Direkt zum Inhaltsbereich

Klinikexperte Augurzky

In Pilotregionen neue Versorgungsmodelle ausprobieren

Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte sollten die Möglichkeit erhalten, in Pilotregionen gemeinsam Modelle der sektorübergreifenden Versorgung zu erproben, findet Boris Augurzky. Der Klinikexperte wirbt dafür, „jenseits der Regeln neue Wege zu gehen“.

Ilse SchlingensiepenVon Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Hofft auf frischen Wind für die medizinische Versorgung durch die neue Bundesregierung: Professor Boris Augurzky.

Hofft auf frischen Wind für die medizinische Versorgung durch die neue Bundesregierung: Professor Boris Augurzky.

© Sven Lorenz, Essen

Düsseldorf. Krankenhäuser und niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sollten die Möglichkeit erhalten, in Pilotregionen gemeinsam Modelle der sektorübergreifenden Versorgung inklusive Planung und Vergütung zu erproben. Das schlägt Professor Boris Augurzky vor, Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit am RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung.

Die neue Bundesregierung sollte den Mut haben, dafür vergleichbar dem Innovationsfonds Mittel zur Verfügung zu stellen, sagte Augurzky auf dem Medica Econ Forum der Techniker Krankenkasse (TK) in Düsseldorf. „Man könnte dann jenseits der Regeln neue Wege gehen.“

Die sektorübergreifende Versorgung gehört für den Gesundheitsökonomen gemeinsam mit der verstärkten Ambulantisierung zu den Optionen, um trotz der finanziellen und personellen Ressourcenknappheit auch in Zukunft noch eine bedarfsgerechte Versorgung sicherstellen zu können.

Neue Rolle für Krankenhäuser

Weiteres Potenzial sieht Augurzky im Einsatz neuer digitaler Technologien, der Zentralisierung und Schwerpunktbildung im stationären und im ambulanten Sektor, der Prävention sowie dem effizienteren und intelligenteren Einsatz von Personal und Kapital.

Bei der Ambulantisierung gehe es nicht darum, möglichst viele Leistungen vom Krankenhaus zu den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten zu schieben, betonte er. Die Praxen hätten dafür angesichts der zunehmenden Bedeutung der Arbeit in Anstellung oder in Teilzeit gar nicht die erforderlichen zusätzlichen Kapazitäten. „Da kommen größere Einheiten ins Spiel.“

Augurzky hält ein neues, patientenzentriertes Zielbild für die Gesundheitsversorgung für notwendig. Dabei sieht er eine neue Rolle für die Krankenhäuser. Sie könnten als Zentrum für fachärztliche Versorgung fungieren und gemeinsam mit dem ambulanten Bereich die Verantwortung für die Koordination der lokalen Versorgung übernehmen. Das biete eine Chance für kleine Krankenhäuser.

Regional organisierte Krankenhausstruktur als Option

„Kleine Grundversorger können in integrierten Gesundheitszentren aufgehen und zum Prototyp sektorübergreifender Versorgung werden.“ Seine Vorstellung: Die Häuser arbeiten mit niedergelassenen Fachärzten, Hausärzten und Pflegekräften zusammen, um die stationäre und ambulante Basisversorgung sicherzustellen.

Auf regionaler Ebene schwebt Augurzky die Organisation der Versorgung durch ein großes Krankenhaus vor, das im Austausch mit den lokalen Gesundheitszentren sowie überregionalen Maximalversorgern steht. Die Beteiligten sind untereinander digital vernetzt.

„Am Ende könnte man sich eine regional organisierte Krankenhausstruktur vorstellen“, sagte er. Das sei insbesondere ein Konzept für Regionen, in denen die ambulante Versorgung gefährdet ist, zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern.

Auch niedergelassene Ärzte sollten mehr Möglichkeiten bekommen

„Dort, wo Unterversorgung droht, kann man sich auf dieses Zielbild hinbewegen“, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der TK Thomas Ballast. Ihm fehlt allerdings eine Lösung für „das überbordende Angebot in den Ballungsgebieten“. Den regionalen Versorgungsauftrag sollte nicht automatisch das Krankenhaus haben, sondern derjenige, der den Versorgungsmangel zu verantworten hat, findet Ballast.

Die Kliniken sollten nicht nur ambulante Leistungen übernehmen können, sondern die niedergelassenen Ärzte auch das Recht haben, Betten vorzuhalten, schlug er vor. „Dadurch entstehen regional unterschiedliche Versorgungsmodelle, die man evaluieren kann.“

Pilotregionen mit Bundesmitteln fördern

Der TK-Vize begrüßte den Vorschlag, Modelle mit Bundesmitteln in Pilotregionen zu testen. Allerdings: „Das passt nicht zum Gestaltungswillen eines neuen Gesundheitsministers oder einer neuen Gesundheitsministerin.“

Eigentlich befinde sich Nordrhein-Westfalen mit der Neuaufstellung der Landeskrankenhausplanung zurzeit in einem großen Pilotprojekt, sagte Matthias Blum, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft NRW. „Wir zeigen der Bundesebene, dass wir letztendlich den Gemeinsamen Bundesausschuss nicht brauchen, dass wir es alleine können.“

Die Krankenhausplanung in NRW ist im Ausschuss für Krankenhausplanung einvernehmlich von Vertretern der Politik, der Kassen, der Krankenhäuser und der Ärztekammern verabschiedet worden. „Wir haben gezeigt, dass Krankenhäuser nicht nur reden, sondern auch handeln“, betonte Blum.

Lesen sie auch
Lesen sie auch
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Logo Digiteneers - Vertidisan

© Digitineers

Digitineers

Bei Schwindel – Vertidisan®: Die Therapie-App

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Logo Cardisio

© Doctolib

Doctolib

Mehr Service: KI-Assistenz rund um die Privatbehandlung

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Dr. med. Gerhard M. Sontheimer (ANregiomed, Region Ansbach) und Holger Baumann (Kliniken der Stadt Köln, v.l.) haben in der Praxis gute Erfahrungen mit Systempartnerschaften gemacht.

© Philips

Mehr Spielraum für moderne Prozesse in der Klinik

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Philips GmbH Market DACH, Hamburg
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Besser als Atemtherapie?

Supragastrisches Aufstoßen lässt sich mit Gesang vertreiben

Lesetipps
Koloskopie, Blick auf den Monitor

© Issara - stock.adobe.com

Anstoß zur Diskussion

Darmkrebs: Ist die koloskopische Überwachung falsch aufgestellt?

Ein Arzt zählt mit den Fingern bis Drei.

© Arnéll Koegelenberg/peopleimages.com/stock.adobe.com

Regionaler Multimorbiditäts-Vergleich

Wo es relativ viele Ü-50-Jährige mit drei oder mehr chronischen Erkrankungen gibt