Berufspolitik

In der Kneipe ist Nichtrauchen die Ausnahme

Wer auf ein Bier außer Haus geht, muss vielerorts lange suchen, bis er eine Kneipe findet, in der nicht geraucht wird. Ein Skandal, findet das Deutsche Krebsforschungszentrum.

Von Anno Fricke Veröffentlicht: 03.05.2011, 15:17 Uhr
In der Kneipe ist Nichtrauchen die Ausnahme

Ganz bestimmt die letzte Zigarette? In vier von fünf Kneipen und Bars wird geraucht.

© arkna / fotolia.com

BERLIN. Düsseldorf ist am verqualmtesten, Berlin-Mitte so gut wie rauchfrei. In der Mehrheit der deutschen Landeshauptstädte wird in vier von fünf Bierkneipen und Cocktailbars nach wie vor geraucht.

Betrachte man alle Gaststätten einschließlich der Restaurants und Spielhallen, seien nur zwei von drei völlig rauchfrei. Zu diesem Ergebnis kommt das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in der bundesweit größten Evaluationsstudie, seitdem alle Bundesländer Gesetze zum Schutz von Nichtrauchern erlassen haben.

Mitarbeiter des Heidelberger Forschungszentrums hatten im Februar und März dieses Jahres sämtliche Gaststätten in den Ausgehvierteln der Landeshauptstädte Düsseldorf, Hannover, Kiel, Mainz, Magdeburg, Schwerin, Stuttgart und Wiesbaden besucht.

In Berlin und München nahmen sie zusätzlich auch noch beliebte Partymeilen unter die Lupe. Insgesamt beantworteten 2939 Wirte die Fragebögen, deren Auswertung der Untersuchung zugrundeliegen.

Die überwiegende Mehrheit der Wirte betreibt ihre Raucherkneipen legal. Die beachtliche Zahl von Verstößen gegen die Rauchergesetze lässt die Krebsforscher dennoch von einem Skandal sprechen. "Die Ausnahmeregelungen zum Nichtraucherschutz dürfen in den meisten Bundesländern als gescheitert angesehen werden", sagte Dr. Martina Pötschke-Langer von der DKFZ bei der Vorstellung der Untersuchung am Dienstag in Berlin.

Gründe für das harsche Urteil: 62 Prozent der besuchten Rauchergaststätten weisen nicht darauf hin, dass der Zutritt erst ab 18 Jahren gestattet ist. 13 Prozent der Lokale verfügen über mehrere Räume, obwohl ausgewiesene Raucherkneipen laut der Landesgesetze in der Regel nur aus einem Raum bestehen dürfen.

In vielen Restaurants zünden sich die Gäste nach dem Essen eine Zigarette an - am Tisch, nicht im eigens ausgewiesenen Raucherraum. In den Raucherräumen der Restaurants liege die Schadstoffbelastung der Atemluft fünf- bis elfmal so hoch wie in rauchfreien Räumen. "Das sind Giftküchen", sagte Pötschke-Langer.

Düsseldorf bildet mit lediglich 59 Prozent rauchfreien Gaststätten das Schlusslicht, Berlin-Mitte schnitt mit 80 Prozent am besten ab. Außer Konkurrenz läuft München. Bayern hat seit August ein generelles Rauchverbot im Gastgewerbe erlassen. Deshalb gelten dort 95 Prozent aller Gaststätten als rauchfrei. Nikotinlustige Bajuwaren frönen ihrem Vergnügen daher zunehmend in geschlossener Gesellschaft.

Von den Rauchverboten in öffentlichen Einrichtungen, in Zügen und auch in der Gastronomie erwarten die Krebsforscher kurzfristig keine Verringerung der Krebsraten oder der Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems. Langfristig sollten sie sinken, schätzt Pötschke-Langer.

Die Ergebnisse der Untersuchung sind Wasser auf die Mühlen einer interfraktionellen Gruppe im Bundestag, die einen Gesetzentwurf des Bundes zum Nichtraucherschutz vorbereitet.

In den regelmäßigen Treffen der Gruppe hätten die Beteiligten aus allen Fraktionen untersucht, ob der Bund überhaupt für dieses Thema zuständig sei. Verfassungsrechtler hätten bestätigt, dass es eine Bundeskompetenz dafür gebe, erfuhr die "Ärzte Zeitung".

Noch im Februar hatte der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Jens Spahn, verneint, dass Abgeordnete einen neuen Anlauf für eine Bundesgesetzgebung zum Nichtraucherschutz planten.

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