Herausforderungen

Intensivmediziner fürchten Langzeit-Effekt der Beatmung bei COVID-19

Die hohe Zahl an Intensivpatienten mit COVID-19 wird auf lange Sicht auch die ambulante Versorgung stärker fordern, prognostizieren Intensivmediziner. Sie rechnen nicht mit Entspannung über die Feiertage – im Gegenteil.

Anno FrickeVon Anno Fricke Veröffentlicht:
Eine Pflegekraft betreut im besonders geschützten Teil der Intensivstation des Universitätsklinikums Greifswald einen Corona-Patien

Eine Pflegekraft betreut im besonders geschützten Teil der Intensivstation des Universitätsklinikums Greifswald einen Corona-Patienten.

© Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Berlin. Mit COVID-19 kommen auf die Weaning-Kliniken und die ambulante Versorgung von beatmeten Patienten langfristige Herausforderungen zu.

Die „extrem langen Krankheitsverläufe“ führten dazu, dass viele Intensivpatienten einen Luftröhrenschnitt bekommen müssten, um danach langfristig wieder von der künstlichen Beatmung entwöhnt zu werden, sagte der Präsident der Interdisziplinären Vereinigung der Intensiv- und Notfallmediziner (DIVI), Professor Uwe Janssens, vom St. Antonius-Hospital in Eschweiler am Dienstag bei einer virtuellen Pressekonferenz.

Es sei mit einem „gravierenden Anstieg von Langzeitentwöhnungen“ zu rechnen, bestätigte Janssens auf Anfrage.

Hälfte der COVID-19-Patienten auf Intensivstation braucht Beatmung

Es sei klar belegt, dass die Beatmungsdauer bei COVID-19 länger als bei anderen Lungenentzündungen ausfalle, bestätigte DIVI-Vorstand Professor Stefan Kluge (UKE). Das werde sich auf die Entwöhnungskliniken und die ambulante Versorgung auswirken. Dazu beitragen werde auch die schiere Masse an Beatmungspatienten.

Zwischen 50 und 60 Prozent der Patienten auf Intensivstationen müssten beatmet werden, ergänzte Professor Christian Karagiannidis (ECMO-Zentrum Köln-Merheim), einer der wissenschaftlichen Leiter des DIVI-Intensivregisters.

Lesen sie auch

Die Vertreter der Intensiv- und Notfallmedizin zeigten sich am Dienstag zuversichtlich, dass es in Deutschland möglich bleibe, jeden betroffenen COVID-19-Patienten intensiv zu versorgen. Voraussichtlich müssten in der näheren Zukunft allerdings mehr Patienten innerhalb Deutschlands verteilt werden. „Es ist mit vermehrtem Transportaufkommen zu rechnen“, so Professor Jan Thorsten Gräsner (UKSH).

Verlegungen entspannen die Corona-Situation

Die Verlegungen seien eine logistische Herausforderung, auf die der Rettungsdienst allerdings eingestellt sei. Innerhalb des besonders stark betroffenen Landes Sachsen seien zur Entspannung der Situation aktuell 30 Patienten auf einen Schlag verlegt worden. Weitere zehn seien von Sachsen aus in nördliche Bundesländer gebracht worden.

Bei der Verteilung habe das Intensivregister geholfen, berichtete Professor Steffen Weber-Carstens (Charité). So seien Triagesituationen vor Ort vermieden worden.

Lesen sie auch

Die Intensivmediziner forderten dennoch vom Gesetzgeber klare Regeln für mögliche Überlastungssituationen auf den Intensivstationen. Im Augenblick herrsche keine ausreichende Rechtssicherheit, sollten Ärzte vor die Situation gestellt werden, Patienten zum Beispiel für die Beatmung auswählen zu müssen.

Intensivmediziner rechnen mit bis zu 6000 belegten Betten

Mit einer Entspannung der Situation über die Feiertage rechnen die Intensivmediziner nicht. Im Gegenteil: Die Zahl der belegten Intensivbetten könne durchaus bis Anfang des Jahres von derzeit 5000 auf 6000 steigen. „Gemütlich wird es nicht“, sagte Janssens.

Reisen, Gottesdienste und Familientreffen könnten sich zu „Boostern“ für das Infektionsgeschehen entwickeln, bestätigte auch der künftige DIVI-Präsident Professor Gernot Marx (RWTH Aachen). Der Höhepunkt der aktuellen Welle sei möglicherweise erst Ende Januar, vielleicht aber auch erst in drei bis vier Monaten überwunden, schätzen die Intensivmediziner.

Lesen sie auch
Lesen sie auch
Lesen sie auch
Mehr zum Thema

ADRED-Studie

Überraschendes zur Notaufnahme bei COPD

Das könnte Sie auch interessieren
Die Chancen der Vitamin-C-Hochdosis-Therapie nutzen

© Pascoe Naturmedizin

Vitamin-C-Therapie

Die Chancen der Vitamin-C-Hochdosis-Therapie nutzen

Anzeige | Pascoe Naturmedizin
Dr. Claudia Vollbracht

© [M] Privat; Christoph Burgstedt / Getty Images / iStock

„ÄrzteTag extra“-Podcast

Appell zur adjuvanten Vitamin-C-Therapie bei Krebs

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Pascoe Naturmedizin
Mit Vitamin C gegen schwere Langzeitfolgen

© designer491 / Getty Images / iStockphoto

Long-COVID

Mit Vitamin C gegen schwere Langzeitfolgen

Anzeige | Pascoe Naturmedizin
Kommentare
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden »Kostenlos registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Das alte Muster 1 wird in die Einzelteile zerlegt und digitalisiert. Heraus kommt ein Stylesheet, das ganz ähnlich aussieht – aber mit Barcode.

© mpix-foto / stock.adobe.com

Praxis-EDV

So funktioniert die eAU auch ohne TI

„ADHS-Patienten haben eine besondere Wahrnehmung für die Befindlichkeiten ihres Gegenüber“, erläutert Dr. Heiner Lachenmeier. Und das sei eine Eigenschaft, die auch bei Psychiatern und Psychologen von Berufs wegen stark ausgeprägt ist.

© S.Kobold / stock.adobe.com

Ratgeber für die Praxis

Wie Ärzte mit ADHS erfolgreich im Beruf sein können