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Corona in der Praxis

KBV warnt vor Zuschnappen der Versorgungsfalle

Die Vertragsärzte fordern den Ausstieg aus dem Krisenmodus. Die Versorgung der nicht am neuartigen Coronavirus erkrankten Patienten leide unter der von der Politik geschürten Angst.

Anno FrickeVon Anno Fricke Veröffentlicht:
Viele dringend notwendige Behandlungen werden derzeit vernachlässigt, kritisieren der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Gassen (r.) und KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister.

Viele dringend notwendige Behandlungen werden derzeit vernachlässigt, kritisieren der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Gassen (r.) und KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister.

© Michaela Illian

Berlin. Die Regelversorgung leidet unter der Priorisierung der COVID-19-Patienten. 1,8 Millionen Patienten am Tag kommen unter normalen Bedingungen in die Praxen. Jetzt bleiben viele Ratsuchende aus. Darauf haben Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) am Donnerstagvormittag hingewiesen.

Therapeutische Fenster würden verpasst, mit einem Ansteigen der Todesfälle nach onkologischen Erkrankungen und unter chronisch kranken Menschen sei zu rechnen. „Wir brauchen den Ausstieg aus dem Krisenmodus“, forderte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen. „Wir laufen in eine Falle“, warnte der stellvertretende Vorsitzende der KBV Dr. Stephan Hofmeister.

Verzerrte Wahrnehmung

Angst vor verschleppten Krankheiten sei aktuell angebrachter als die Angst, die vor dem neuartigen Corona-Virus geschürt werde. „Man sät Angst, um Maßnahmen durchzudrücken und Grundrechte einzuschränken“, sagte Gassen. Aufgrund einer verzerrten Wahrnehmung der Realität, werde alles der Abwehr des Corona-Virus untergeordnet. Die Folge sei, dass viele, auch kranke Menschen sich vor dem Besuch von Arztpraxen fürchteten und Vorsorgeuntersuchungen ausfallen ließen. Eine nicht wahrgenommene Darmspiegelung könne aber bedeuten, dass möglicherweise vorhandene Polypen sich zu Krebs auswüchsen.

Rund 40 .000 akut mit SARS-CoV-2 infizierten Menschen stünden 2,1 Millionen Menschen mit COPD , 2,5 Millionen mit Herzinsuffizienz, sieben Millionen mit Diabetes mellitus und 19 Millionen mit Bluthochdruck gegenüber, macht die KBV eine neue Berechnung des Behandlungsbedarfs auf. Das bedeute nicht, dass man die Infekt- und Coronasprechstunden einstellen wolle. Dort kämen allerdings oft nur drei, vier oder fünf Patienten am Tag vorbei.

Gassen forderte, das Infektionsgeschehen stärker anhand handfester Daten zu beurteilen. Modelle von Epidemiologen seien nur eingeschränkt hilfreich. „Die Pathologen sind gefordert“, sagte der KBV-Chef. Es sei gut, dass das Robert Koch-Institut nach anfänglicher Zurückhaltung inzwischen Obduktionen wieder empfehle. An der Technischen Hochschule Aachen werde nun das Deutsche-Register COVID-19-Infektionen eingerichtet. Erkenntnisgewinne könnten Antworten auf die Frage sein, woran die Menschen tatsächlich sterben, sagte Gassen.

Rückkehr zum Normalbetrieb gefordert

„Das Verschieben von elektiven Leistungen wird uns einholen“, sagte Stephan Hofmeister. Es werde viel Verschobenes abgearbeitet werden müssen. Die Zahlenverhältnisse machten deutlich, dass die Praxen dringend zum Normalbetrieb zurückkehren müssten, sagten die KBV-Vorstände. Das bedeute nicht, dass man alle Vorsicht fahren lassen solle. Im Gegenteil müsse dafür gesorgt werden, dass die verfügbare Schutzausrüstung dem medizinischen Personal zur Verfügung gestellt werden müsse.

„Die Liefermengen, die den Vertragsärzten versprochen wurden, sind noch lange nicht da“, sagte Hofmeister. Eine Maskenpflicht in Praxen, wie sie in Mecklenburg-Vorpommern gelten soll, halten die KV-Vorstände für nicht zielführend. Die in der Regel selbst hergestellten Masken hätten symbolischen Wert, aber keine Schutzwirkung.

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