Niedersachsen

Keime aus der Klinik-Kanalisation

Reporter des Norddeutschen Rundfunks haben in zwölf Bächen, Badegewässern und Kanalisationen Niedersachsens zum Teil hohe Konzentrationen MRE gefunden – auch in der Kanalisation des Osnabrücker Klinikums.

Christian BenekerVon Christian Beneker Veröffentlicht:
Untersuchung von Trinkwasserproben im niedersächsischen Landesgesundheitsamt in Hannover.

Untersuchung von Trinkwasserproben im niedersächsischen Landesgesundheitsamt in Hannover.

© Julian Stratenschulte/dpa

OSNABRÜCK. Multiresistente Erreger (MRE) in Badegewässern, in Flüssen und Bächen: Recherchen des Norddeutschen Rundfunks (NDR) ergaben, dass die Erreger auch aus Kliniken stammen, zum Beispiel aus dem Klinikum Osnabrück. In der Kanalisation des Klinikums fanden die NDR-Reporter MRE.

"Da das Klinikum Osnabrück MRE-besiedelte und zum Teil MRE-infizierte Patienten behandelt, ist davon auszugehen, dass die in der Kanalisation gefundenen MRE von diesen Patienten stammen", erklären Silvia Kerst und Dr. Christiane Berning des niedersächsischen Klinikums.

Es gehöre allerdings nicht zu den Aufgaben des Klinikums, die Abwässer auf Pathogene zu untersuchen. "Bislang gibt es bezüglich des Eintrages von MRE keine gesetzliche Regelung. Lediglich für hochkontagiöse Erkrankungen wie Ebola gibt es eine Empfehlung, die Abwässer zu sammeln", hieß es.

Keine Kontolle der Abwässer

Mit dem Fund ist also noch nicht viel gewonnen. "Vor allem fehlten genauere Erkenntnisse über den Zusammenhang von Fäkal-Keimen im Abwasser, antibiotischen Substanzen oder der Übertragung von Resistenzgenen zwischen Bakterien unter speziell diesen Bedingungen und der Wirkung nach Klärung in einer Kläranlage", erklären die beiden Vertreterinnen des Osnabrücker Klinikums.

Zusammengefasst: Bisher weiß niemand genau, wie groß die Ausbreitung tatsächlich ist und – was sie bedeutet.

Regine Szewzyk, Leiterin des Fachgebiets mikrobiologische Risiken im Umweltbundesamt (UBA), kommentiert die NDR-Ergebnisse: "Es ist doch klar, dass die resistenten Bakterien, die in der Klinik oder der Tierhaltung entstehen irgendwann in der Umwelt auftauchen", sagt sie der "Ärzte Zeitung". "Der Aufschrei wundert mich etwas."

Dass sich etwa ein immungeschwächter Patient mit einer Wunde in einem Badegewässer mit multiresistenten Bakterien infiziert, sei aber äußerst unwahrscheinlich. "Hinsichtlich der Badegewässer sehen wir deshalb keinen Handlungsbedarf für regelmäßige Untersuchungen", so Szewzyk.

"Wir würden sicher sehr viele verschiedene resistente Bakterien finden, wissen aber nicht, bei welchen Ergebnissen wir Maßnahmen fordern müssten."

Auch wenn das UBA kaum eine Infektionsgefahr sieht, begünstige doch die steigende Belastung mit MRE und Antibiotika in der Umwelt die Bildung neuer Resistenzen. "So könnten multiresistente Bakterien entstehen und in Kliniken eingeschleppt werden, Bakterien, gegen die gar keine Antibiotika mehr helfen", sagt die Wissenschaftlerin.

"Am besten ist es, wenn sie durch gezielten Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin und in der Tierhaltung gar nicht erst entstehen und in die Umwelt gelangen", sagt Szewzyk.

Weitere Klärstufe notwendig

Denn konventionelle Kläranlagen könnten Bakterien nur reduzieren – auch antibiotikaresistente Bakterien und Antibiotikaresistenzgene – und zwar um den Faktor 100 bis 1000, so Szewzyk. "Das klingt nach viel, aber bei hohen Konzentrationen im ungereinigten Abwasser reicht das nicht aus und man findet noch viele resistente Bakterien und andere Krankheitserreger im gereinigten Abwasser." Deshalb fordert das UBA eine weitere Stufe der Abwasserreinigung in den Kläranlagen, besonders da, wo das geklärte Wasser in Badeseen oder Trinkwasser-Ressourcen fließt.

Um aber Genaueres unter anderem über die Ausbreitung der MRE zu erhalten, hat das BMBF 2016 das Verbundprojekt "Biologische bzw. hygienisch-medizinische Relevanz und Kontrolle Antibiotika-resistenter Krankheitserreger in klinischen, landwirtschaftlichen und kommunalen Abwässern und deren Bedeutung in Rohwässern (HyReKA)" auf den Weg gebracht. Es soll systematisch resistente Erreger aus Risikoquellen suchen, etwa in Abwässern aus Krankenhäusern oder Tiermast- und Schlachtbetrieben. Im März sollen erste Ergebnisse vorgestellt werden.

Konsequenzen fürs Trinkwasser?

"Wir wollen wissen: Wie weit ist die Ausbreitung der Keime voran geschritten?", sagt Professor Martin Exner, Direktor des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit (IHPH) in Bonn, Leiter der Studie. "Woher genau stammen die Keime?"

Kann man mit belastetem Wasser noch Obst und Gemüse bewässern? Welches ist die medizinische Relevanz? Welche Konsequenzen für die Trinkwasseraufbereitung sind nötig? Besorgniserregend sei vor allem der Fund meldepflichtiger Colistin-resistenter Erreger sowie ESBL-bildender Bakterien, die unter anderem gegen Penicilline resistent sind, sagt Exner.

So testen die HyReKa-Forscher auch neue Reinigungsverfahren für Klärwerke, zum Beispiel UV- Bestrahlungen, Reinigung durch Ozon oder per Aktivkohlefiltrierung-Verfahren, die auch andere Schadstoffe und Krankheitserreger wie Viren und Parasiten reduzieren können.

Eventuell müsse man früher als im Klärwerk in den Wasserkreislauf eingreifen, meint Exner. "Möglicherweise gibt es auch Abwasserreservoire im medizinischen Bereich, die wir berücksichtigen müssen", sagt Exner. Das sieht auch das Klinikum Osnabrück so.

Die Funde des NDR sollten das Bewusstsein schärfen, teilen Vertreter des Hauses mit, "dass wir alle auf den Wasserkreislauf einwirken und somit eine Verantwortung in puncto Grundwasserschutz haben".

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