigung der Ärztekammer
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