Alarmierend

Jeder dritte Klinikarzt nah am Burn-out

Ärzte im Krankenhaus arbeiten immer öfter am Limit. Die Folge: Sie sind gestresst und gefrustet, wie Ergebnisse einer Umfrage zeigen. Der Marburger Bund schlägt Alarm.

Von Thomas Hommel Veröffentlicht:
Jeder zweite Klinikarzt gab an, dass sie die Arbeitsbedingungen für frustierend halten.

Jeder zweite Klinikarzt gab an, dass sie die Arbeitsbedingungen für frustierend halten.

© WavebreakmediaMicro / stock.adobe.com

Berlin. Arbeitsverdichtung und Bürokratie setzen Klinikärzten kräftig zu. Etwa ein Drittel gibt an, im Arbeitsalltag auf Station oft oder sehr oft Gefühle des Ausgebrannt-Seins zu erleben.

Vor allem Assistenzärzte sind betroffen. Viele versuchen, den Stress zu bewältigen, indem sie die Arbeitszeit in ihre Freizeit ausdehnen, das Arbeitstempo erhöhen oder oberflächlicher arbeiten als sonst.

Das sind Ergebnisse einer am Montag vorgestellten Umfrage des Landesverbands Berlin-Brandenburg des Marburger Bundes (MB). Die Ärztegewerkschaft befragte im September mehr als 7200 Mediziner in Krankenhäusern zu ihrer derzeitigen Arbeits- und Gesundheitssituation. Mehr als 2000 Klinikärzte gaben Rückmeldung.

Zeitdruck ist belastend

Als besonders belastend empfinden es Klinikärzte demnach, unter Zeitdruck arbeiten und Entscheidungen treffen zu müssen. Fast 70 Prozent berichten, dass sie mehrmals am Tag oder ständig gestresst sind.

Als belastend werden auch Probleme genannt, die aus schlechter Arbeitsorganisation und dem Nichteinhalten von Absprachen resultieren. Knapp 30 Prozent äußern sich so.

Gut die Hälfte (53 Prozent) der Klinikärzte bezeichnet es zudem als frustrierend, dass Arbeitsbedingungen und Klinikvorgaben es ihnen immer mehr erschweren, die Patienten den eigenen medizinischen und auch ethischen Ansprüchen entsprechend zu versorgen.

MB: Ergebnisse sind alarmierend!

Der Chef des MB-Landesverbands Berlin-Brandenburg, Dr. Peter Bobbert, nannte die Ergebnisse alarmierend. „Es stimmt etwas nicht mehr.“

Wenn die Wochenarbeitszeit der Kollegen im Schnitt zehn Stunden, in der Spitze sogar 20 Stunden über der tariflich vereinbarten Wochenarbeitszeit liege, viele Klinikärzte unter Zeitdruck arbeiteten und frustriert seien, „dann macht das in einem solch verantwortungsvollen Beruf krank“.

Die Prävalenz sowohl von arbeitsbezogenem Burn-out als auch von arbeitsbezogener Depressivität steige. Viele Klinikärzte wollten einfach „nur noch raus aus dem Beruf“.

„Es wird immer schlimmer“

Der Hauptgeschäftsführer beim MB-Bundesverband, Armin Ehl, zeigte sich ebenfalls besorgt. „Es wird immer schlimmer.“ Das für Berlin und Brandenburg erhobene Stimmungsbild unter den Klinikärzten sei „nahezu identisch mit dem, was sich auf Bundesebene abspielt“.

Notwendig seien jetzt „intelligente“ Personaluntergrenzen, verlässliche Dienstpläne und Investitionen ins Personal. „Wir brauchen mehr Köpfe im Spiel.“ Ansonsten drohe die Versorgung Schaden zu nehmen. „Arztschutz ist Patientenschutz.“

Der Brandenburger Chefarzt Dr. Steffen König nannte bürokratische Vorgaben einen Quell der Frustration. Klinikärzte hätten sich von „Helfern am Menschen“ zu „Gehilfen der Bürokratie“ gewandelt. Bürokratie sei nötig, aber längst überbordend.

So müsse der Arztbrief inzwischen Dinge enthalten, die niedergelassene Ärzte als eigentliche Adressaten gar nicht interessierten.

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Schimmelpfennig

Das Gejammere nervt und ist nicht zielführend. Die letzten 100 Jahre hat es mit Sicherheit keine Zeit gegeben, in der ärztliche, insbesondere Kliniktätigkeit ein Zuckerschlecken war. Was sich aber vor allem geändert hat, ist, dass (nicht nur unter Ärzten) ständig in sich hineingeschaut wird und Leistungsbereitschaft und Einsatzwille Fremdwörter werden und das eigene Wohlfühlen über ein gemeinschaftliches Ziel gestellt wird. So kann es in Deutschland auf Dauer nicht weitergehen, nicht in der Gesellschaft und auch nicht in der Ärzteschaft.

Dr. Schätzler

"Come in and burn out"?

"Burn-out" als medizinische Krankheitsbezeichnung zu benutzen, ist mehrheitlich eine ärztliche Verlegenheitsdiagnose. Es bezeichnet nicht nur für den Marburger Bund eher eine arbeitsrechtliche Überlastungs-Anzeige .

Denn die bei AU-Bescheinigungen stattdessen verwendeten ICD-10-GM Kodierungen erläutern wesentlich genauer den Zustand der Betroffenen zwischen Depression, Angstsyndrom, Panikreaktion, sozialer Phobie, Leistungsschwäche, Erschöpfung, Überforderung, Belastungsreaktion und ängstlich-vermeidender Verhaltensstörung.

Im Vordergrund der Therapie in der Praxis stehen flankierende psycho- und pharmakotherapeutische Maßnahmen bzw. Beratung und Unterstützung durch verbale Intervention.

Die Weiterentwicklung der nichtärztlichen Soziotherapie, welche durchaus verordnungs- und delegationsfähig ist, wird leider viel zu wenig forciert, da sie zusätzliche Kostensteigerungen bewirkt.

Doch wenn eher die Arbeits-, Sozial- und Lebensbedingungen der Patienten krankmachend sind, wäre hier eine Sozialtherapie der multikausale, interventionelle Ansatz.

Das Schlagwort vom "Burn-out" ist doch sehr holzschnittartig und irreführend; so wie "Public Viewing" eher ''öffentliche Leichenschau'' bedeutet.

Burn-out ist als Begriff der Raumfahrt und Physik entlehnt. Beim Beschleunigungsrennen des US-Cars-Drag-Racing in den USA und bei den beliebten Stock-Car-Rennen gibt es zusätzlich näher liegende Bedeutungen fürs Burn-out.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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